𝗜𝗡 𝟭𝟰 𝗦𝗧𝗨𝗡𝗗𝗘𝗡 𝗨̈𝗕𝗘𝗥 𝗡𝗔𝗖𝗛𝗧: 𝟭𝟭𝟬.𝟬𝟬𝟬 𝗔𝗨𝗙𝗥𝗨𝗙𝗘
𝟲𝟬𝟬 𝗞𝗢𝗠𝗠𝗘𝗡𝗧𝗔𝗥𝗘 – 𝗨𝗡𝗗 𝟵𝟴 𝗣𝗥𝗢𝗭𝗘𝗡𝗧 𝗛𝗔𝗕𝗘𝗡 𝗡𝗜𝗖𝗛𝗧 𝗚𝗘𝗠𝗘𝗥𝗞𝗧, 𝗗𝗔𝗦𝗦 𝗦𝗜𝗘 𝗩𝗘𝗥𝗔̈𝗣𝗣𝗘𝗟𝗧 𝗪𝗨𝗥𝗗𝗘𝗡
Das ist sie also, die schöne neue Welt der sozialen Medien. Oder besser gesagt: die alte gegenwärtige Welt, in der wir inzwischen leben. Ich wollte gestern spaßeshalber einmal testen, ob es bei Facebook überhaupt noch jemanden gibt, der mehr als die Überschrift und vielleicht noch die ersten zwei oder drei Zeilen liest. Also habe ich eine reißerische Überschrift geschrieben, darunter ein paar passende Sätze gesetzt und danach die Märchenfiguren der Gebrüder Grimm wieder auferstehen lassen. Schneewittchen, Rotkäppchen, der böse Wolf, Rapunzel, die Bremer Stadtmusikanten und wer sonst noch gerade nicht anderweitig beschäftigt war, durften gemeinsam durch den restlichen Beitrag marschieren.
Ich dachte natürlich, dass der eine oder andere sofort losschimpfen würde, ohne weiterzulesen. Damit hatte ich gerechnet. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte: Ich hatte den Beitrag gestern gegen 17 Uhr veröffentlicht, und heute Morgen gegen 8 Uhr, also nach gerade einmal 14 Stunden und praktisch über Nacht, war er bereits mehr als 110.000-mal aufgerufen worden und hatte rund 600 Kommentare. Bis heute Abend dürfte er vermutlich die 200.000 Aufrufe und möglicherweise auch die 1.000 Kommentare erreichen. Das Beeindruckendste daran ist allerdings nicht die Reichweite, sondern die Tatsache, dass ungefähr 98 Prozent der Kommentierenden überhaupt nicht bemerkt haben, dass sie gerade veräppelt werden.

Da wurde empört diskutiert, beleidigt, belehrt, gelobt, verurteilt und selbstverständlich auch wieder die gesamte Zukunft Deutschlands gerettet. Manche waren dermaßen aufgebracht, als hätte Rotkäppchen persönlich ihre Mülltonne umgetreten, Schneewittchen ihnen den Parkplatz weggenommen und der böse Wolf heimlich die Grundsteuer erhöht. Nur gelesen hatten den Beitrag offenbar die wenigsten. Dabei musste man dafür weder ein Studium absolvieren noch die gesammelten Werke von Goethe durcharbeiten. Man hätte lediglich ein kleines Stück weiterscrollen müssen. Aber selbst das scheint für manche bereits eine geistige Expedition zu sein, für die Proviant, Sauerstoffflasche und ein erfahrener Bergführer benötigt werden.
Besonders lustig war, dass sogar einige meiner Follower darunter waren, die meine Beiträge seit Jahren lesen und eigentlich wissen müssten, wie ich schreibe. Noch dazu hatte ich dieses Experiment bereits einen Tag vorher angekündigt. Trotzdem wurde die Überschrift gelesen, der Blutdruck hochgefahren und sofort kommentiert. Das ist ungefähr so, als würde ich heute ankündigen, dass ich morgen einen Eimer Wasser auf die Straße kippe, und am nächsten Tag stehen dieselben Leute knietief darin und fragen empört, woher plötzlich die Überschwemmung kommt.
Was soll man dazu noch sagen? Warum sollte man sich bei Facebook überhaupt noch die Mühe machen, ausführliche Beiträge zu schreiben, Hintergründe zu erklären, Zusammenhänge darzustellen und sich Gedanken über Formulierungen zu machen, wenn man mit einer reißerischen Überschrift, drei passenden Sätzen und einer anschließenden Geschichte darüber, wie Rapunzel mit den sieben Zwergen eine Bürgerinitiative gegen zu niedrige Küchentüren gründet, offenbar deutlich mehr erreicht? Ich habe damit im Grunde bewiesen, dass viele nicht den Beitrag kommentieren, sondern nur das Gefühl, das die Überschrift in ihnen ausgelöst hat.
Natürlich gibt es hier eine kleine eingeschworene Followerschaft, die meine Beiträge tatsächlich bis zum Ende liest. Diese Menschen gehören inzwischen offenbar zu einer seltenen Spezies, die man vermutlich bald unter Naturschutz stellen muss. Am Eingang könnte ein Schild stehen: „Bitte nicht erschrecken. Dieses seltene Wesen liest gelegentlich sogar den zweiten Absatz.“ Aber selbst unter meinen langjährigen Lesern gab es diesmal einige, die voll in die Falle getappt sind. Das macht die Sache einerseits urkomisch, andererseits aber auch ziemlich traurig.
Da ich gern schreibe und mir gern Geschichten ausdenke, wird es jetzt jeden Tag einen solchen Beitrag geben. Eine reißerische Überschrift, zwei oder drei Zeilen, die zunächst ernst klingen, und darunter ein kleines Märchen oder eine völlig absurde Geschichte, die trotzdem irgendwie zum eigentlichen Thema passt. Vielleicht schafft es der eine oder andere dadurch irgendwann, vor dem Kommentieren tatsächlich den ganzen Beitrag zu lesen. Vor allem dann, wenn er beleidigend wird, persönlich angreift oder sich dermaßen in Rage schreibt, als hätte der böse Wolf gerade sein WLAN abgeschaltet.
Denn möglicherweise fällt ein Kommentar ganz anders aus, wenn man vorher weiß, worum es überhaupt geht. Das wäre für soziale Medien beinahe ein revolutionärer Gedanke: erst lesen, dann nachdenken und danach kommentieren. Ich weiß, das klingt gewagt und vielleicht ist die Menschheit dafür noch nicht bereit. Aber Schneewittchen, Rotkäppchen, Rapunzel, der böse Wolf und die Bremer Stadtmusikanten werden sich weiterhin bemühen. Irgendjemand muss es schließlich tun.
Und hier einmal der Originalbeitrag, in dem ich im Grunde die Leute hinters Licht führe.
𝗗𝗜𝗘 𝗔𝗳𝗗 𝗦𝗢𝗟𝗟 𝗗𝗘𝗡 𝗚𝗘𝗦𝗔𝗠𝗧𝗘𝗡 𝗣𝗢𝗟𝗜𝗭𝗘𝗜𝗘𝗜𝗡𝗦𝗔𝗧𝗭 𝗜𝗡 𝗘𝗥𝗙𝗨𝗥𝗧 𝗕𝗘𝗭𝗔𝗛𝗟𝗘𝗡!
Genau das fordern das Bündnis „Widersetzen“, die Antifa und zahlreiche linke Organisationen jetzt. Schließlich fand der Polizeieinsatz wegen des AfD-Parteitages statt, also soll die Partei gefälligst auch die komplette Rechnung übernehmen, einschließlich Hotel, Frühstück, Überstunden und der abgelaufenen Schuhsohlen sämtlicher eingesetzter Polizisten.
Und damit wären wir auch schon mitten im Märchenwald, wo Rotkäppchen an diesem Morgen von seiner Großmutter nach Erfurt geschickt wurde. Im Korb hatte es keine Flasche Wein und keinen Kuchen, sondern drei vegane Bratwürste, ein Megafon und ein fertig ausgedrucktes Protestplakat mit der Aufschrift: „Oma gegen rechts, aber nur bis 18 Uhr, danach kommt der Pflegedienst.“ Auf halber Strecke begegnete Rotkäppchen dem bösen Wolf, der diesmal einen blauen Schlips trug und behauptete, er sei überhaupt kein Wolf, sondern lediglich ein besorgter Waldspaziergänger mit ausgeprägtem Interesse an deutscher Schafhaltung. Rotkäppchen erkannte ihn trotzdem sofort, legte eine Picknickdecke quer über den Waldweg und erklärte die Stelle zur angemeldeten Sitzblockade des Bündnisses „Widersetzen“.
Wenig später kamen Hänsel und Gretel vorbei. Sie hatten Brotkrumen ausgestreut, damit die Demonstranten den Weg zur Messe finden konnten. Leider waren sämtliche Krümel bereits von den Bremer Stadtmusikanten gefressen worden, die daraufhin vollkommen orientierungslos vor dem Erfurter Hauptbahnhof standen und ein politisches Protestlied anstimmten. Der Esel rief: „Die AfD soll zahlen!“, der Hund bellte: „Widersetzen soll zahlen!“, die Katze miaute: „Der Steuerzahler wird zahlen!“, und der Hahn krähte nur: „Das habe ich euch doch gleich gesagt!“ Damit war die deutsche Debatte im Grunde vollständig zusammengefasst, weshalb sämtliche anwesenden Talkshows ihre Sendung absagten.
Auch Schneewittchen war mit den sieben Zwergen nach Erfurt gekommen. Einer trug das Megafon, zwei hielten dasselbe Transparent verkehrt herum, drei suchten seit einer Stunde den Treffpunkt, obwohl sie direkt davorstanden, und der sechste erklärte jedem, Putin habe vermutlich die Wegweiser verdreht. Nur der siebte Zwerg blieb vollkommen ruhig. Er hatte vorsichtshalber eine Klappleiter mitgebracht, damit Schneewittchen über die Köpfe hinweg wenigstens sehen konnte, wogegen sie heute eigentlich demonstrierten.

Rumpelstilzchen bot unterdessen an, sämtliche Polizeikosten über Nacht zu Stroh zu spinnen und daraus anschließend Gold für den Thüringer Landeshaushalt zu machen. Als Gegenleistung verlangte es jedoch das erstgeborene Wahlprogramm der nächsten Bundesregierung. Herr Merz lehnte zunächst entschieden ab, fragte aber fünf Minuten später vorsichtshalber, ob man über eine schwarz-goldene Übergangslösung sprechen könne. In diesem Moment ließ Rapunzel ihr Haar vom Erfurter Dom herunter, weil das Verlängerungskabel für die Lautsprecheranlage zu kurz war. Herr Merz hielt das Haar für die neue Karriereleiter ins Kanzleramt, kletterte hinauf und traf oben auf Herrn Natas, den gut gekleideten Herrn, der bereits mit einem Klemmbrett wartete und günstige Haftpflichtversicherungen für spontane demokratische Großveranstaltungen anbot. Im Kleingedruckten stand allerdings, dass weder Polizeieinsätze noch Märchenfiguren, politische Blockaden, vergiftete Äpfel oder Schäden durch herabfallende Politiker versichert seien.
Während Herr Merz noch auf Rapunzels Haaren festhing und Herr Natas bereits die zweite Zusatzversicherung ausfüllte, hatte Aschenputtel im Erfurter Finanzamt längst die undankbarste Aufgabe des ganzen Tages übernommen. Sie musste die Rechnungen sortieren: Polizeikosten zur AfD, Hotelkosten zu „Widersetzen“, vegane Bratwürste zur Antifa, vergiftete Äpfel zum Verbraucherschutz, Rumpelstilzchens Gold zum Finanzministerium und die Reinigung von Rapunzels Haaren zur gesetzlichen Krankenkasse. Als sie endlich fertig war, erschien der böse Wolf erneut und erklärte, dass selbstverständlich der Steuerzahler alles übernehmen werde. Daraufhin passte ihm sogar der gläserne Schuh, und er wurde noch am selben Abend zum Vorsitzenden des Märchenrechnungshofes gewählt.
So, und nun schauen wir einmal, wie viele Menschen sofort unter diesem Beitrag loskommentieren, nachdem sie ausschließlich die Überschrift und die ersten drei Zeilen gelesen haben. Ich hatte gestern bereits angekündigt, dass ich heute genau diesen Test starte: eine reißerische Überschrift, zwei oder drei passende Sätze, und danach könnte man theoretisch auch die Gebrüder Grimm erzählen lassen. Mal sehen, wie viele sich empören, zustimmen, gegenseitig beschimpfen oder die sofortige Übernahme sämtlicher Polizeikosten verlangen, ohne jemals im Märchenwald angekommen zu sein.
Diejenigen, die wirklich bis hierher gelesen haben, verraten nichts, und freut euch auf die Kommentare. :)
Veröffentlicht mit Welako