Buchempfehlung: "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" von Dieter Moor / Book recommendation: “What we don't have, you don't need” by Dieter Moor

in Deutsch Unplugged3 months ago

english below...

Als wir im Sommer auf dem Kulturtrip ins Wendland waren und uns ein Konzert im Haus des Künstlers angehört haben, gab es im Zuge der freundschaftlichen Konversation jede Menge Ernährungs-, Gesundheits- und Literaturempfehlungen mit auf den Weg. Letztere haben uns interessiert… ;-))

Auf unserem Nachttisch fanden wir, sorgsam platziert, das Buch eines uns bekannten (früheren?) Fernseh-Moderators, Dieter Moor. Der Schweizer war vor etlichen Jahren zusammen mit seiner österreichischen Frau ins brandenburgische Hinterland, in den tiefsten, verlassenen Osten gezogen. Ich kannte diese Geschichte, die von Fremd sein, Vorurteilen, großen Idealen und Biolandwirtschaft handelt, bereits aus einer Dokumentation. So wußte ich also, daß die beiden gegen jeden Widerstand einen demeter-Bauernhof aus dem Boden gestampft und letztendlich eine Kooperative gegründet haben. Aus ihrer eigenen Sicht zu erfahren, wie das so lief – wir mußten uns einfach an die Lektüre machen. Dazu kam ein klein bißchen Vertrautheit mit der beschriebenen Lebenssituation: wir beide sind zwar nicht so bekannt wie ein TV-Star und auch nicht so fremd wie ein Schweizer Eidgenosse, aber wir sind unvermittelt in einem 60-Seelen-Dorf gestrandet gelandet und, tja, nun… Manches ist schon verdammt komisch.

Komisch ist in erster Linie auch der Schreibstil von Dieter Moor: in „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“ überzeichnet er auf liebenswürdige, aber scharfzüngige Art seine neuen Nachbarn, Konkurrenten, Freunde. Ironie und Sarkasmus sind seine Werkzeuge bei einer bestechenden Milieustudie, wobei er es versteht, auch sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Das Lesen macht Freude! Erst recht, wenn man (ich ;-)) wieder einmal das große Glück hat, vom weltbesten Vorleser aller Zeiten (Ty-ty) die Personen inklusive ihrer Dialekte und sprachlichen Eigenheiten, ihrer Stimmen und Stimmungen vorgetragen zu bekommen. Ein Genuß!

Mein neues Zuhause.
Das ist aber auch schon alles, was ich weiß. Mein neues Zuhause, das ich mir noch nicht einmal angesehen habe.Das ich blind gekauft habe. Ich Wahnsinniger. Ich zwangsverschicke mich selber an einen Ort, vor dem mich jeder vernünftige Mensch gewarnt hat:
Höchste Arbeitslosigkeit Deutschlands. Dumpfe Ossis. Alkoholiker und Neonazis. Die gesunde Bevölkerung flieht. Zurück bleiben die Loser, die Alten, die Gescheiterten, die Kaputten. Das vergessene Land. Das Land, welches Kohls berühmten Ausspruch von den "blühenden Landschaften" zum Dauerlacher werden ließ. Und da willst du hin? Da war nie was, da wird auch nie was sein, und du willst ernsthaft dahin? Du bist bekloppt!

Am besten, Ihr bestellt oder leiht Euch umgehend das Büchlein, das übrigens mit einem zweiten Teil, der einige Jahre später anknüpft, fortgesetzt wird, und sucht Euch jetzt auch so ein Vortragsgenie – oder setzt Euch selber unter die Leselampe! Vollste Empfehlung von unserer Seite!

Alle Namen von Örtlichkeiten und Personen sind leicht verfremdet, aber Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Ereignissen sind absolut beabsichtigt. Viel Spaß also bei der wahren Geschichte einer Einwanderung, Kulturkarambolage und Neuerfindung…!

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"Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" von Dieter Moor, Erstveröffentlichung November 2009 bei Rowohlt VerlagGmbH
ISBN: 978 3 499 624759
Taschenbuchausgabe, 298 Seiten

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“Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht” (What we don't have, you don't need) by Dieter Moor, first published in November 2009 by Rowohlt VerlagGmbH
ISBN: 978 3 499 624759
Paperback edition, 298 pages

english version:

When we were on our cultural trip to Wendland in the summer and listened to a concert at the artist's house, we received lots of recommendations on nutrition, health, and literature during our friendly conversation. The latter interested us... ;-))

On our bedside table, we found a book by Dieter Moor, a (former?) TV presenter we knew, carefully placed there. Several years ago, the Swiss man and his Austrian wife had moved to the Brandenburg backlands, to the deepest, most abandoned part of the East. I already knew this story, which is about being a stranger, prejudice, big ideals, and organic farming, from a documentary. So I knew that the two of them had built a Demeter farm from scratch against all odds and ultimately founded a cooperative. To find out how it all went from their own perspective - we just had to read the book. Added to this was a little familiarity with the life situation described: neither of us are as famous as a TV star, nor as foreign as a Swiss expat, but we suddenly found ourselves stranded landed in a village of 60 souls and, well, now... Some things are just really strange.

Dieter Moor's writing style is quite amusing: in “Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht” (What we don't have, you don't need), he exaggerates his new neighbors, competitors, friends in an amiable but sharp-tongued way. Irony and sarcasm are his tools in a captivating study of social milieus, in which he knows how to not take himself too seriously.

Reading it is a joy! Especially when you (me ;-)) are lucky enough to have the world's best voice actor of all time (Ty-ty) recite the characters, including their dialects and linguistic idiosyncrasies, their voices and moods. What a treat!

My new home.
But that's all I know. My new home, which I haven't even seen yet. Which I bought blindly. I'm crazy. I'm forcing myself to move to a place that every sensible person has warned me about:
The highest unemployment rate in Germany. Dull East Germans. Alcoholics and neo-Nazis. The healthy population is fleeing. Left behind are the losers, the old, the failed, the broken. The forgotten land. The land that turned Kohl's famous statement about “blooming landscapes” into a running joke. And you want to go there? There was never anything there, there never will be anything there, and you seriously want to go there? You're crazy!

The best thing to do is to order or borrow the book right away, which, by the way, is continued in a second part that picks up a few years later, and find a reading genius like that—or sit down under a reading lamp yourself! We highly recommend it!

All names of places and people have been slightly altered, but any similarities to living persons and events are entirely intentional. So enjoy the true story of immigration, cultural collision, and reinvention...!

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