ADHS - ein Ausweg...? / ADHD – a way out...?
english below...
Sie ist genervt, überfordert, ausgelaugt, die Mutter des Grundschülers mit der Diagnose ADHS… Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Schon die Bezeichnung klingt anstrengend, ist aber kein Vergleich mit den wirklichen Herausforderungen, die so eine Störung im Alltag bedeuten.
Man steht unter Dauerstrom. Konzentration ist ein Fremdwort, Ruhe und Entspannung so gut wie unmöglich. Eine Sache zu Ende bringen, Erfolgserlebnisse – Fehlanzeige. Statt dessen ziellose und unaufhaltsame Action, Chaos, Hektik. Streß kennen wir alle; ADHS bedeutet den permanent auf ganz extremem Level.
Schulkarrieren enden ohne Abschluß, weil nach zig wiederholten Jahrgängen kein Lehrer mehr übrig ist, der noch Hoffnung in den jungen Menschen setzt. Beziehungen brechen auseinander, weil die Belastung einfach nicht mehr erträglich ist. Man greift zu Alkohol oder Drogen oder beidem, um sich zu betäuben, nur um einmal kurz abschalten zu können…
So oder so ähnlich ergeht es sehr vielen Familien, die betroffen sind. Manche Menschen erhalten auch erst im Erwachsenenalter Aufklärung darüber, was mit ihnen los ist; bis dahin sind sie meist an vielen Fronten gescheitert.
Nun, die eingangs beschriebene Mutter hat sich angewöhnt, ihrem Sohn, wenn sie an ihrer Grenze angekommen ist, für eine Weile Kopfhörer aufzusetzen. Die laute Musik und die ausgesperrten Außenreize kanalisieren für einen kurzen Moment das wilde Gedankenkarrussell des Jungen und verschaffen ihr eine Atempause. Natürlich weiß sie, daß der Wahnsinn gleich weiter geht…
Einmal registriert sie erstaunt, daß sie länger verschnaufen und durchatmen darf. Sie hat sogar Zeit für eine leckere heiße Schokolade, ohne daß hinter ihr schon wieder mit Gegenständen jongliert oder geworfen wird. Sie dreht sich zu ihrem Kind um: so zufriedene, versonnene Gesichtszüge hat sie bei ihm noch nie gesehen! Erst nach 20 Minuten nimmt der Junior die Kopfhörer wieder ab, ganz ohne Nervosität. Er wirkt ruhiger, reduzierter.
Die Musik, die diesmal zufällig lief, war mehrstimmiger a capella Gesang. Nicht jedermanns Sache, keiner im Haus hatte eine besondere Leidenschaft dafür. Dank einer vermutlich wieder einmal kurzlebigen Mode laufen derzeit viele solcher Aufnahmen in den Sozialen Medien.
Bei der nächsten unerträglichen Situation probiert die Mutter das gleiche Rezept wieder aus: Mehrstimmiger Gesank ohne Instrumentalbegleitung. Nicht zufällig, diesmal absichtsvoll und gespannt auf die Auswirkung.
Sie kann die wunderbare Entspannung ihres Sohns reproduzieren. Mit dem Bericht über das Erlebte konfrontiert sie die behandelnden Ärzte des Kleinen. Die hören nicht nur aufmerksam zu, die tun ihre Beobachtung nicht als esoterischen Humbug ab, nein: die greifen das Konzept auf, probieren es an weiteren Patienten aus und stellen es nach vielen positiven Resultaten ihren Fachkollegen vor.
So oder so ähnlich wurde eine groß angelegte internationale Studie angestoßen, in der man an 1.120 Probanden mit schweren ADHS-Ausprägungen die Wirkung von mehrstimmigem a capella Gesang während heftiger Schübe testete. Über einen längeren Zeitraum.
Unglaubliche 98% der wirklich schlimm unter ihren Zuständen leidenden Probanden konnten eine spontane Linderung und immer noch 78% eine dauerhafte Verbesserung ihres Krankheitsbildes berichten.
In diesem Stadium war die Studie faszinierend und ansatzweise aussagekräftig, aber noch lange nicht final auszuwerten. Zu viele Variablen griffen ins Studiendesign ein und verhinderten eine unwiderlegbare und jederzeit reproduzierbare Therapieempfehlung.
In einem nächsten Schritt wurde also die Anwendung der Stimulation durch Musik und die Auswirkung im Gehirn mittels MRT untersucht. Es stellte sich heraus, daß die „Blitze“, die „explodierenden“ Nervenenden, die zum normalen Bild im Hirn eines ADHS-Patienten gehören, unter dem Einfluß dieser speziellen Musik sich beruhigten, indem sich ganz neue Synapsen, Nervenverbindungen bildeten. Die zuvor extrem aktiven Areale im Gehirn beruhigten sich und infolgedessen konnten sich auch Muskeln im ganzen Körper sichtlich entspannen.
Wohin diese Erkenntnisse am Ende führen, ist gegenwärtig noch unklar. Einige Wissenschaftler haben herausgefunden, daß wohl die Amplitudenmodulation technisch gesehen der eigentliche Einflußfaktor bei der Behandlung ist. Man versucht jetzt, diesen Soundeffekt zu simulieren, um eventuell tatsächlich einen erfolgversprechenden und nicht invasiven, nicht medikamentösen und vermutlich nebenwirkungsfreien Therapieansatz etablieren zu können.
https://www.nature.com/articles/s42003-024-07026-3
Bis es so weit ist – einfach Musik hören… ;-))
Voice Play with "The lion sleeps tonight", "Wellerman" and "Seven Nations Army"...
english version:
She is annoyed, overwhelmed, exhausted, the mother of a primary school pupil diagnosed with ADHD... Attention Deficit Hyperactivity Disorder. Even the name sounds strenuous, but it is nothing compared to the real challenges that such a disorder poses in everyday life.
You are under constant pressure. Concentration is a foreign concept, and rest and relaxation are virtually impossible. Completing a task, experiencing a sense of achievement – no chance. Instead, there is aimless and unstoppable action, chaos, hecticness. We all know stress; ADHD means permanent stress at an extreme level.
School careers end without a qualification because, after countless repeated years, there are no teachers left who still have hope in these young people. Relationships break down because the strain is simply unbearable. People turn to alcohol or drugs or both to numb themselves, just to be able to switch off for a moment...
This is what happens to many families who are affected. Some people only find out what is wrong with them when they reach adulthood; by then, they have usually failed on many fronts.
Well, the mother described at the beginning has gotten into the habit of putting headphones on her son for a while when she has reached her limit. The loud music and the blocked-out external stimuli channel the boy's wild whirlwind of thoughts for a brief moment and give her a breather. Of course, she knows that the madness will continue soon enough...
Once, she is surprised to find that she can take a longer rest and breathe deeply. She even has time for a delicious hot chocolate without objects being juggled or thrown behind her again. She turns to her child: she has never seen such contented, pensive features on his face before! Only after 20 minutes does Junior take off his headphones, without any nervousness. He seems calmer, more subdued.
The music that happened to be playing this time was polyphonic a cappella singing. Not everyone's cup of tea, no one in the house had a particular passion for it. Thanks to what is probably yet another short-lived fad, many such recordings are currently circulating on social media.
The next time an unbearable situation arises, the mother tries the same recipe again: polyphonic singing without instrumental accompaniment. Not by chance, this time deliberately and eagerly awaiting the effect.
She can reproduce her son's wonderful relaxation. She confronts the little boy's doctors with her account of the experience. Not only do they listen attentively, they do not dismiss her observations as esoteric nonsense. No, they take up the concept, try it out on other patients and, after many positive results, present it to their colleagues.
This is how a large-scale international study was initiated, in which the effect of polyphonic a cappella singing during severe episodes was tested on 1,120 subjects with serious ADHD symptoms. Over a longer period of time.
An incredible 98% of the subjects who suffered severely from their condition reported spontaneous relief, and 78% reported a lasting improvement in their symptoms.
At this stage, the study was fascinating and somewhat meaningful, but far from final. Too many variables interfered with the study design and prevented an irrefutable and reproducible therapy recommendation.
In a next step, the application of stimulation through music and its effect on the brain were examined using MRI. It turned out that the ‘flashes’, the ‘exploding’ nerve endings that are part of the normal picture in the brain of an ADHD patient, calmed down under the influence of this special music, with completely new synapses, nerve connections, forming. The previously extremely active areas of the brain calmed down and, as a result, muscles throughout the body were also able to visibly relax.
Where these findings will ultimately lead is still unclear at present. Some scientists have discovered that, from a technical point of view, amplitude modulation is probably the actual influencing factor in the treatment. Attempts are now being made to simulate this sound effect in order to possibly establish a promising, non-invasive, non-medicinal and presumably side-effect-free therapeutic approach.
https://www.nature.com/articles/s42003-024-07026-3
Until then – just keep listening to music... ;-))
Faszinierend!
Was Musik doch alles bewirken kann! Neulich haben wir uns zu Hause darüber unterhalten, dass mit Musik auch Aktivitäten/Ereignisse etc. länger im Gedächtnis bleiben. Jemand erzählte, dass er sich bei dem Lied an dies oder jenes erinnert. So konnte jeder irgendeine Situation erzählen, die wegen der Musik im Gedächtnis blieb.
Insofern bin ich zwar erstaunt, aber nicht wirklich verwundert. Ich halte diese Auswirkungen für realistisch... und ebenfalls für einen Segen für die Betroffenen.
Dito. Wir haben schon weiter gesponnen: wenn sich durch diese Art Musik neue Synapsen ausbilden, kann sie vielleicht auch helfen, die Hirnkapazität besser / effektiver auszunutzen? Wobei durchaus sein könnte, daß sie nur bei ADHS-Patienten diese Wirkung hat: eine Gegenprobe mit gesunden Probanden gibt es noch nicht...
Thank you :-)
Das erinnert mich an die Folge von Ned's ultimativer Schulwahnsinn, als die Grundstufe die Mittelstufe besuchen durfte und Ned hatte ein ADHS Kind als Schützling, das immer Puff Casino machte, bis er drauf kam, dass sich das Kind mit klassischer Musik beruhigen ließ. War nur blöd, wenn das Radio bzw. der damalige "Ghetto Bluster" plötzlich die Batterien leer hat... Mitten in der Mittagspause... Essensschlacht vorporgrammiert^^
Aber für viele ist eine Diagnose schwer zu erhalten, besonders in erwachsenem Alter, weil das macht man halt immer schon so, man denkt das sei normal, hat man ja schließlich schon ein Leben lang so gemacht... Ich kenns nur von meiner Autimsus (nicht-)Diagnose. Da kam beim zweiten Gespräch mit einer Spezialisitin sofort die Frage: "Warum glaubst du, bist du Autistisch" und du sitzt halt da, schaust sie blöd an und denkst dir halt es gibt sooo vieles was dir irgendwie komisch an dir vorkommt, aber du kannst es halt nicht eindeutig benennen was genau dir jetzt so komisch vorkommt am Verhalten und denkst dann automatisch na das musd ja normal sein, was du da machst, machst ja schließlich immer schon so... Dann ist natürlich auch blöd, wenn dir immer eingetrichtert wurde "wenn jemand was von dir will, dann musst du das so machen" und du dann die für dich unangenehmen Gegenstände in die Hand nimmst, wie sie es dir sagte beim ersten Gespräch mit einer anderen spezialistin. Die Gegenstände schauten für mich halt unangenehm aus, aber es hieß ich solle sie in die Hand nehmen, also 3 Gegenstände aussuchen und eine Geschichte dazu erzählen. Tat ich halt, wie mir aufgetragen wurde, obwohl sich alles in mir sträubte...
Ja, hatte an Dich gedacht, als ich die Studie las. Und an meinen jüngsten Sohn, der den Stempel mit 5 aufgedrückt bekam. Er wurde aber nicht mehr in Deutschland eingeschult, das umgingen wir mit dem Sprung nach England. Nicht ausschließlich seinetwegen; auch meine anderen beiden Kinder waren im regulären Bildungssystem nicht gut aufgehoben und mein Pflegesohn hatte schlicht alle Schulen im Einzugsbereich "verschlissen"...
Mir war nicht wichtig, irgendetwas an Remo zu behandeln. Er hat nicht gelitten oder Nachteile zu beklagen. Für mich war er ein extrem lebhaftes, agiles und ungebremstes Kind. Für einen Bürojob oder irgendwelche Routinen mußte meinetwegen nicht fit werden. Es gab nichts zu kurieren. Und er hat seinen Weg gemacht. Er lebt seit Jahren auf einem Bergungsschiff und verbringt im Schnitt 6 Stunden eines Tages unter Wasser. Allein mit sich und der Stille. Es funktioniert. Vielleicht hätte auch bestimmte Musik seine Reizüberflutung gemildert. Ich weiß es nicht.
Danke, find ich irgendwie süß, dass du an mich denkst :)
Ich weiß jetzt nicht, was ich sagen soll bzw. eher wie ich mich richtig ausdrücken soll. Weil 5 Jahre ist schon sehr jung, aber ich finde er kann glücklich sein, dass es so früh schon entdeckt wurde, denn so wusste er (und du) schon damals was ihm fehlte - aber vor allem, wie man damit umgehen kann. Im Sinne von, extremes Beispiel, aber er ist total hyperaktiv und bekommt eine geschmiert, für sein Verhalten, dass er endlich ruhig sein soll (ich weiß, machst du glücklicherweise nicht, daher auch extrem Beispiel), jedoch so hingegen weißt du, er hat gerade seine "hyperaktive Phase", er macht das nicht extra und evtl. kannst du ihm sogar dabei helfen wieder ruhiger zu werden, z.B. mit Musik oder was auch immer bei euch half.
Auch einfach die Gewissheit haben, ich bin anders, ich habe spezielle bedürfnisse, usw. hilft auch extrem mit einem selbst zurecht zu kommen. Man macht sich halt weniger Vorwürfe "warum hab ich das gemacht!?", sondern weiß, es war einem zuviel in dem Moment, weshalb man so reagierte. Und es ist auch kein ewiges hin und her gewandle zwischen es könnte dies sein, es könnte das sein, es könnte alles sein, nur weiß man es halt nicht. Nein, man weiß genau was es ist, ADHS.
Was mich jetzt noch interessieren würde zur Studie, da wurde ja nur A Capella Musik versucht, oder? Und ein Großteil sprach darauf an. Lag das jetzt an A Capella, oder hat diese Musik einfach das gewisse Etwas, was auch in anderen Genres vorhanden sein könnte? Z.B. ich brauche schnelle Musik, vorallem Frenchcore, aber es geht auch andere Musik, hauptsache sie ist schnell ;) Langsame Musik hingegen macht mich mehr aggressiv, weil es mir zuviel ist, zu langsam ist. Richtig langsame Musik und ich merke wie mein Körper anfängt psychische Schmerzen zu bekommen (keine Ahnung ob das Sinn ergibt, aber es fühlt sich halt so an für mich^^). Daher wäre meine Frage jetzt: Hätten andere Musikrichtungen die verbleibenden paar % mitgenommen, sodass man auf eine 100%ige Erfolgsquote mit Musik kommen würde? Ich mein nicht nur 1 Genre, sondern eben Musik im Allgemeinen ;)
Unter Vorbehalt - so, wie ich es verstanden habe: der erste Anlaß für diese Untersuchungen war mehrstimmiger a capella Gesang. Es wurden Vergleichstests gemacht mit wahlloser anderer Musik. Ergebnislos. Dann wurde im Hirnscan untersucht, wie genau die Reaktionen im Nervensystem bei welchen Reizen aussehen. Daraus wurde geschlossen, daß es um die Amplitudenmodulation geht. Diese wird jetzt versuchsweise nachgebildet, ohne daß bestimmte Musik im Spiel sein muß. Theoretisch funktioniert auch Sprechtext oder einfach nur Töne. Die müssen gleichzeitig in unterschiedlichen Tonlagen und alternierend zu hören sein. Entscheidend wären also überlagernde Tonhöhen, das Tempo spielt keine Rolle, so weit ich weiß.
Interessant :) hab jetzt mal ChatGPT gefragt (weil ich zwar gerne Musik höre, aber mich einfach viiiiiiiel zu wenig damit auskenne^^) ob das bei Frenchcore, insbesondere melodischem Frenchcore, wie von Dr. Peacock, auch zutrifft, also diese überlagernden Tonhöhen. Streng technisch betrachtet war die Antwort nein. Jedoch kann es vom hören so klingen, als wären dies der Fall, geschuldet durch die schnellle Geschwindigkeit und den Distortion-Effekten, die drübergelegt werden.
Das würde wiederum die Frage aufwerfen: Braucht es wirklich mehrstimmig, also reale überlagernde Töne, oder braucht das Gehirn nur dessen Effekt, quasi eine Simulation dieser, sozusagen? ;)
Tja... Da schweigt der Laie. Wenn Du Dich wirklich hinter klemmen willst: schreib' die Studienautoren an! Entweder können die schon antworten oder finden es heraus ;-))
Wurde differenziert ob a capella Gesang von Männern oder Frauen gleich gut wirken oder ob es eher die Männerstimmen sind, die für Ordnung und neue Synapsen im Gehirn der Betroffenen sorgen, weil sie vielleicht zu viel Weiber Präsenz in ihrem Leben hatten?
Beste Grüße.
Nee, davon las ich nix. Aber gefühlt beschäftigen sich derzeit mehr Männers mit a capelle Zeugs?
This is my first time hearing about such a disorder. I even had to go to Google to do a little research on it. I noticed some similarities in myself and, to be sincere, if I were still a kid, I would have thought I was suffering from the same disorder.
In fact, many affected individuals live their entire lives without ever receiving a diagnosis. It might be helpful in order to better control and understand their own behavior. On the other hand, many people receive such a diagnosis even though they do not actually suffer from this syndrome.
Das ganze jetzt noch mit einem Aufenthalt bei den Pfadfindern kombinieren und die Gehirnampuation mittels Ritalin findet ein Ende...