Ich muss noch einmal etwas loswerden
Ist die Menschheit eigentlich verrückt geworden? Oder sind es speziell wir Deutschen, die inzwischen wirklich alles schlucken, solange der Nachbar nur nicht 2 Euro mehr Bürgergeld, ein größeres Steak oder einen vollen Einkaufskorb hat?
Da fährt ein Kanzler gefühlt ein ganzes Land vor die Wand und erklärt dann öffentlich, wir Deutschen seien alle zu faul und müssten mehr arbeiten. Als hätte der Bürger morgens nichts Besseres zu tun, als sich von oben erklären zu lassen, dass er das Problem ist.
Da gab es während Corona Maskengeschäfte, bei denen sich einige die Taschen vollgemacht haben, und am Ende passiert was? Nichts. Kein großer Aufschrei, kein konsequenter Rücktritt, kein echtes politisches Beben. Alles wird ausgesessen, weggelächelt und irgendwann vergessen. Ist ja nur Steuergeld, fällt ja vom Himmel.
Da werden Politiker, deren Parteien sich früher einmal Frieden, Verständigung und Diplomatie auf die Fahnen geschrieben haben, plötzlich zu den lautesten Kriegstrommlern. Und dann erzählt einer vor laufender Kamera, er würde seine Heimat natürlich verteidigen. Hat sich aber selber früher vom Wehrdienst zurückstellen lassen. Da muss man auch erst mal die innere Verrenkung schaffen, ohne sich dabei einen politischen Bandscheibenvorfall zu holen.
Da werden neue Schulden aufgenommen von einer Regierung, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal richtig im Amt ist, und alle schauen zu, als wäre das völlig normal. Da wird bei Kanzlerwahlen plötzlich taktiert, gedreht und gewählt, was vorher angeblich niemals wählbar war. Ob aus Überzeugung, Postengerangel, Absprachen oder politischer Akrobatik – am Ende bleibt beim Bürger nur das Gefühl: Die da oben machen sowieso, was sie wollen.
Dann wird eine neue Partei gegründet, bei der manche gehofft haben, sie könnte vielleicht wirklich etwas verändern. Und was passiert in Thüringen? Da unterstützt man am Ende wieder genau die Machtstrukturen, die man vorher angeblich kritisiert hat. Hauptsache Amt, Würde, Posten und ein schöner Platz am politischen Futtertrog. Der Bürger darf zuschauen und sich fragen, ob er im Theater sitzt oder schon mitten in der Realsatire.

Und was passiert im Land?
Nichts.
Kein echter Aufstand, kein Massenprotest, kein breites „Jetzt reicht es aber“. Jedes Jahr dieselben Parteien, dieselben Gesichter, dieselben Versprechen, dieselben Ausreden. CDU, CSU, SPD, Grüne, Linke – und am Ende wirkt es immer mehr wie ein großer Einheitsbrei, der nur noch verschiedene Etiketten trägt.
Egal, wo man sein Kreuz macht, man hat immer öfter das Gefühl, man wählt nicht jemanden, der für die Bürger da ist, sondern jemanden, der sich erst einmal um sich selbst, seine Partei, seine Karriere und seine Versorgung kümmert.
Und die angeblich alternative Partei, die für Deutschland eintreten will? Na ja, dann lass sie halt eintreten. Ob sie es wirklich besser machen würde? Auch das bezweifle ich. Man hat ja auch in anderen Ländern gesehen, dass große Sprüche noch lange keine bessere Politik machen.
Aber jetzt kommt das eigentlich Verrückte.
Wenn es um solche Dinge geht, bleibt es still. Da wird geschluckt, weggeschaut, weitergemacht. Nach oben macht man den Duckmäuser, als hätte man Angst, dass einem jemand den Parkplatz vor dem Supermarkt wegnimmt.
Aber wehe, ich stelle meinen Einkauf online.
Ein völlig überspitztes Video, bewusst reißerisch gemacht, damit es eben auffällt – und was passiert? In 30 Stunden über 600 Kommentare und fast 200.000 Menschen, die sich das angeschaut haben.
Da wird sich aufgeregt, empört, echauffiert und moralisch aufgespielt, als hätte ich persönlich die Bundeslade geklaut und mit einem Porterhouse-Steak belegt.
Da kommen sie dann alle aus ihren digitalen Erdlöchern gekrochen. Plötzlich haben alle eine Meinung, plötzlich haben alle Zeit, plötzlich wissen alle ganz genau, was richtig und falsch ist. Aber nicht bei Politik, nicht bei Steuergeld, nicht bei Krieg, nicht bei Schulden, nicht bei der Frage, was aus diesem Land wird.
Nein.
Beim Einkaufskorb.
Da wird nach unten getreten, da wird gegönnt oder eben nicht gegönnt, da wird sich gegenseitig beschimpft, belehrt und ausgelacht. Aber nach oben? Da wird brav genickt, geschwiegen und weitergewählt.
Und genau das ist das eigentlich Traurige an unserer Zeit.
Nicht, dass Menschen sich über meinen Einkauf aufregen. Das ist fast schon wieder lustig. Ein bisschen erbärmlich, aber lustig.
Traurig ist, dass viele Menschen ihre Wut nicht mehr gegen die richten, die wirklich Verantwortung tragen, sondern gegen den Nachbarn, den Fremden, den Schwächeren oder denjenigen, der einfach nur sichtbar ist.
Vielleicht ist das die perfekte Beschreibung unserer Zeit:
Nach oben buckeln, nach unten treten – und sich dabei noch für mutig halten.
In was für Zeiten leben wir eigentlich?
Veröffentlicht mit Welako