𝗪𝗘𝗡𝗡 𝗘𝗥𝗜𝗡𝗡𝗘𝗥𝗨𝗡𝗚𝗘𝗡 𝗩𝗘𝗥𝗕𝗟𝗔𝗦𝗦𝗘𝗡, 𝗘𝗥𝗧𝗥Ä𝗨𝗠𝗘 𝗗𝗜𝗥 𝗘𝗜𝗡𝗙𝗔𝗖𝗛 𝗡𝗘𝗨𝗘

in #deutsch13 days ago

Heute Nacht, gegen vier Uhr, bin ich plötzlich wach geworden. Kurz davor war ich noch bei meiner Familie. Nicht bei der Familie, die heute um mich herum ist, sondern bei denen, die längst gegangen sind. Da war Mutti. Da war Andreas. Da war Opa Willi mit seinen großen Händen. Und da war Silke.

Für einen kurzen Moment waren sie einfach wieder da. Nicht wie auf alten Fotos. Nicht wie Menschen, an die man sich mühsam zu erinnern versucht. Sie waren selbstverständlich da. So selbstverständlich, wie Menschen eben nur in Träumen wiederkommen können.

Als ich wach wurde, war ich erstaunlicherweise nicht traurig. Eigentlich hätte ich es sein müssen. Stattdessen lag ich im Dunkeln und hatte dieses merkwürdige Gefühl von Zusammengehörigkeit. Ein Gefühl, das ich heute, mit über 60 Jahren, nur noch selten empfinde. Dieses Gefühl, irgendwo vollständig dazuzugehören. Zu Menschen, bei denen man nichts erklären musste. Menschen, deren Anwesenheit allein genügte.

Vielleicht kennt man dieses Gefühl vor allem aus einer sehr frühen Zeit im Leben. Damals denkt man nicht darüber nach, was Familie bedeutet. Sie ist einfach da. Man weiß nicht, dass Menschen sterben können. Man weiß nicht, dass eines Tages Stühle leer bleiben. Dass Stimmen verstummen. Dass irgendwann niemand mehr da ist, den man fragen kann: „Weißt du noch damals?“

Heute sind viele meiner Erinnerungen aus dieser frühen Zeit unsortiert. Kleine Bilder liegen irgendwo in meinem Kopf herum. Manche sind erstaunlich klar, andere haben Löcher, als hätte jemand Teile aus einem alten Film herausgeschnitten. Ein Zimmer. Ein Geruch. Eine Stimme. Ein Gesicht. Die Hand eines Menschen. Manchmal weiß ich nicht einmal mehr genau, was davor geschah oder danach.

Und dann lege ich mich schlafen. Vielleicht denke ich vorher noch an früher. Vielleicht sehe ich ein altes Foto. Vielleicht genügt irgendein Geruch oder ein Lied, um irgendwo tief im Kopf eine Tür zu öffnen. Und plötzlich beginnt mein Gedächtnis nachts aufzuräumen. Oder vielleicht erfindet es auch nur. Das ist die Frage, die mich immer öfter beschäftigt: Erinnere ich mich wirklich? Oder träume ich mir die fehlenden Teile dazu?

Heute Nacht war Mutti da. Ich könnte nicht einmal sagen, was sie gemacht hat. Aber ich wusste, dass sie es war. Dieses Wissen war stärker als jedes Bild. Ich sehe Andreas manchmal so deutlich vor mir, dass ich beinahe glaube, nur die Hand ausstrecken zu müssen. Und trotzdem frage ich mich bei manchen Szenen: War das wirklich so? Oder habe ich eine alte Erinnerung mit Erzählungen, Fotos und späteren Gedanken vermischt?

Dann denke ich an Opa Willi. Von ihm sind mir vor allem diese großen Hände geblieben. Vielleicht waren sie gar nicht außergewöhnlich groß. Vielleicht erschienen sie nur einem kleinen Kind so. Aber in meiner Erinnerung sind es Hände, in denen eine Kinderhand vollkommen verschwinden konnte.

Und dann ist da Silke. Bei ihr wird alles noch merkwürdiger. Silke war fünf Jahre alt, als sie tödlich verunglückte. Ich selbst war gerade einmal ein Jahr alt. Ich kann mich also eigentlich gar nicht bewusst an sie erinnern. Das weiß ich. Mein Verstand weiß es ganz genau. Und trotzdem sehe ich sie manchmal. Nicht nur auf einem der wenigen Fotos, die von ihr geblieben sind. Ich sehe sie in meinen Gedanken. Manchmal steht sie irgendwo. Manchmal glaube ich, eine Bewegung zu erkennen. Manchmal ist da sogar dieses vollkommen absurde Gefühl, ich hätte eine Erinnerung an sie.

Dabei dürfte es diese Erinnerung eigentlich gar nicht geben.

Und doch ist sie da.

Vielleicht nicht als echte, klare Erinnerung, so wie an einen Schulweg oder einen Urlaub. Eher wie ein Gefühl. Wie ein Schatten. Wie etwas, das nicht wirklich greifbar ist und trotzdem vorhanden bleibt. Vielleicht hat mein Kopf die wenigen Bilder genommen, die Erzählungen meiner Mutti, all die Gedanken, die ich mir später über dieses kleine Mädchen gemacht habe, und daraus etwas zusammengesetzt. Vielleicht habe ich mir meine Schwester irgendwann selbst erinnert.

Das klingt seltsam. Und gleichzeitig macht mich genau dieser Gedanke unendlich traurig. Denn wenn ich sie mir tatsächlich nur erträumt habe, dann bedeutet das auch, dass von einem ganzen Menschen für mich fast nichts geblieben ist. Ein paar Bilder. Ein Name. Die Trauer anderer. Und trotzdem ist da etwas. Nicht nichts. Nicht Leere. Sondern ein leiser Eindruck von ihr. Als hätte sie trotz allem irgendwo eine Spur in mir hinterlassen.

Zu diesem Beitrag zeige ich euch auch eines der wenigen Bilder, die mir von Silke geblieben sind. Darauf ist sie zusammen mit meinem Bruder Andreas zu sehen. Eigentlich ist das erschreckend wenig, wenn man daran denkt, dass es einmal ein ganzes kleines Menschenleben war. Und vielleicht macht genau das diese Bilder so schwer und so wertvoll zugleich. An Silke gibt es eigentlich gar keine Erinnerung. Aber es gibt sie eben doch.

Ich habe meine Mutti Jahrzehnte später manchmal dabei gesehen, wie sie Silkes Bilder anschaute. Es gibt Blicke, für die braucht man keine Worte. Ich glaube nicht, dass sie diesen Verlust jemals überwunden hat. Wie sollte sie auch? Vielleicht lernt ein Mensch irgendwann wieder zu lachen. Er geht einkaufen. Er arbeitet. Er feiert Weihnachten. Er lebt weiter. Aber irgendwo in ihm bleibt ein fünfjähriges Mädchen stehen. Für immer fünf. Nie sechs. Nie zehn. Nie erwachsen. Kein späteres Leben. Keine eigene Familie. Keine Zukunft.

Vielleicht sehe ich Silke deshalb manchmal, obwohl ich sie eigentlich nicht sehen kann. Vielleicht möchte mein Kopf ihr wenigstens in meinen Träumen ein paar Augenblicke schenken, die ihr das wirkliche Leben genommen hat. Und vielleicht möchte er auch mir etwas schenken. Eine Schwester. Nicht nur ein Foto. Nicht nur eine traurige Geschichte. Sondern für einen kurzen Moment tatsächlich meine Schwester.

Heute Nacht waren sie alle da. Mutti. Andreas. Opa Willi. Silke. Und für einen kurzen Augenblick war niemand tot. Niemand fehlte. Niemand war nur Erinnerung. Wir gehörten einfach zusammen.

Dann bin ich aufgewacht. Es war kurz nach vier. Das Zimmer war dunkel und still. Und dieses Gefühl war noch da. Nicht Trauer. Zumindest nicht zuerst. Es war Wärme. Nähe. Fast so, als hätte ich sie gerade erst verlassen.

Vielleicht sind Träume manchmal nichts anderes als Besuche an Orten, für die es tagsüber keine Adresse mehr gibt.

Ich weiß nicht, ob Erinnerungen wahr sein müssen, um etwas in uns auszulösen. Vielleicht verändert unser Kopf sie ohnehin jedes Mal ein wenig, wenn wir sie hervorholen. Vielleicht ergänzt er fehlende Stellen. Vielleicht macht er Menschen schöner. Vielleicht gibt er ihnen Sätze, die sie nie gesagt haben. Und vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Denn hinter all diesen unscharfen Bildern steckt etwas, das ganz sicher wahr ist: Diese Menschen waren da. Sie gehörten zu meinem Leben. Sie haben etwas hinterlassen. Selbst Silke, die ich eigentlich niemals kennenlernen konnte.

Vielleicht darf man deshalb manchmal eine Erinnerung weiterträumen, wenn die wirkliche Erinnerung nicht mehr reicht. Nicht um die Vergangenheit umzuschreiben. Sondern um einen Menschen für einen kurzen Augenblick wieder neben sich sitzen zu haben.

Ich lag also um vier Uhr morgens im Bett und schrieb diese Zeilen. Ich musste es einfach. Vielleicht aus Angst, dass dieses Gefühl bis zum Morgen wieder verschwunden wäre. Vielleicht wollte ich etwas davon festhalten. Nur ein paar Worte. Ein kleines Stück dieser Nacht.

Und während ich schrieb, wurde ich dann doch traurig. Denn irgendwann versteht man, dass man manche Menschen nur noch in Gedanken besuchen kann. Aber gleichzeitig freute ich mich darauf, gleich wieder die Augen zu schließen.

Vielleicht würde ich zurückkommen.

Vielleicht wären sie noch da.

Mutti.

Andreas.

Opa Willi mit seinen großen Händen.

Und vielleicht sogar Silke.

Meine Schwester, an die ich mich eigentlich gar nicht erinnern kann.

Und an die ich mich vielleicht gerade deshalb doch erinnere.


Veröffentlicht mit Welako

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Esa imagen de tu abuelo Willi y sus manos grandes me dio directo en la memoria. A veces en plena ruta, cuando despierto de madrugada en algún lugar lejano, esos recuerdos de la gente que ya no está se sienten así de reales. Al final, soñar también es viajar a destinos que ya no están en el mapa.

Miren esto, la manera en que describes a Mutti como una presencia que supera la foto me pinta una escena tan vívida como un atardecer sobre el Río Paraguay. ¿Qué olor concreto despertó ese recuerdo de ella en la madrugada?