Buchrezension (im Stil des Verfassers ;-)) - Matthew B. Crawford: "Ich schraube, also bin ich" / Book review (in the author’s style ;-)) - Matthew B. Crawford: "Shop Class as Soulcraft“

in Deutsch Unplugged5 days ago

english below...

Warum ein promovierter Philosoph lieber an Motorrädern herumschraubt...

Es gibt Menschen, die nach einem Philosophiestudium in die Wissenschaft gehen. Es gibt Menschen, die danach einen gut bezahlten Bürojob annehmen. Und dann gibt es Matthew B. Crawford… Der macht beides – und stellt irgendwann fest, daß es ihm ziemlich auf die Nerven geht!

Also eröffnet der promovierte Philosoph eine Motorradwerkstatt. Man könnte das für einen beruflichen Abstieg halten. Crawford selbst hält es für einen Aufstieg.

Damit ist die Provokation dieses Buches eigentlich schon ziemlich gut zusammengefaßt.

„Ich schraube, also bin ich“ ist nämlich kein Buch darüber, daß Handwerker ganz nette Menschen sind und man ihnen ruhig einmal etwas mehr Anerkennung zukommen lassen könnte. Crawford geht erheblich weiter. Er stellt eine unangenehme Frage:

Warum halten wir eigentlich das Denken für höherwertig als das Tun?

Und noch unangenehmer:

Was, wenn wir uns damit gründlich geirrt haben?

Crawford kennt beide Welten aus eigener Erfahrung. Er hat Philosophie studiert, promoviert und in einer Denkfabrik gearbeitet, bevor er sich dem Motorradhandwerk zuwandte. Das ist wichtig. Denn hier schreibt nicht der frustrierte Handwerker über „die da oben“, sondern einer, der problemlos zu „denen da oben“ gehört hat. Und er kommt zurück mit öligen Händen.

Das hat etwas ausgesprochen Unhöfliches. Vor allem für all jene Berufe, in denen man den ganzen Tag Dinge produziert, die niemand anfassen kann, und am Abend trotzdem erschöpft nach Hause geht.

Crawford fragt nämlich, was an moderner „Wissensarbeit“ eigentlich so wissensreich ist. Wenn man acht Stunden lang E-Mails sortiert, PowerPoint-Folien verschiebt, Vorgaben abarbeitet und in Sitzungen darüber spricht, wer für die nächste Sitzung zuständig ist, ist man möglicherweise sehr beschäftigt. Aber ist man deshalb schon geistig tätig? Crawford hat daran erhebliche Zweifel.

Und jetzt kommt der Schraubenschlüssel ins Spiel. Denn eine kaputte Maschine interessiert sich nicht für Hierarchien. Sie funktioniert entweder – oder sie funktioniert nicht. Man kann ihr keine Präsentation vorführen. Man kann sie nicht mit einer überzeugenden Vision von ihrem zukünftigen Entwicklungspotenzial beeindrucken. Und man kann auch nicht behaupten, das Problem sei „im Grunde gelöst“, solange man nur noch die Kommunikationsprozesse optimieren müsse.

Der Motor springt an. Oder eben nicht. Das ist eine geradezu brutale Form von Realität. Und genau diese Realität liebt Crawford. Denn beim Reparieren muß der Mensch auf etwas außerhalb seiner selbst achten. Auf Material, Geräusch, Widerstand, Verschleiß, Temperatur, Toleranzen. Man kann sich nicht einfach die Wirklichkeit so zurechtdenken, daß sie zur eigenen Theorie passt.

Die Wirklichkeit antwortet. Gegebenenfalls mit einem ziemlich häßlichen Geräusch...

Das ist einer der stärksten Gedanken des Buches: Handwerk zwingt den Menschen aus seiner eigenen kleinen geistigen Umlaufbahn heraus. Crawford nennt diesen Vorgang sinngemäß ein Herauslösen aus dem eigenen Ich. Das klingt zunächst ausgesprochen philosophisch.

Bis man einen Vergaser vor sich liegen hat. Dann wird es plötzlich sehr praktisch. Denn wer repariert, muß zuhören. Nicht im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich. Er muß lernen, Unterschiede wahrzunehmen, die ein Anfänger überhaupt nicht hört. Er entwickelt Erfahrung, ohne jeden einzelnen Schritt in Worte fassen zu können. Das ist Wissen. Nur eben Wissen, das nicht ordentlich in einer PowerPoint-Präsentation Platz findet.

Und hier wird Crawford richtig interessant: Er verteidigt nicht einfach „Handarbeit“ gegen „Kopfarbeit“. Er wendet sich gegen die künstliche Trennung von Denken und Tun.

Der gute Mechaniker denkt. Der gute Handwerker beobachtet. Er diagnostiziert. Er entscheidet. Er improvisiert. Er trägt die Verantwortung dafür, daß das Ergebnis funktioniert. Das ist keine geistige Resteverwertung für Menschen, die es nicht bis zur Universität geschafft haben. Es ist hochentwickelte Intelligenz. Nur leider eine, die man sich nicht durch das Hören eines Managementseminars aneignen kann.

Crawford verbindet diese Überlegungen mit einer Kritik an unserer Bildung und Arbeitswelt. Er beklagt unter anderem, daß praktische Fähigkeiten gesellschaftlich abgewertet werden und Schulen zunehmend auf eine abstrakte „Wissensarbeit“ vorbereiten, während das konkrete Können zurückgedrängt wird.

Und hier bekommt das Buch seine politische Sprengkraft – ohne eigentlich ein politisches Buch sein zu müssen. Denn wer Dinge selbst reparieren kann, ist weniger abhängig. Wer versteht, wie etwas funktioniert, läßt sich schwerer mit einer hübschen Oberfläche abspeisen. Wer weiß, was gute Arbeit ist, kann Qualität von bloßer Neuheit unterscheiden.

Und wer erlebt hat, daß die eigene Hand tatsächlich etwas bewirken kann, entwickelt womöglich einen ziemlich unangenehmen Widerstand gegen die Vorstellung, sein ganzes Leben müsse aus dem Befolgen fremder Anweisungen bestehen...

Crawford ist dabei erfreulicherweise kein romantischer Spinner, der behauptet, früher sei alles besser gewesen. Er weiß, daß Handwerk anstrengend ist. Es ist dreckig. Es kann frustrierend sein. Man verletzt sich. Man macht Fehler. Man bestellt das falsche Ersatzteil. Man baut etwas auseinander und stellt anschließend fest, daß man sich nicht mehr daran erinnern kann, wie es zusammengehört. Und gelegentlich bleiben Schrauben übrig.

Das ist vermutlich die ehrlichste Form von Qualitätsmanagement. Trotzdem steckt gerade darin etwas, das der modernen Arbeitswelt zunehmend abhandenkommt: man kann am Ende sehen, was man getan hat. Ein Motorrad läuft wieder. Ein Tisch steht. Eine Leitung funktioniert. Eine Maschine tut, was sie soll.

Die Welt ist danach ein winziges Stück anders als vorher – und man weiß ziemlich genau, warum. Das ist vielleicht die eigentliche Botschaft von Crawfords Buch. Nicht: „Schrauben ist besser als Denken.“ Sondern: „Denken ohne Wirklichkeit wird irgendwann ziemlich dünn.“

Und damit wird aus einem Buch über Motorräder ein Buch über Würde. Über Selbstständigkeit. Über Können. Über die Befriedigung, nicht nur mit der Welt beschäftigt zu sein, sondern in ihr etwas bewirken zu können. Das Faszinierende daran ist, daß Crawford dafür ausgerechnet den Schraubenschlüssel zum philosophischen Instrument macht.

Descartes hatte gesagt: Ich denke, also bin ich.

Crawford antwortet gewissermaßen: Schön. Aber versuchen Sie einmal, eine alte Harley wieder zum Laufen zu bringen! Danach wissen Sie nicht nur, daß Sie existieren. Sie wissen auch, wofür Sie Ihre Hände brauchen. Und Ihren Kopf!

Das ist eine ziemlich gute Philosophie. Sie hat allerdings einen Nachteil: nach der Lektüre betrachtet man seine nächste Bürobesprechung möglicherweise mit einem gewissen Mißtrauen und seine Werkstatt mit erheblich mehr Respekt.

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Matthew B. Crawford: "Ich schraube, also bin ich"
List Taschenbuchverlag, 2011
Taschenbuch, 297 Seiten
ISBN: 978-3-548-61047-4

english version:

Why a philosopher with a PhD would rather tinker with motorbikes...

There are people who go into academia after studying philosophy. There are people who take up a well-paid office job afterwards. And then there’s Matthew B. Crawford… He does both – and at some point realises that it’s really getting on his nerves!

So the philosopher with a PhD opens a motorbike workshop. One might regard this as a career step down. Crawford himself regards it as a step up.

That pretty much sums up the provocative nature of this book.

„Shop Class as Soulcraft“ is not, in fact, a book about how tradespeople are quite nice people and that we could certainly show them a bit more appreciation. Crawford goes considerably further. He poses an uncomfortable question:

Why do we actually regard thinking as superior to doing?

And even more uncomfortable:

What if we’ve got it completely wrong?

Crawford knows both worlds from personal experience. He studied philosophy, earned a PhD and worked in a think tank before turning his hand to motorbike mechanics. That’s important. Because this isn’t a frustrated tradesman writing about ‘those up there’, but someone who was, without any problem, one of ‘those up there’ himself. And he’s come back with oily hands.

There is something decidedly rude about that. Especially for all those professions where you spend the whole day producing things that nobody can touch, yet still go home exhausted in the evening.

Crawford asks, in fact, what exactly is so ‘knowledge-intensive’ about modern ‘knowledge work’. If you spend eight hours sorting emails, moving PowerPoint slides around, working through specifications and discussing in meetings who is responsible for the next meeting, you may well be very busy. But does that mean you’re actually engaged in intellectual work? Crawford has considerable doubts about this.

And this is where the spanner comes into play. Because a broken machine isn’t interested in hierarchies. It either works – or it doesn’t. You can’t give it a presentation. You can’t impress it with a convincing vision of its future potential. Nor can you claim that the problem is ‘essentially solved’, as long as you just need to optimise the communication processes.

The engine starts. Or it doesn’t. That is a downright brutal form of reality. And it is precisely this reality that Crawford loves. Because when repairing something, a person has to pay attention to something outside themselves. To materials, noise, resistance, wear and tear, temperature, tolerances. You can’t simply twist reality to fit your own theory.

Reality responds. Sometimes with a rather unpleasant noise...

This is one of the book’s most powerful ideas: craftsmanship forces people out of their own narrow intellectual orbit. Crawford describes this process, in essence, as a breaking free from one’s own ego. At first, that sounds decidedly philosophical.

Until you’ve got a carburettor in front of you. Then it suddenly becomes very practical. Because anyone who repairs something has to listen. Not in a figurative sense, but literally. They must learn to perceive differences that a beginner cannot hear at all. They develop experience without being able to put every single step into words. That is knowledge. Just knowledge that doesn’t quite fit neatly into a PowerPoint presentation.

And this is where Crawford gets really interesting: he doesn’t simply defend ‘manual labour’ against ‘intellectual labour’. He opposes the artificial separation of thinking and doing.

A good mechanic thinks. A good craftsman observes. He diagnoses. He decides. He improvises. He bears responsibility for ensuring that the result works. This is not some intellectual ‘leftovers’ for people who didn’t make it to university. It is highly developed intelligence. Unfortunately, however, it is a form of intelligence that cannot be acquired simply by listening a management seminar.

Crawford links these reflections to a critique of our education system and world of work. Among other things, he laments the fact that practical skills are devalued by society and that schools are increasingly preparing pupils for abstract ‘knowledge work’, whilst concrete skills are being sidelined.

And this is where the book gains its political impact – without actually needing to be a political book. For those who can repair things themselves are less dependent. Those who understand how something works are less likely to be fobbed off with a pretty façade. Those who know what good work is can distinguish quality from mere novelty.

And anyone who has experienced that their own hands can actually make a difference may well develop a rather uncomfortable resistance to the idea that their whole life must consist of following other people’s instructions...

Fortunately, Crawford is no romantic dreamer who claims that everything used to be better. He knows that craftsmanship is hard work. It’s messy. It can be frustrating. You get hurt. You make mistakes. You order the wrong spare part. You take something apart and then realise you can’t remember how it all fits together. And occasionally, you’re left with spare screws.

That is probably the most honest form of quality management. Yet it is precisely this that the modern world of work is increasingly losing sight of: in the end, you can see what you’ve done. A motorbike is running again. A table stands upright. A pipe works. A machine does what it’s supposed to.

The world is then a tiny bit different from before – and you know pretty much exactly why.
That is perhaps the real message of Crawford’s book. Not: ‘Tinkering is better than thinking.’ But rather: ‘Thinking without reality eventually becomes rather thin.’

And so a book about motorbikes becomes a book about dignity. About self-reliance. About skill. About the satisfaction of not just being preoccupied with the world, but of being able to make a difference in it. What’s fascinating about this is that Crawford chooses, of all things, the spanner as his philosophical tool.

Descartes had said:
I think, therefore I am.

Crawford replies, in a manner of speaking: Fine. But try getting an old Harley running again! After that, you won’t just know that you exist. You’ll also know what you need your hands for. And your head!

That’s a pretty good philosophy. It does, however, have one drawback: after reading it, you might view your next office meeting with a certain degree of scepticism and your workshop with considerably more respect.

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