Die Bank

in #chriary3 years ago (edited)
2023-04-28


Es war einmal eine weiße Bank. Sie gehörte nicht zu den schönsten Bänken, die mit liebevoll verschnörkelten, geschmiedeten Armlehnen und Sitzflächen aus edlen Hölzern zum Verweilen einladen, doch sie war sehr robust und wetterbeständig. Ihre schweren Betonbeine wiesen darauf hin, dass die Bank lange ihre Bank stehen könnte. Diese erst auf dem zweiten Blick perfekte Bank, wurde vor über 30 Jahren von einer kleinen Gemeinde gekauft und an einem idealen, sonnigen Plätzchen an einer kaum befahrenen Straße direkt am Waldrand aufgebaut. Nach anfänglicher Euphorie, wie Dorfchronik sowie den Memoiren der Bank zu entnehmen ist, wurde die Bank immer weniger genutzt und bald vergessen. Die arme einsame Bank versank vor Gram kontinuierlich tiefer im humosen Waldboden, Brombeerranken überwucherten sie von Jahr zu Jahr stärker. Selten wurden vereinzelte Jugendliche an der Bank gesichtet, die dort heimlich rauchten. Wie häufig die Bank tatsächlich für diesen Zweck genutzt wurde, konnte die Dorfbevölkerung nur beim jährlichen Dorfputz erahnen - der einzige Termin, an dem von der Bank wirklich Notiz genommen wurde. Die Bank war sehr traurig, wenn sie sich anhören musste, was für ein Schandfleck sie sei, aber glücklicherweise passierte dies in der Regel nur einmal im Jahr. Ebenso traurig war die Bank, wenn sie Radfahrer sah, die am Rande des „Naturpark Holsteinische Schweiz“ auf Tour waren und die weiße Bank auf der Suche nach einer Rastmöglichkeit nicht einmal wahrnahmen. Alles, was die Bank in ihrem tristen Dasein noch tun konnte, war, ihren Standort zu genießen. Im Rücken den kleinen, vor Wind schützenden Wald, blickte sie nach vorn auf ein winziges Feuchtbiotop, umgeben von urig gewachsenen Weiden und alten Eichen. Davor lag eine brachliegende Weidefläche. Etwas langweilig war der Bank durchaus. Viel war nicht zu sehen, aber schön ländlich-ruhig war es stets.

Plötzlich kam Leben auf die Weide direkt vis-à-vis. Vier- und Zweibeiner gingen auf der Koppel ein und aus, Obstbäume wurden gepflanzt, Zäune gezogen. Die Bank beobachtete das rege Treiben und genoss die Abwechslung. Dabei entging ihr, dass auch sie beobachtet wurde – und zwar von den neuen Pächtern, denen die stabile Sitzgelegenheit immer wieder ins Auge stach. Eines Tages (im Hier und Jetzt vor drei Wochen) standen jene mit schwerem Gerät in Form von Astscheren, Spaten und sehr dicken Arbeitshandschuhen vor der Bank. Die Bank erstarrte vor Angst. Sollte sie als „Schandfleck“ nach all den Jahren nun einfach entsorgt werden? Doch die Bank wurde nur sanft zur Seite gestellt und es ging den Brombeeren und deren Wurzeln an den Kragen. Helfer organisierten und verlegten alte Gehwegplatten – die Baugenehmigung zur Bebauung von Gemeindeland konnte dank Anwesenheit der stellvertretenden Bürgermeisterin auf dem kurzen Dienstweg erlangt werden -, während der spröden, grünlichen Haut der Bank eine angenehme Bürstenmassage zuteil wurde.
„Wow, was für ein Plätzchen!“, hörte die nun mit stolzer Brust ganz locker vier in die Sonne blickende Personen tragende Bank noch am selben Nachmittag.

In Windeseile verwandelte sich das Aschenputtel, das – im wahrsten Sinne des Wortes – Dornröschen, zum Treffpunkt. Saßen ein bis zwei Dorfbewohner auf der Bank, kamen rasch weitere für ein ausgedehntes Schwätzchen hinzu. Die Dorfältesten ölten ihre Rollatoren, die Jugendlichen waren nun etwas älter und warfen ihre Kippen in den zusätzlich aufgestellten kleinen Mülleimer. Ganze Familien nutzen die Bank – die Eltern saßen darauf, während ihre Kinder Dreirad und Skateboard auf der Straße fuhren, auf der zwei- bis viermal täglich ein Trecker manövriert. Und plötzlich saßen da auch Touristen. Radfahrer, die für eine kleine Pause anhielten. Diese genossen den schönen Blick und erfreuten sich an den beiden handzahmen Böcken, die durch ihr drolliges Gebaren erfolgreich versuchten, die Aufmerksamkeit der Fremden auf sich zu lenken.

Und so konnte auch ich nach einem längeren Hundespaziergang heute für einen kleinen Klönschnack an der Bank jemanden antreffen. Wir tauschten alltägliche Belanglosigkeiten aus, die es nicht schaffen, in diesem „Diary“ erwähnt zu werden.
„Aber sehr nett war es trotzdem“, dachte die weiße Bank glücklich.


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Einladend!

Und apropos Papierkorb: ich rege mich nur allzu häufig über Müll in Wald und Flur auf - aber an Wanderwegen Mülleimer aufzustellen fällt nur den wenigsten Gemeinden ein. Ihr seid da also ganz weit vorneweg.

Einladend!

Was jetzt? Das "Märchen" oder die Sitzgelegenheit?... :-))

Die "Vorhut" in einigen Bereichen liegt an unserer Winzigkeit. Alles, was wir nicht in Eigenleistung von freiwilligen Dorfbewohnern (immer dieselben...) machen, wird nicht gemacht. Ich habe kein Problem damit, immer mal wieder nach dem Müllbeutel zu schauen und ihn ggf. im eigenen Hausmüll (Oh Schreck, auf eigene Gebührenkosten, weil hier nach Füllvolumen abgerechnet wird... LOL) zu entsorgen.

I think this post can be a model. It should be shown to everyone who cannot write more than two sentences under a photo.

I had already started to worry about the bench...

Thank you very much. When the reader starts to worry about the bank, the author has succeeded in building tension. Can there be a nicer feedback?!... ;-)
Btw, it worked better with the translation this time, didn't it?

Btw, it worked better with the translation this time, didn't it?

Much better! The text read perfectly :) You did something magical.