Ein Abend mit Trip Hop der Speed Renegades | An evening of Trip Hop with the Speed Renegades
Ein Abend mit Trip Hop der Speed Renegades
[English version be slow below]
„Ja nee, das ist ja eine Überraschung! Hallöchen! Wie geht’s? Euch habe ich ja lange nicht gesehen! Schön, dass ihr zu meinem heutigen Auftritt alle gekommen seid! Da hat sich der lange Aufenthalt in der Maske für mein frisches Make-up ja gelohnt.
Leider habe ich heute Mittag etwas zu viel Linsensuppe gegessen, das drückt jetzt doch ein bisschen in meinem Magen, und ich denke, ab zu und muss Tom hier meinen Gesangspart übernehmen. Dafür bekommt er auch etwas mehr Taschengeld.
Wie ich sehe, hat es sogar der Räuberhauptmann heute endlich geschafft, uns mit seinem Besuch zu beehren! Das wird seinen Liebeskummer etwas mildern, denke ich, denn immer dann, wenn ich trällere wie zwei Rotkehlchen und eine Amsel, bekommt er glänzende Augen.
Der heutige Abend beginnt mit dem Lied, das ihr wohl alle kennt, denn es wird tagein, tagaus im Radio Absurdistan gespielt. Also, Schnorchel in die linke Hand, Schwimmflossen in die rechte, und ab an den Strand!
Wer sich dabei erkältet, oder wer schon erkältet ist, oder wer einfach nur Lust darauf hat, bekommt hier vorne neben der Bühne gratis Salbeitee. Wer keinen möchte, nimmt sich ein Eis aus der Kühltruhe. Und nicht vergessen: Lachen ist die beste Medizin!“
Das Publikum kicherte nach dieser Ansprache, denn in dem ganzen Unsinn waren die Titel unserer zehn meist heruntergeladenen Songs versteckt, und natürlich erkannten die meisten der Anwesenden das als eine Ankündigung der heutigen Set-List. Wir, das sind die Speed Renegades, und wir spielen deutschsprachigen psychedelischen Trip Hop in einer Mischung aus Massive Attack und Vanilla Fudge.
Der Text im Song ‚Make-up‘ handelt von einem jungen Mann, der sich darauf spezialisiert hat, die Make-ups aller seiner Freundinnen am Geschmack eines Wangenkusses zu erkennen. Aber eines Tages passiert, was passieren musste: Er trifft eine Frau ganz ohne Make-up und wird von ihr geheilt.
Natürlich geht es in ‚Linsensuppe‘ um eine Geschichte, in der ein hungriger Jäger sich von seinem findigen Bruder überreden lässt, ihm das Erstgeburts- und Erbrecht zu verkaufen. Diese Geschichte spielt sich jedoch nicht wie gewohnt in Palästina ab, sondern im Samurai-Land Hokkaido, und es kommt zu einem Schwert-Kampf.
„Vorwärts in die Vergangenheit!“ So lautet der Refrain in ‚Taschengeld‘. Ein fiktiver Jugendlicher erzählt darin von seinem Versuch, niemals erwachsen zu werden, aber finanzielle Unabhängigkeit zu gewinnen mit bedingungslosem Grundeinkommen.
Das Stück geht nahtlos über in den ‚Räuberhauptmann‘, wo die Hauptfigur den Leiter des örtlichen Finanzamtes zu bestechen versucht, indem er ihm kostenfrei Thüringer Bratwürste bis an sein Lebensende verspricht. Wer von beiden der Räuberhauptmann ist, bleibt allerdings offen.
Bevor wir zum Song ‚Liebeskummer‘ kommen, machen wir in der Regel eine kleine Show-Einlage, indem ich zwei Jungs aus der vordersten Reihe auf die Bühne holen lasse und diese dann zu ihrem größten Liebeskummer interviewe. Viele Kritiker meinen, das sei mit diesen abgesprochen, aber das ist es nicht, denn das ist gar nicht nötig. Die Einlage ist so bekannt, dass sich viele schon im Voraus eine hübsche Geschichte zurecht spinnen, die möglichst wenig zu tun hat mit dem echten Leben.
Wenn dann der Synthesizer eine Amsel in Zeitlupe imitiert, johlen meistens die Mädchen schon die Hook Line des Songs vom ‚Rotkehlchen‘: „Blaue Augen, gelbes Haar, rote Kehle – ist nicht wahr!“ Dazu werden statt der Feuerzeuge oder Smartphones gerne rote Fahrrad-Rücklichter geschwenkt. Das ist eine Anspielung darauf, dass im Song-Text ein Fahrrad-fahrendes Mädchen so schnell durch die Straßen saust, dass alle von ihr nur die rote Mähne und das Rücklicht kennen.
Was soll ich noch sagen zu den Tropfen im Song ‚Schwimmflossen‘, jeder kennt ihre tragische Geschichte, wie sie an den Strand geschleppt werden und dort verdunsten, als hätte es sie nie gegeben. Das extrem langsame Schlagzeug-Solo von Sid lässt die ganze Tragödie fühlbar werden.
Dann bringt Tom mir den Salbeitee aus dem Bühnenhintergrundbereich, Backstage, mir ist gerade das Wort nicht eingefallen, und natürlich weiß niemand, dass in dem Teebecher in Wahrheit etwas anderes ist, nein-nein, das hat noch nie jemand bemerkt… Kleiner Scherz! Logischerweise, weil nämlich im Text genau berichtet wird, wieviele Tropfen Salbeitee auf einen Schierlingsbecher genommen werden müssen, können sich alle denken, dass ich etwas anderes drin habe. Aber was? Darüber wird viel gerätselt, und da Tom mir jedes Mal etwas anderes bringt, wird es so schnell auch niemand erfahren.
In der Kühltruhe ruhen nicht nur gefrorene Hühnchen, zumindest nicht im gleichnamigen Song, sondern durchaus auch heiße Schokoladen. Wer wissen will, wie das möglich ist, muss sich einfach mal den Songtext anhören oder selbst einen ausdenken.
Bis hierhin haben wir also neun Songs gespielt, jeder davon ist rund 10 Minuten lang, und der Auftritt der Speed Renegades zu Ende. Aber zum Ausklang gibt es ‚Medizin‘, ob sie als Zugabe verlangt wird oder nicht. Falls nach ‚Medizin‘ noch eine Zugabe erklatscht und erjohlt wird, dann spielen wir diesen Song einfach rückwärts. Es ist ein Instrumentalstück und für einen Krebsgang geeignet, schöne Grüße von Johann Sebastian Bach und seinem ‚Musikalischen Opfer‘.
Bleibt mir noch: „Vielen Dank, Dankeschön! Bis zum nächsten Mal! Am Synthi Tom, am Schlagzeug Sid, am Bass Tante Polly, und ich bin Huck! Wir sind die…“ - und dann halte ich das Mikro in Richtung Saal, von wo es dröhnt: „Speeeeeeed Re-ne-gaaaaaades! Speeeeeeed Re-ne-gaaaaaades!“
An evening of Trip Hop with the Speed Renegades
“Oh my, what a surprise! Hello there! How are you? I haven’t seen you lot in ages! It’s lovely that you’ve all come to my gig today! All that time spent in the make-up room for my fresh make-up was definitely worth it.
Unfortunately, I ate a bit too much lentil soup at lunchtime, and it’s weighing a bit on my stomach now, so I think I’ll have to step aside and let Tom take over my singing part. He’ll get a bit more pocket money for it, though.
I see that even the bandit leader has finally managed to grace us with his presence today! I think that will ease his heartbreak a little, because whenever I warble like two robins and a blackbird, his eyes light up.
Tonight begins with the song you’re all probably familiar with, as it’s played day in, day out on Radio Absurdistan. So, snorkel in your left hand, swimming fins instead of swimming floats in your right, and off to the beach!
Anyone who catches a cold doing this, or who already has a cold, or who simply fancies it, can have some free sage tea up here by the stage. Anyone who doesn’t want any can help themselves to an ice cream from the freezer. And don’t forget: laughter is the best medicine!”
The audience chuckled at this speech, because hidden within all that nonsense were the titles of our ten most downloaded songs, and of course most of those present recognised this as a preview of today’s set list. We are the Speed Renegades, and we play German-language psychedelic trip hop, a mix of Massive Attack and Vanilla Fudge.
The lyrics in the song ‘Make-up’ are about a young man who has specialised in recognising all his girlfriends’ make-up by the taste of a kiss on the cheek. But one day, the inevitable happens: he meets a woman wearing no make-up at all and is healed by her.
Naturally, 'Lentil Soup' tells the story of a hungry hunter who is persuaded by his resourceful brother to sell him his birthright and inheritance. However, this story does not take place in Palestine as one might expect, but in the samurai land of Hokkaido, and a sword fight ensues.
“Forward into the past!” That is the refrain in ‘Pocket Money’. In it, a fictional teenager recounts his attempt never to grow up, but to gain financial independence through a universal basic income.
The piece flows seamlessly into ‘The Bandit Leader’, where the main character tries to corrupt the head of the local tax office by promising him free Thuringian bratwurst for the rest of his life. Which of the two is the bandit leader, however, remains unclear.
Before we get to the song ‘Heartbreak’, we usually put on a little show where I bring two lads from the front row up on stage and interview them about their greatest heartbreak. Many critics think this is pre-arranged with them, but it isn’t, because there’s no need for that. The interlude is so well-known that many already spin a nice little story in their heads beforehand, one that has as little to do with real life as possible.
When the synthesiser then imitates a blackbird in slow motion, the girls usually start chanting the song’s hook line from ‘Robin’: ‘Deep blue eyes, and yellow hair, red my throat – it is not fair!’ Instead of lighters or smartphones, fans often wave red bicycle rear lights. This is a nod to the fact that in the song’s lyrics, a girl on a bike races through the streets so fast that all anyone sees of her is her red mane and the rear light.
What else can I say about the drops in the song ‘Swimming Fins instead of Swimming Floats'? Everyone knows their tragic story – how they’re washed up on the beach and evaporate there, as if they’d never existed. Sid’s extremely slow drum solo makes the whole tragedy come alive.
Then Tom brings me the sage tea from the area behind the stage, hum, backstage area – I couldn’t think of the word just now – and of course nobody knows that there’s actually something else in the teacup; no, no, nobody’s ever noticed that… Just kidding! Logically, because the lyrics specify exactly how many drops of sage tea must be added to a cup of poisonous hemlock, everyone can guess that I’ve got something else in there. But what? There’s a lot of speculation about it, and since Tom brings me something different every time, no one’s going to find out any time soon.
It’s not just frozen chicken resting in the freezer, at least not in the song of the same name, but definitely hot chocolate too. If you want to know how that’s possible, you just have to listen to the lyrics or come up with your own.
So far, we’ve played nine songs, each about 10 minutes long, and the Speed Renegades’ set is over. But to round things off, we’ll play ‘Medicine’, whether or not it’s requested as an encore. If, after ‘Medicine’, the crowd claps and cheers for another encore, we’ll simply play this song backwards. It’s an instrumental piece and perfect for a crab walk – warm regards from Johann Sebastian Bach and his ‘Musical Offering’.
All that remains for me to say is: “Thank you very much, thank you! See you next time! On the synth, Tom; on the drums, Sid; on the bass, Aunt Polly; and I’m Huck! We are the…” – and then I hold the mic out towards the hall, from where the roar comes: “Speeeeeeed Re-ne-gaaaaaades! Speeeeeeed Re-ne-gaaaaaades!”
Hm, wie so oft frage ich mich Fragen nach dem Lesen deines Textes. Aber sind das Fragen, die schon beantwortet wurden? Oder sind es Fragen, derer Antworten es nicht bedarf?
Vielleicht ist aber auch nur von Bedeutung, dass der Text das Osterei ist, das sich uns ohne Suche offenbart... Unterhaltsam war er/es jedenfalls :-)
0.00 SBD,
0.64 STEEM,
0.64 SP
So geht es mir bei jedem einzelnen Gespräch ;-)))
Jubel! Kicher! Freu'!
Ich habe übrigens gehört, die Speed Renegades warten auf ihren neuen Tourbus und spielen dann bei uns um die Ecke... ;-))