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in #deutsch3 days ago

Der Bundeshaushalt muss saniert werden, und weil das 500-Milliarden-Sondervermögen offenbar schon schneller verplant wurde als ein Bürger „Nebenkostenabrechnung“ sagen kann, soll nun angeblich der Stromverbraucher ran. Acht Cent pro Kilowattstunde zusätzlich, damit der Staat wieder Luft bekommt. Also im Grunde: Licht an, Konto aus.

Und damit wären wir auch schon wieder im Märchenwald, wo der König eines Morgens feststellte, dass die große goldene Schatzkammer leer war. Nicht ein bisschen leer, nicht „wir müssen mal sparen“-leer, sondern richtig leer. So leer, dass selbst die Spinnen darin Miete zahlen sollten. Dabei hatte der König doch erst vor kurzem ein riesiges Sondervermögen bekommen, größer als der Drache, länger als Rapunzels Haar und schwerer zu erklären als ein Haushaltsplan nach drei Gläsern Met.

„Wo ist denn das ganze Gold geblieben?“, fragte Schneewittchen und blickte vorsichtig in die Kasse.

Der Finanzzwerg, der zufällig gerade vorbeikam, räusperte sich und sagte: „Das Gold ist nicht weg. Es wurde nur bereits zukunftsorientiert verteilt, strategisch gebunden, langfristig verplant und haushaltstechnisch in eine andere Bewusstseinsebene überführt.“

„Also weg?“, fragte Rotkäppchen.

„Nein“, sagte der Zwerg, „politisch wirksam eingesetzt.“

Daraufhin wurde sofort der große Rat der Märchenfiguren einberufen. Rumpelstilzchen schlug vor, einfach noch mehr Stroh zu Gold zu spinnen. Leider stellte sich heraus, dass das Stroh bereits als Klimamaßnahme gefördert, als Dämmstoff zertifiziert und anschließend an ein Beratungsunternehmen verkauft worden war. Der böse Wolf wollte eine Atemsteuer einführen, weil schließlich jeder Bürger Luft verbrauche und man das doch endlich gerecht verteilen müsse. Die böse Königin fand das zu durchschaubar und schlug stattdessen vor, den Strom teurer zu machen.

„Das merkt niemand sofort“, sagte sie und lächelte in ihren Spiegel. „Die Leute sehen es erst auf der nächsten Rechnung. Bis dahin haben wir längst eine Arbeitsgruppe eingesetzt.“

Der Spiegel nickte erschöpft und antwortete: „Spieglein, Spieglein an der Wand, die beste Steuer ist die, die niemand verstand.“

Also verkündete der König eine neue Stromsteuer von acht Cent pro Kilowattstunde. Jede Kerze blieb steuerfrei, bis jemand bemerkte, dass Kerzen ja CO₂ verursachen könnten. Daraufhin wurde auch das warme Licht verdächtig. Hänsel und Gretel versuchten, im Wald einen Ofen anzuzünden, bekamen aber sofort Besuch vom Energiebeauftragten, der wissen wollte, ob die Hexe für ihr Lebkuchenhaus bereits einen Sanierungsfahrplan eingereicht habe.

Der Froschkönig saß derweil am Brunnen und rechnete aus, was ein einziger Kuss künftig kosten würde, wenn dabei die Palastbeleuchtung eingeschaltet bleibt. Dornröschen schlief vorsichtshalber weiter, weil Wachsein mittlerweile zu teuer geworden war. Die sieben Zwerge beschlossen, ihre Laternen im Bergwerk nur noch montags zwischen 6 und 7 Uhr einzuschalten, allerdings nur, wenn kein Netzentgelt, keine Umlage, keine Abgabe und keine märchenhafte Zusatzpauschale dazwischenkam.

Am Ende trat der König vor sein Volk und erklärte: „Niemand hat die Absicht, die Bürger zusätzlich zu belasten.“

In diesem Moment ging im ganzen Märchenwald das Licht aus.

Nicht wegen Strommangel.

Nur weil sich keiner mehr traute, den Schalter zu drücken.

Mal sehen, wie viele jetzt nur die Überschrift lesen und sofort kommentieren, dass die neue Stromsteuer eine Frechheit ist, dass der Bürger wieder alles bezahlen muss oder dass acht Cent doch bestimmt noch viel zu wenig sind. Wer bis hierher gelesen hat, darf sich entspannen: Wir waren wieder im Märchenwald. Aber wie üblich klingt das Märchen inzwischen erschreckend nah an dem, was man morgen vielleicht wirklich in irgendeinem Ministerium als „sozial ausgewogene Maßnahme“ verkaufen würde. Menschen, diese dekorativen Rechnungszahler, machen es einem aber auch wirklich leicht.


Veröffentlicht mit Welako