🚨 𝗚𝗘𝗧𝗜𝗟𝗚𝗧𝗘 𝗗𝗗𝗥-𝗚𝗘𝗦𝗖𝗛𝗜𝗖𝗛𝗧𝗘 – 𝗧𝗲𝗶𝗹 𝟭: 𝗗𝗮𝘀 𝗔𝗵𝗼𝗿𝗻𝗯𝗹𝗮𝘁𝘁 🍁
𝗦𝘁𝗮𝗻𝗱 𝘂𝗻𝘁𝗲𝗿 𝗗𝗲𝗻𝗸𝗺𝗮𝗹𝘀𝗰𝗵𝘂𝘁𝘇. 𝗪𝘂𝗿𝗱𝗲 𝘁𝗿𝗼𝘁𝘇𝗱𝗲𝗺 𝗮𝗯𝗴𝗲𝗿𝗶𝘀𝘀𝗲𝗻. 𝗛𝗲𝘂𝘁𝗲 𝘀𝘁𝗲𝗵𝘁 𝗱𝗼𝗿𝘁 𝗲𝗶𝗻 𝗴𝗲𝘀𝗶𝗰𝗵𝘁𝘀𝗹𝗼𝘀𝗲𝘀 𝗛𝗼𝘁𝗲𝗹.
Mit diesem Beitrag starten wir eine neue Reihe. Es geht um DDR-Gebäude, die nach der Wende abgerissen wurden – systematisch, über die Köpfe der Menschen hinweg, als wollte man jede Spur dessen tilgen, was die DDR einmal war. Ob berechtigt oder nicht, ob Aushängeschild oder Alltagsbau – es wurde plattgemacht. Stück für Stück. Und das Ahornblatt war einer der schmerzlichsten Verluste.
𝗪𝗮𝘀 𝘄𝗮𝗿 𝗱𝗮𝘀 𝗔𝗵𝗼𝗿𝗻𝗯𝗹𝗮𝘁𝘁?
An der Gertraudenstraße Ecke Fischerinsel in Berlin-Mitte stand bis zum Jahr 2000 ein Gebäude, das man so schnell nicht vergessen hat, wenn man es einmal gesehen hatte. Fünf riesige Betonschalen, die sich wie die Zacken eines Ahornblattes nach oben wölbten – daher der Name. Darunter ein stützenfreier Raum von rund 1.000 Quadratmetern, komplett verglast, lichtdurchflutet, mit Sonnenschutzlamellen an den Außenwänden.
Die Dachkonstruktion war das Werk von Ulrich Müther, einem Bauingenieur aus Binz auf Rügen, der mit seiner Firma PGH Bau Binz zu den weltweit führenden Experten für Betonschalenbauwerke gehörte. Die Schalen waren größtenteils nur sieben Zentimeter dick. Architektur von Weltrang – kein Größenwahn, kein Propaganda-Bau, sondern echte Ingenieurkunst. Müther hat mit derselben Technik die Zeiss-Planetarien in Kuwait, Tripolis, Helsinki und Wolfsburg gebaut. Für das Planetarium in Wolfsburg bekam die DDR in den Achtzigerjahren übrigens 10.000 VW Golf als Gegenleistung. So viel zum Thema „die konnten ja nichts".
𝗘𝗶𝗻 𝗛𝗮𝘂𝘀 𝗳ü𝗿 𝗮𝗹𝗹𝗲
Das Ahornblatt wurde zwischen 1969 und 1973 gebaut, als gesellschaftliches Zentrum für das neu entstandene Wohngebiet Fischerinsel, wo Anfang der Siebziger sechs 21-geschossige Wohnhochhäuser mit jeweils 240 Wohnungen errichtet wurden. Im Ahornblatt befand sich eine Selbstbedienungsgaststätte mit 880 Plätzen, die tagsüber als Kantine für das benachbarte DDR-Bauministerium und für Beschäftigte umliegender Dienststellen diente. Auch Schulkinder aus der Umgebung haben dort gegessen.
Aber nachmittags und abends war es ein Ort für alle. Dann wurde das Ahornblatt zur öffentlichen Gaststätte, zum Veranstaltungsort, zum Treffpunkt. Rockkonzerte, Tanzabende, Kulturveranstaltungen – alles unter diesem spektakulären Dach. Ein normaler Bürger konnte dort einkehren, ein Bier trinken, etwas essen und saß dabei in einem Gebäude, das architektonisch mit allem mithalten konnte, was es auf der Welt gab. Das war kein Luxus für die Oberen – das war Architektur für die Leute, die in den Hochhäusern drumherum gewohnt haben.
Am 18. Juli 1973 wurde es offiziell eröffnet, passend zu den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten, die in jenem Sommer in Berlin stattfanden.

𝗨𝗻𝘁𝗲𝗿 𝗗𝗲𝗻𝗸𝗺𝗮𝗹𝘀𝗰𝗵𝘂𝘁𝘇 – 𝘂𝗻𝗱 𝘁𝗿𝗼𝘁𝘇𝗱𝗲𝗺 𝗮𝗯𝗴𝗲𝗿𝗶𝘀𝘀𝗲𝗻
Im September 1995 stellte das Berliner Landesdenkmalamt das Ahornblatt unter Denkmalschutz. Denkmalnummer 09011250. Der damalige Landesdenkmalpfleger Jörg Haspel bewertete es als einen wichtigen Vertreter des „Organischen Bauens" und als „revolutionierendes Bauzeugnis". Offiziell geschützt, auf der Denkmalliste eingetragen, als erhaltenswert eingestuft.
Zwei Jahre später, 1997, verkaufte die Berliner Oberfinanzdirektion das Grundstück mitsamt dem denkmalgeschützten Gebäude an eine Immobilienfirma aus Donaueschingen – die Objekt Marketing GmbH – für 29 Millionen D-Mark. 10.000 Quadratmeter Grund, mitten in Berlin-Mitte. Dem Käufer wurde die vierfache Nutzfläche zugestanden. Das bedeutete: Entweder ein Hochhaus neben dem Ahornblatt oder der Abriss. Staatseigentum, verkauft an einen privaten Investor, der Denkmalschutz war plötzlich verhandelbar.
Es gab einen Versuch, beides zu retten. Der Architekt Gernot Nalbach entwarf ein Zwillingshochhaus, das neben dem Ahornblatt hätte stehen können – so wäre das Gebäude erhalten geblieben und die Nutzfläche trotzdem realisiert worden. Der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann lehnte den Entwurf ab – mit Verweis auf die Berliner Traufhöhe von 22 Metern. In einem Viertel voller 21-geschossiger Hochhäuser. Man kann sich das nicht ausdenken.
1999 gab die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Ahornblatt zum Abriss frei. Die Denkmalschutzbehörde fügte sich mit der Begründung, es gebe kein Nutzungskonzept. Kein Nutzungskonzept. Für ein 1.000 Quadratmeter großes, stützenfreies Gebäude in bester Lage mitten in Berlin.
𝗗𝗶𝗲 𝗹𝗲𝘁𝘇𝘁𝗲𝗻 𝗧𝗮𝗴𝗲
Die Proteste waren massiv. Die Berliner Architektenkammer widersprach, der Deutsche Werkbund protestierte, eine Bürgerinitiative sammelte über 1.000 Unterschriften. Graffitis an den Fenstern des Gebäudes zeigten den Widerstand. Am 19. Januar 2000 führte Ulrich Müther ein letztes Mal durch sein Bauwerk. In der Nacht vom 1. Juli 2000 fand in dem noch vollständig erhaltenen Raum ein Tangofest statt – ein letzter Tanz unter dem Ahornblatt.
Am 19. Juli 2000 begannen die Abrissarbeiten. Bis August war alles weg. Erst danach konnte das Gebäude von der Berliner Denkmalliste gestrichen werden – denn solange es stand, war es offiziell geschützt. Man hat also ein denkmalgeschütztes Gebäude abgerissen und es danach von der Liste genommen. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
𝗪𝗮𝘀 𝗵𝗲𝘂𝘁𝗲 𝗱𝗼𝗿𝘁 𝘀𝘁𝗲𝗵𝘁
Die Accor-Gruppe hat an der Stelle ein Hotel gebaut. Ein gesichtsloser Kommerzbau, der in keinster Weise mit der Ästhetik und Leichtigkeit des Müther-Baus konkurrieren kann. Die Berliner Zeitung schrieb dazu: „Man sollte dort Blumen niederlegen zum Gedenken an die mehrfache Stadt-Tortur." Die Fischerinsel, die einst ein eigenes Viertel mit Charakter war, ist heute architektonisch austauschbar.
Ulrich Müther selbst sagte später, dass er erst durch die internationalen Proteste gegen den Abriss so etwas wie Anerkennung für sein Lebenswerk erfahren hat. Er starb 2007 in Binz auf Rügen. Das Ahornblatt war da schon sieben Jahre verschwunden. Der Landesdenkmalpfleger Haspel fasste es so zusammen: „Der gleiche Prozess zehn Jahre später, der hätte wahrscheinlich zu einem anderen Ergebnis geführt." Wahrscheinlich. Aber zehn Jahre später war es zu spät.
𝗪𝗮𝗿𝘂𝗺 𝗱𝗮𝘀 𝘄𝗶𝗰𝗵𝘁𝗶𝗴 𝗶𝘀𝘁
Das Ahornblatt war Staatseigentum. Es gehörte dem Volk. Es wurde für 29 Millionen D-Mark an einen Investor verscherbelt, der es plattmachen durfte – trotz Denkmalschutz, trotz Proteste, trotz einer Bürgerinitiative. Und es war kein Einzelfall. Das Palasthotel, das DDR-Außenministerium, das Stadion der Weltjugend, der Palast der Republik, das SEZ, das Jahn-Stadion – die Liste wird immer länger.
Man kann es drehen und wenden wie man will: Es wurde systematisch alles aus dem Stadtbild entfernt, was an die DDR erinnert. Gebäude, auf die Menschen stolz waren. Orte, an denen sie gefeiert, gegessen, getanzt und gelebt haben. Stattdessen stehen dort jetzt Hotels, Bürokomplexe und die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Das ist keine Stadtplanung. Das ist Geschichtstilgung.
Hätte man das Ahornblatt sanieren können? Selbstverständlich. Ein Architekturbüro, ein Nutzungskonzept, ein bisschen politischer Wille – und heute stünde dort ein Denkmal der Ingenieurkunst, das Touristen aus aller Welt anzieht. Stattdessen steht dort ein Hotel, das in keinem Reiseführer erwähnt wird.
𝘋𝘢𝘴 𝘈𝘩𝘰𝘳𝘯𝘣𝘭𝘢𝘵𝘵 𝘸𝘢𝘳 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘯𝘶𝘳 𝘦𝘪𝘯 𝘎𝘦𝘣ä𝘶𝘥𝘦. 𝘌𝘴 𝘸𝘢𝘳 𝘦𝘪𝘯 𝘉𝘦𝘸𝘦𝘪𝘴, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘥𝘪𝘦 𝘋𝘋𝘙 𝘮𝘦𝘩𝘳 𝘬𝘰𝘯𝘯𝘵𝘦 𝘢𝘭𝘴 𝘗𝘭𝘢𝘵𝘵𝘦𝘯𝘣𝘢𝘶. 𝘜𝘯𝘥 𝘷𝘪𝘦𝘭𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘸𝘢𝘳 𝘨𝘦𝘯𝘢𝘶 𝘥𝘢𝘴 𝘥𝘦𝘳 𝘎𝘳𝘶𝘯𝘥, 𝘸𝘢𝘳𝘶𝘮 𝘦𝘴 𝘸𝘦𝘨 𝘮𝘶𝘴𝘴𝘵𝘦.
Kanntet ihr das Ahornblatt? Wart ihr dort essen, feiern oder tanzen? Was empfindet ihr, wenn ihr seht, was heute an dieser Stelle steht? Schreibt es in die Kommentare – diese Geschichte darf nicht vergessen werden. ❤️
In den nächsten Teilen dieser Reihe: Das Stadion der Weltjugend, das Palasthotel, das DDR-Außenministerium und weitere Gebäude, die aus dem Stadtbild getilgt wurden.
𝗡𝗼𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 𝗪𝗼𝗿𝘁 𝗶𝗻 𝗲𝗶𝗴𝗲𝗻𝗲𝗿 𝗦𝗮𝗰𝗵𝗲 😊
Alle Fakten in diesem Beitrag sind mehrfach recherchiert und gegengeprüft. Sollte trotzdem etwas nicht stimmen, schreibt es in die Kommentare und ich berichtige das sofort. Bei solchen Themen muss jedes Detail sitzen.
Was allerdings gar nicht geht: Pöbeln, beleidigen und den Anstand vergessen. Eigentlich waren die Ossis ja immer nett zueinander, aber manchmal verirrt sich jemand hierher, der seine gute Kinderstube wohl unter der Abrissbirne begraben hat. Wer so auftritt, wird blockiert und von dieser Seite entfernt – samt allem was er hier veröffentlicht hat. Solche Menschen sind hier nicht willkommen. Alle anderen: Herzlich willkommen. 🤝
Und noch etwas: Alle Beiträge auf dieser Seite sind selbst recherchiert und selbst geschrieben. Wer diesen oder andere Beiträge von uns in leicht abgeänderter Form auf anderen Seiten wiederfindet – und das passiert regelmäßig – der darf gerne auf dieses Original hier verweisen. Es gibt leider genug Seitenbetreiber, die sich ihre Inhalte im Internet zusammenklauen, weil sie offenbar nicht in der Lage sind, selbst zu recherchieren und eigene Beiträge zu verfassen. Schon traurig, wenn man eine Plattform betreibt und nicht mal einen eigenen Gedanken zu Papier bringen kann. Wir machen das hier anders.
Die Bilder sind KI-generiert und haben Symbolcharakter – nicht mehr und nicht weniger. DDR-Fahne und Wappen sind hier ein Augenzwinkern, oftmals versteckt, und kein politisches Manifest. Das verstehen alle, die damals groß geworden sind. Findest du das DDR-Wappen auch im Bild? 😉
Du willst mehr solcher Rückblicke, die manchmal wehtun, aber auch guttun? Dann bleib hier. Folge dieser Seite. DDR 2.0 – wie es war, wie es hätte sein können, und warum wir heute noch darüber lachen.
#ddr #ostalgie #ddr20 #holgererzählt
Veröffentlicht mit Welako
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