Betriebsbefragungen - vorläufiger Stand / Company surveys - preliminary status

in Deutsch Unplugged4 years ago

english below...

Vor einigen Wochen schrieb ich hier über meine temporäre "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme": weil meine Auftragslage immer noch recht mau aussah, habe ich mich für eine Erhebung verdingt, bei der Firmen über spezifische Probleme befragt werden. Diese Studie im Auftrag des Instituts für Arbeitsmarktforschung, des Bundesinstituts für Berufliche Bildung und des Bundesarbeitsministeriums läuft bereits seit 21 Jahren, beschäftigt sich aber aktuell natürlich besonders mit Belastungen durch die Corona-Pandemie und das u.a. kriegsbedingt veränderte Preisgefüge am Markt.

https://steemit.com/hive-146118/@weisser-rabe/update-so-sieht-s-aus-update-this-is-how-it-looks

Die diesjährige Welle ist noch nicht abgeschlossen, aber es ist Zeit für eine Zwischenbilanz: die sogenannten Panelpartner - Firmen, die jedes Jahr wieder an diesen Befragungen teilnehmen und daher über die Zeit einen sehr guten Einblick in veränderte Marktsituationen und -bedingungen geben können, wurden mittlerweile abschließend interviewt. Es folgen in den kommenden Wochen noch sogenannte Aufstocker, also zufällige Stichproben neuer Teilnehmer, die aber etwas anders aufgebaut sind und daher für das, was ich hier zusammenfassen will, gar keine große Rolle spielen...

Meine Zielgruppe sind weder Kleinselbständige, Solounternehmer noch große Konzerne; mein Fokus liegt also auf dem klassischen Mittelstand - Unternehmen mit zwischen 5 und 249 Mitarbeitenden. Ich selbst habe 58 Interviews durchgeführt, insgesamt wurden bundesweit 6.800 Firmen befragt. Da diese Studie normalerweise mittels persönlicher Gespräche vor Ort am Betriebsstandort durchgeführt wird, werden die Kontakte wohnortnah zugewiesen, das heißt, die von mir Befragten sind alle in und um Berlin ansässig. Nichtsdestotrotz wurde auch in diesem Frühjahr telefonisch interviewt: auch rotierende Kundenbesuche könnten als Pandemietreiber verstanden werden und sollen weiterhin die Ausnahme bleiben...

Okay - bevor ich zu einzelnen Aussagen komme, hat mich am meisten die unglaubliche Bereitschaft der Firmen, dort meist der für Personal oder Ausbildung zuständigen Personen, sich überhaupt an solchen Studien zu beteiligen und dann auch äußerst freimütig und von der Leber weg mit uns zu reden, überrascht und natürlich erfreut im Sinne meiner Quoten ;-)) In aller Regel wird man mit der Bitte um Zeit, Aufmerksamkeit und Auskünfte in einen Sack gesteckt mit Handelsvertretern, Werbeleuten und Abzockern. Soll heißen, als Standardantwort bekommt man ein mehr oder weniger freundliches "Danke, aber nein, danke!" zu hören. Nicht so in diesem Fall. Ich habe mich willkommen gefühlt. Leider mußte ich zu der Überzeugung gelangen, daß es nicht an meiner bestechenden Persönlichkeit liegt, sondern an der Tatsache, daß niemand sonst den Leuten zuhört, wenn es um ihre Nöte und Probleme geht. Alle üblichen Anlaufstellen - Innungen, Knappschaften, Berufsgenossenschaften, Kammern, Standesvertretungen - waren mit der Pandemiesituation völlig überfordert und in ihren eigenen Home-Office-Improvisationen kaum ansprechbar für ihre Mitglieder. Das kam mir schon recht ernüchternd vor, wenn man die teilweise nicht unerheblichen Beiträge berücksichtigt, die Firmen jährlich dorthin abführen müssen...

Sollte eine Konsequenz unserer Auswertung lauten, daß diese Institutionen gründlich reformiert werden, stellt mich das schon einmal zufrieden! Aber was bekam ich sonst noch zu hören...? Alles. Eine unendliche Bandbreite an Geschichten. Solche von Firmen, die es heute nicht mehr gibt, weil sie entweder durch Auftragsrückgänge oder direkt beschränkende Maßnahmen die zwei Jahre nicht überstanden haben. Andere von Firmen, die ihren Umsatz, Mitarbeiterbestand und Gewinn verdreifachen konnten. Zu letzteren zählen z.B. Lieferfirmen aller Art, IT-Anbieter, Produktionsstudios, Gebrauchtwagenhändler, Baumärkte (zu meiner Verblüffung mit großen Abstand zum Wettbewerb Hornbach ;-)) oder die online-Spiel-Industrie (es gab scheinbar einen regelrechten Boom bei online-Versionen von Escape-Rooms...) Die von der Bildfläche verschwundenen sind Einzelhändler, Gastronomen oder Reiseveranstalter, denen die Geschäfte teils geschlossen wurden, teils die Kunden wegblieben. Dies wiederum entweder aus Sorge vor Ansteckung, aus Frust über Auflagen und Beschränkungen oder der zurückgegangenen Einkommen wegen. Die Überbrückungsgelder, die als Zuschuß beantragt werden konnten, wurden zu einem großen Prozentsatz wieder zurückgefordert. Die Bedingugen dafür wurden mehrfach neu formuliert, so daß man sie zunächst erfüllte, später jedoch nicht mehr. Die Antragsverfahren wurden verändert und bei Ausschöpfung der Fördertöpfe war eine Antragstellung gar nicht mehr möglich. Ich weiß, daß für Angestellte durchaus gute Instrumente wie die erweiterte Kurzarbeiterregelung oder die verlängerte Kinderkrankenzeit eingeführt wurden. Für Gewerbetreibende und Unternehmer dagegen sah und sieht es kläglich aus. Manche Firmen hätten gut gefüllte Auftragsbücher gehabt, gerade im handwerklichen Bereich. Hier führten Quarantäneregelungen zu Personalmangel auch bei den Zulieferern und es wurden vielfach vereinbarte Fertigstellungstermine verpaßt. Daraus resultieren Vertragsstrafen, diesbezügliche juristische Auseinandersetzungen, die sich die nächsten Jahre hinziehen dürften. Wieder andere Branchen erfanden sich komplett neu: was es an Messebau und Veranstaltungsservice zwei Jahre lang nicht zu tun gab, verwandelte sich in Test- und Impfinfrastruktur. In Massenlogistik und Unterstützungsleistung.

Die nach meiner Wahrnehmung mehrheitlich gebeutelten Unternehmen, die in der Hoffnung, sich jetzt, mit den auslaufenden Corona-Maßnahmen, langsam wieder sanieren zu können, guten Mutes ins Frühjahr gestartet sind, dämpfen bereits ihre Erwartungen als verfrüht. Die massiv ansteigenden Kosten in vielen Bereichen überrollen branchenübergreifend alle. Wo es keine gesunde Basis mehr gibt nach zwei Jahren reinen Überlebens, kann man diese Herausforderung nicht stemmen. Hier sind Insolvenzen und Geschäftsaufgaben vorprogrammiert.

Ich habe insgesamt sehr reflektierte Menschen erlebt, die nüchtern berichteten, was ihnen passiert ist, was sie unternommen haben, wie sie resignierten, was sie nicht ändern konnten und was daraus folgt. Es waren sachliche Gespräche, vereinzelt mit wütendem Unterton. Daß es um Verzweiflung geht, um Angst und Hoffnungslosigkeit, haben die wenigsten bereits voll umfänglich realisiert...

Es wird im Sommer noch einen weiteren Bericht dazu von mir geben. Nach Abschluß der Studie erarbeiten wir einen Katalog von Vorschlägen und Wünschen (aus Sicht der Befragten), wie bestimmte Problemlagen entschärft werden könnten, was direkt als hilfreich wahrgenommen würde und was dringend benötigt wird von Seiten der Politik. Bis dahin bin ich ganz froh, daß ich mich wieder mehr auf meine eigentliche Arbeit konzentrieren kann - das macht deutlich zufriedener und weniger depressiv...

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english version:

A few weeks ago I wrote here about my temporary "job creation measure": because my order situation still looked pretty lousy, I hired myself out for a survey in which companies are asked about specific problems. This study, commissioned by the Institute for Labour Market Research, the Federal Institute for Vocational Education and Training and the Federal Ministry of Labour, has already been running for 21 years, but is currently of course particularly concerned with the strains caused by the Corona pandemic and the changed price structure on the market due to the war, among other things.

https://steemit.com/hive-146118/@weisser-rabe/update-so-sieht-s-aus-update-this-is-how-it-looks

This year's wave is not yet finished, but it is time for an interim balance: the so-called panel partners - companies that participate in these surveys every year and can therefore give a very good insight into changing market situations and conditions over time - have now been interviewed. In the coming weeks, so-called top-up participants will follow, i.e. random samples of new participants, but they are structured somewhat differently and therefore do not play a major role in what I want to summarise here...

My target group is neither small self-employed people, solo entrepreneurs nor large corporations; my focus is therefore on the classic SMEs - companies with between 5 and 249 employees. I myself conducted 58 interviews, a total of 6,800 companies were surveyed nationwide. Since this study is usually conducted by means of personal interviews on site at the company location, the contacts are assigned close to home, which means that the people I interviewed are all located in and around Berlin. Nevertheless, telephone interviews were also conducted this spring: rotating customer visits could also be understood as pandemic drivers and should remain the exception...

Okay - before I come to individual statements, what surprised me most was the unbelievable willingness of the companies, there mostly of the persons responsible for personnel or training, to participate in such studies at all and then also to talk to us extremely frankly and off the cuff, and of course delighted me in the sense of my quotas ;-)) As a rule, when you ask for time, attention and information, you are put in the same bag as sales representatives, advertising people and rip-off artists. In other words, the standard response is a more or less friendly "Thanks, but no thanks! Not so in this case. I felt welcome. Unfortunately, I had to come to the conclusion that it was not due to my captivating personality, but to the fact that nobody else listens to people when it comes to their needs and problems. All the usual contact points - guilds, miners' guilds, professional associations, chambers - were completely overwhelmed with the pandemic situation and hardly approachable for their members in their own home-office improvisations. This seemed quite sobering to me, considering the sometimes not inconsiderable contributions that companies have to pay there every year...

If one consequence of our evaluation is that these institutions are thoroughly reformed, I am already satisfied! But what else did I hear...? Everything. An endless range of stories. Those of companies that no longer exist because they didn't make it through the two years either due to a drop in orders or directly restrictive measures. Others of firms that tripled their turnover, headcount and profits. The latter include e.g. delivery companies of all kinds, IT providers, production studios, used car dealers, DIY stores (to my amazement by a wide margin to the competition Hornbach ;-)) or the online game industry (there seemed to be a real boom in online versions of Escape Rooms...). Those who disappeared from the scene are retailers, restaurateurs or tour operators, some of whom closed their shops, others lost customers. Again, either because of fear of contagion, frustration with regulations and restrictions, or reduced income. A large percentage of the bridging funds, which could be applied for as subsidies, were reclaimed. The conditions for this were reformulated several times, so that they were fulfilled at first, but later they were no longer fulfilled. The application procedures were changed and when the subsidies were exhausted it was no longer possible to apply. I know that for employees quite good instruments were introduced, such as the extended short-time work scheme or the extended sick leave for children. For tradespeople and entrepreneurs, on the other hand, things looked and still look miserable. Some firms would have had well-filled order books, especially in the craft sector. Here, quarantine regulations led to a lack of staff, also among suppliers, and in many cases agreed completion dates were missed. This has resulted in contractual penalties and legal disputes that are likely to drag on for years. Still other sectors completely reinvented themselves: what there was nothing to do for two years in terms of exhibition stand construction and event services was transformed into testing and vaccination infrastructure. Into mass logistics and support services.

The majority of companies, which in my view have been battered, started the spring in good spirits in the hope that they would now be able to slowly rehabilitate themselves with the expiring Corona measures, but are already dampening their expectations as premature. The massively rising costs in many areas are overrunning all sectors. Where there is no longer a healthy basis after two years of pure survival, it is not possible to meet this challenge. Insolvencies and business closures are inevitable.

Overall, I experienced very reflective people who soberly reported what happened to them, what they did, how they resigned, what they could not change and what follows from it. They were objective conversations, occasionally with angry undertones. Only a few have fully realised that it is about despair, fear and hopelessness...

There will be another report from me in the summer. After the study is completed, we will compile a catalogue of suggestions and wishes (from the point of view of the interviewees) on how certain problem situations could be alleviated, what would be directly perceived as helpful and what is urgently needed on the part of politics. Until then, I am quite happy that I can concentrate more on my actual work again - that makes me much happier and less depressed...

20% der Erträge gehen an den Community-Account ;-)) / 20% of the proceeds go to the community account ;-))

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 4 years ago 

hat mich am meisten die unglaubliche Bereitschaft der Firmen [...] überrascht

Das war auch so mein erster Gedanke. Angesicht der Situation, in der sich manche Firmen befinden, auch noch Befragen über sich ergehen zu lassen, fand ich ebenfalls sehr überraschend. Insbesondere wenn ich daran denke, wie genervt ich reagiere, wenn wieder einmal irgendeiner am Telefon mir irgendwelche Fragen stellen möchte...

Die Überbrückungsgelder, die als Zuschuß beantragt werden konnten, wurden zu einem großen Prozentsatz wieder zurückgefordert.

Das ist immer wieder zu beobachten. Viele Förderungen hören sich in Presse etc. sehr interessant an. Wenn es aber an die Details geht, sieht es mau aus. Da erfüllen viele die Voraussetzungen nicht. Manche finden das erst im Nachhinein heraus und sind dann überrascht, dass sie das Geld wieder zurückzahlen müssen. Ich habe eine lange Zeit in der Förderbranche gearbeitet. Der ganze Aufwand, sowohl auf Seiten der Antragsteller, als auch auf Seiten der Fördergeber, lohnt sich meist nicht wirklich. Ohne konkrete Zahlen belegen zu können, würde ich behaupten, dass für 1 Euro Förderung rund 0,50 Euro Kosten entstehen...

Wirklich sehr interessant die Ergebnisse und die Entwicklung. Bin gespannt auf den Bericht im Sommer und evtl. auf Folgeberichte im nächsten Jahr.

58 interviews I. All is not an easy task. So, what happens after the survey? Is there anything you do to curtail the situation?

Nice shot.

 4 years ago 

Yes, there will be an evaluation. The economists and labour market experts who commissioned us will derive recommendations for policy from it. At the moment, however, I have doubts whether they will be listened to...

Ja, es wird eine Auswertung geben. Die Wirtschaftswissenschaftler und Arbeitsmarktexperten, die uns beauftragt haben, werden daraus Empfehlungen an die Politik ableiten. Aktuell habe ich allerdings Zweifel, ob sie Gehör finden werden...

Well, I pray it goes as you wish. COVID-19 was a blow on most economies around the world. I hope we learn the lesson to prepare for the future.

Very good initiative

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