Ruinen
Genau hier wird das Problem meiner Meinung nach größer als die Ruinen selbst. Ein gescheitertes Projekt gilt nicht deshalb weniger als gescheitert, weil die Menschen irgendwann lernen, mit seiner Existenz zu leben. Die Zeit verwandelt Korruption nicht in kulturelles Erbe. Eine unvollendete Bahnstrecke bleibt eine unvollendete Bahnstrecke, selbst wenn die Landschaft ringsum schön wird. Ein verlassener Bahnhof ist nicht weniger peinlich, nur weil er eine interessante Kulisse für Fotos bietet. Und doch haben soziale Medien diesen Wandel erstaunlich einfach gemacht. Wir können so gut wie alles ästhetisieren. Verfall wird zu Content. Verlassene Orte werden zum Abenteuer. Eine gescheiterte Investition wird zu einem ungewöhnlichen Ausflugsziel für einen Samstagmorgen. Ich sage nicht, dass die Menschen aufhören sollten, diese Orte zu erkunden. Ich sage nur, dass wir darauf achten müssen, was geschieht, wenn Faszination an die Stelle der Erinnerung tritt; denn sobald das ursprüngliche Scheitern aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet, fällt es leichter, die Ruine zu akzeptieren.
Am beunruhigendsten ist vielleicht, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, so zu tun, als verstünden wir nicht, was wir da sehen. Wir wissen, dass diese Bauwerke Geld gekostet haben. Wir wissen, dass sie angekündigt, beworben und – in einigen Fällen – sogar feierlich eingeweiht wurden, begleitet von großen Versprechungen. Wir wissen, dass es jemanden gab, der sie genehmigte, verwaltete, Gelder kassierte, die Aufsicht führte und sie eigentlich hätte fertigstellen sollen. Wir wissen auch, dass Venezuela seit Jahrzehnten von Korruption, politischem Opportunismus und institutioneller Inkompetenz geprägt ist – und von einem Umgang mit öffentlichen Mitteln, als gehörten sie niemandem. Dennoch verhalten wir uns oft so, als wären die Ruinen auf natürliche Weise entstanden, wie geologische Formationen. Wir geben uns naiv, wenn es uns gerade in den Kram passt. Wir schauen weg, sobald das Hinsehen unbehaglich wird. Dann vergehen Jahre, der Beton zerfällt, die Schienen rosten, die Vegetation erobert sich das Gelände zurück, und schließlich bezeichnen wir das Ganze als Geschichte.

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