𝗚𝗼𝗲𝘁𝗵𝗲, 𝗦𝗰𝗵𝗶𝗹𝗹𝗲𝗿 𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗲𝗿 𝗳𝗮𝗹𝘀𝗰𝗵𝗲 𝗦𝗰𝗵ä𝗱𝗲𝗹 💀
Auf dem Weg von unserem Wohnmobilstellplatz am Historischen Friedhof in die Weimarer Innenstadt sind wir heute direkt an der Fürstengruft vorbeigekommen. Dort stehen die Särge von Goethe und Schiller.
Reingehen werden wir allerdings erst morgen, wenn wir unsere WeimarCard Plus haben. Man kann schließlich auch im Urlaub warten, bis der Eintritt bezahlt ist. Ich bin ja vieles, aber freiwillig doppelt bezahlen gehört noch nicht zu meinen ausgeprägtesten Charaktereigenschaften.
Aber nun einmal eine Frage an euch:
Wer kennt die Geschichte vom Sarg des Herrn Schiller?
Und wer weiß es, ohne vorher schnell Google zu befragen und anschließend so zu tun, als hätte er es schon in der dritten Klasse gewusst?
Die Geschichte ist nämlich ziemlich makaber. Friedrich Schiller liegt gar nicht in dem Sarg, der in der Fürstengruft neben Goethe steht. Der Sarg ist heute leer.
Schiller starb 1805 und wurde zunächst im sogenannten Kassengewölbe auf dem Weimarer Jakobsfriedhof beerdigt. Das war eine Gemeinschaftsgruft für angesehene Verstorbene, die kein eigenes Familiengrab besaßen.
Im Jahr 1826 kam man dann auf die Idee, Schillers Gebeine aus dieser Gruft zu holen und an einen würdigeren Ort umzubetten.
Das Problem war nur: In der Gruft sah es offenbar nicht gerade so aus, als hätte dort jemand sorgfältig Namensschilder an die einzelnen Knochen gehängt.
Die Särge waren teilweise zerfallen, und die Überreste der dort Bestatteten lagen miteinander vermischt herum. Da lag also ein Schädel neben dem anderen, und keiner hatte mehr seinen Personalausweis dabei.

Der damalige Weimarer Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe wollte trotzdem unbedingt Schiller finden. Also ließ er in einer heimlichen Nachtaktion einen Totengräber und drei Arbeiter auf den Friedhof kommen. Drei Nächte lang suchten sie in der Gruft nach Schillers Überresten.
Am Ende hatten sie 23 Schädel zusammen.
Und was machte man mit 23 Schädeln, wenn man herausfinden wollte, welcher davon einem berühmten Dichter gehörte?
Man packte sie in einen Sack und brachte sie erst einmal zum Bürgermeister nach Hause.
Das muss man sich vorstellen: Andere Bürgermeister nehmen nach Feierabend Aktenordner mit nach Hause. Der Weimarer Bürgermeister ließ sich 23 Totenschädel in die Wohnung bringen.
Dort wurden die Schädel aufgereiht, begutachtet, vermessen und mit Schillers Totenmaske verglichen. Schwabe hatte Schiller noch persönlich gekannt und zog außerdem weitere Personen hinzu, die ihn ebenfalls gekannt hatten.
Am Ende entschied man sich für den größten und besonders wohlgeformten Schädel.
Die wissenschaftliche Begründung lautete offenbar sinngemäß:
„Ein großer Dichter muss schließlich auch einen großen Kopf gehabt haben.“
So funktionierte die Kriminaltechnik im Jahr 1826. DNA-Untersuchungen gab es noch nicht, also mussten eine Totenmaske, einige Messungen und das sichere Gefühl eines Bürgermeisters genügen.
Der vermeintliche Schiller-Schädel wurde anschließend in der Großherzoglichen Bibliothek aufbewahrt. Goethe ließ ihn sich tatsächlich für einige Zeit nach Hause bringen.
Andere Menschen stellen sich Blumen, Familienfotos oder eine Porzellanfigur ins Wohnzimmer. Goethe hatte eben den vermeintlichen Schädel seines verstorbenen Freundes im Haus. Jeder pflegt seine Freundschaften auf seine Art.
Goethe betrachtete den Schädel und schrieb darüber sogar ein Gedicht. Es begann mit den Worten:
„Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute,
wie Schädel Schädeln angeordnet passten.“
Romantik war damals offenbar noch etwas anders definiert als heute.
Jahrzehntelang glaubte man jedenfalls, die sterblichen Überreste Schillers gefunden zu haben. Der vermeintliche Schädel und weitere Knochen wurden schließlich in den Sarg gelegt, der heute in der Fürstengruft steht.
Erst moderne DNA-Untersuchungen brachten im Jahr 2008 die endgültige Wahrheit ans Licht:
Weder der Schädel noch die anderen Gebeine stammten von Friedrich Schiller.
Das bedeutete: Goethe hatte nicht Schillers Schädel zu Hause, sondern den Kopf irgendeines unbekannten Mannes, der vermutlich niemals damit gerechnet hatte, nach seinem Tod noch beim berühmtesten Dichter Deutschlands im Wohnzimmer zu landen und anschließend Gegenstand eines Gedichts zu werden.
Und irgendwo mussten außerdem noch 22 weitere Schädel wieder untergebracht werden, nachdem die damalige wissenschaftliche Vorauswahl abgeschlossen war.
Der echte Friedrich Schiller liegt also bis heute irgendwo, aber niemand weiß genau, wo.
Sein Sarg in der Fürstengruft ist leer.
Morgen sehen wir uns das Ganze mit der WeimarCard Plus von innen an. Ich werde natürlich genau prüfen, ob der leere Sarg wenigstens ordentlich abgestaubt wurde. Wenn schon niemand darin liegt, soll es wenigstens gepflegt aussehen.
Wie ihr seht, müsst ihr mir einfach nur folgen. Nicht nur, dass hier viel Schwachsinn veröffentlicht wird, ihr lernt dabei auch noch tüchtig etwas.
Andere Seiten bieten Unterhaltung oder Bildung.
Hier gibt es beides gleichzeitig, weil ich mich offenbar nicht entscheiden konnte. 😂
#lifestyle #Weimar #HolgersPlaceDie
Veröffentlicht mit Welako