Es gibt so Tage... - Fremdkörper
Wir sind Menschen, keine Maschinen. Darum ist nicht jeder Tag gleich gut oder gleich schlecht für uns. Wir kennen Launen und Befindlichkeiten, wir hadern manchmal mit uns selbst. Dann wieder sprühen wir vor Energie und Optimismus... Das kann ein Auf und Ab wie auf einer Achterbahn sein, oder sich in gemächlicherer Weise abspielen. Es macht uns lebendig. Abgesehen von extremen Ausprägungen, die vielleicht professionell begleitet werden sollten, empfinde ich das intensive Verspüren von Emotionen als lebensbejahend, auch wenn sie sich zeitweise nicht positiv anfühlen. Ich möchte sie also nicht missen, die schwachen Momente und die kraftvollen Highlights. Und darum ist das Folgende nur ein kleines bißchen ernst gemeint ;-))
Bin heute mit einem Fremdkörper unterwegs. Also im Grunde ist es ja mein Körper – doch das fühlt sich gerade nicht so an.
Schon als ich morgens aufstehen wollte, war es so, als würde mein Körper sagen: "Geh schon mal vor, ich bleibe noch etwas länger liegen." Da ich nicht streiten wollte, gab ich ihm dreißig Minuten Bedenkzeit und döste noch ein wenig weiter. Doch auch danach blieb er bockig. Nun musste ich handeln, um nicht zu spät zum Arbeiten zu kommen. Also zwang ich ihn dazu, mit mir ins Bad zu gehen.
Erstaunlicherweise erkannte ich mich im Spiegel sofort wieder – im Gegensatz zu vielen anderen Tagen um diese Uhrzeit. Heute war mir aber das Gesicht, das ich dort erblickte, gut bekannt, und daher begrüßte ich mich aufs herzlichste. Mein Körper blieb mir dagegen weiterhin fremd. Er war so schwer und träge. Außerdem schien jeder Muskel in ihm total verhärtet zu sein, jede Bewegung tat weh. Es war so, als hätte er mehrere Tage lang Sysiphos vertreten müssen – aber das würde ich ja wohl wissen.
Auch im weiteren Verlauf des Morgens versagte er mir die Zusammenarbeit. Waschen und Zähneputzen ging ja noch. Doch beim Anziehen meiner Socken wurde er dann wieder störrisch und zwang mich dazu, mich dabei auf mein Bett zu setzen. Und genau damit war ich ihm in seine Falle gegangen, denn er weigerte sich schlicht und ergreifend, wieder aufzustehen.
Nun saß ich also da und starrte leicht apathisch ins Nirgendwo. Die ratternden Gedankenkreise in meinem Kopf wurden langsam weicher und begannen sich allmählich in ein wohliges Nichts aufzulösen. Meine Augen wurden immer schwerer. Fast hätte ich mich wieder zurück ins Bett gelegt. Aber im letzten Moment – ich war schon dabei, in Richtung Kopfkissen zu kippen – gelang es mir mit eisernem Willen das Zepter wieder in die Hand zu nehmen.
Zum Glück hatte ich heute Vormittag keine Termine. So war die dreißigminütige Verzögerung kein Problem. Doch auch den Rest des Tages verweigerte dieser verdammte, also mein, Körper jegliche Kooperation. Jede Bewegung erschien mir wie ein Kraftakt und in Zeitlupe zu verlaufen. Während mein Kopf schon den ersten Satz eines Anschreibens formuliert hatte, kämpften meine Finger noch mit dem ersten Buchstaben; zwischen dem Plan, ein Telefonat zu führen, und dem Nummer tippen im Handy verging eine gefühlte Ewigkeit; und selbst das Aufstehen, um mich mittags etwas zu stärken, war Schwerstarbeit.
Jetzt habe ich endlich Feierabend – für diesen Tag und diese Woche, doch dieser Fremdkörper sitzt, so als wäre er tonnenschwer, auf meinem Bürostuhl und lässt sich keinen Millimeter bewegen. Er verweigert sich mir komplett. Ich werde wohl Überstunden machen müssen…
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Willkommen im Club. Das ist erst der Anfang. Alt werden ist nichts für Feiglinge.
Okay. Sehe ich auch so. Hat aber noch gut 40 Jahre Zeit!!!!
Im Ernst: ich habe meine Großeltern voll fit 104 bzw. 106 werden sehen, jeden Tag auf ihrem Feld und agil und geistig auf der Höhe... Das setzt die Meßlatte schon recht hoch.
Herzlichen Glückwunsch zu deiner genetisch so robust ausgestatteten Keimbahn. Da hast du ja die besten Aussichten, die Energiewende tatsächlich noch zu erleben.
Oha. So kann man es sehen. Mit den vorliegenden, mangelhaften Informationen. Meine Großeltern waren nicht meine leiblichen Vorfahren, insofern ist das mit der genetischen Keimbahn leider nicht so einfach. Da ich das selber erst als nicht mehr ganz junge Erwachsene erfahren habe, benenne und fühle ich sie trotzdem weiter als meine Großeltern.
Ist auch irgendwas „normal“ in deinem Leben?
Ich betreue seit 4 Monaten einen 96-jährigen. Meine Aufgabe lautet: Allgemeine Unterstützung, nach seinem Gusto. Der Mann hat an Siechtum so ziemlich alles, was man in seinem Alter haben kann. Trotzdem hat er in der ganzen Zeit nicht ein Mal über seine diversen Zustände gejammert. Der alte Knabe hat trotz einschränkender Lähmungen hier und da, eine astreine Körperspannung. Es ist ermutigend in dieser Seuchenzeit, inmitten all der kollektiven Befindlichkeiten, so eine vorbildliche Selbstbeherrschung zu sehen. Er gewinnt dem Leben jede kleine Freude ab, die er erhaschen kann. Wir haben viel Spaß miteinander.
Normal ;-(( Wie geht das?
Nee, im Ernst: ich bin ja irgendwie nicht ohne Grund so, wie ich bin. So was kommt von so was...
Zum Glück hat dir niemand im Park deine Handtasche entwendet, aber bis dahin hätte dein Körper es garnicht erst geschafft. Die Verfolgung des Täters wäre nicht so erfolgreich gewesen wie "neulich".
Hihi! Nee, diesmal hätte ich bestimmt voll auf Opfer gemacht ;-))
Hchja, das HerzEnde , vielleicht "denkt" das KörpErnde genau so über das HerzEnde , wie das Du über das KörpErnde ?
#PIEPSEGRINZ .
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Mein Körperndes denkt nicht wirklich. Das schleicht oder trampelt oder stürmt - je nach Tagesform ;-))
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