🚨 𝗪𝗘𝗜𝗠𝗔𝗥, 𝗦𝗖𝗛𝗜𝗟𝗟𝗘𝗥
𝗨𝗡𝗗 𝗘𝗜𝗡 𝗣𝗘𝗥𝗦Ö𝗡𝗟𝗜𝗖𝗛𝗘𝗥 𝗕𝗥𝗔𝗧𝗪𝗨𝗥𝗦𝗦𝗧𝗔𝗡𝗗 𝗙Ü𝗥 𝗠𝗜𝗖𝗛! 🌭
So, wir sind nun also in Weimar angekommen. Meine Freundin und ich wollten uns ein paar schöne Tage machen, etwas Kultur genießen, durch die Stadt laufen und uns anschauen, was Goethe, Schiller und all die anderen Herrschaften hier so hinterlassen haben. Ich finde das ja grundsätzlich sehr wichtig. Man sollte sich auch im Urlaub geistig bilden und nicht immer nur ans Essen denken. Wobei man natürlich auch auf keinen Fall vergessen darf, rechtzeitig und ausreichend zu essen, denn sonst kann der Kreislauf bei so viel Kultur schnell einmal in eine gefährliche Schieflage geraten.
Vor der Abfahrt hatte ich deshalb wie immer das Wohnmobil sorgfältig vorbereitet. Meine Freundin packte ein paar Kleidungsstücke, Kosmetik, Schuhe, noch mehr Schuhe und irgendwelche Sachen ein, die offenbar zwingend notwendig sind, wenn man drei Tage verreist und dabei aussehen möchte, als würde man gerade für sechs Monate nach Südfrankreich auswandern. Ich kümmerte mich währenddessen um die wirklich wichtigen Dinge: Vorräte. Also ein paar Kisten Getränke, einige Packungen Wurst, Käse, Brot, ein kleines Notfallpaket Süßigkeiten, zwei Kartons Haribo, drei Familienpackungen Schokolade, ein paar Konserven, etwas Fleisch für zwischendurch und natürlich ausreichend Bratwurstmaterial für den Fall, dass in Weimar plötzlich alle Geschäfte schließen oder die Stadt wegen Überforderung durch meinen Appetit den Versorgungsnotstand ausruft. Man muss vorbereitet sein. Die Geschichte zeigt schließlich, dass große Männer oft an kleinen Portionen gescheitert sind.
Das Verstauen im Wohnmobil war allerdings komplizierter als gedacht. Irgendwann war jeder Schrank voll, das Bett halb belegt, unter dem Tisch standen Kisten, im Bad lagen Vorräte, und im Fahrerhaus musste ich noch drei Packungen Rostbrätel zwischen Fußraum und Beifahrersitz sichern. Meine Freundin meinte, man könne unmöglich so viel für ein paar Tage brauchen. Ich habe ihr erklärt, dass wir nach Weimar fahren und nicht wissen, wie die Versorgungslage vor Ort ist. Sie meinte, Weimar sei keine einsame Insel. Ich sagte, das hätten die Leute über Sierksdorf bestimmt auch gedacht, und plötzlich stand dort ein russisches Kriegsschiff vor der Küste. Seitdem vertraue ich grundsätzlich nur noch meinem eigenen Vorratsmanagement.
Nach der Ankunft ging es dann in die Innenstadt. Ich wollte natürlich unbedingt zum Schillerdenkmal. Man steht schließlich nicht jeden Tag vor einem so bedeutenden Stück deutscher Kulturgeschichte. Also liefen wir los. Na ja, meine Freundin lief. Ich bewegte mich würdevoll hinterher, in einem Tempo, das der Bedeutung des Ortes angemessen war. Nach ungefähr 300 Metern merkte ich allerdings, dass Weimar kulturell sehr anspruchsvoll ist. Vor allem für die Beine. Diese Stadt hat eindeutig zu viele Pflastersteine und zu wenig strategisch platzierte Bratwurststände mit Sitzgelegenheit.
Als wir endlich am Schillerdenkmal ankamen, musste ich mich erst einmal direkt auf die Stufen setzen. Nicht aus Schwäche, sondern aus Respekt vor der deutschen Klassik. Ich wollte diesen historischen Ort auf mich wirken lassen. Außerdem war ich völlig fertig. Die Sonne schien, die Leute liefen herum, irgendwo wurde fotografiert, und ich hatte das Gefühl, dass mein Körper nach dieser anstrengenden Anreise dringend ein Zeichen der Unterstützung brauchte. Also schaute ich mich um und entdeckte in der Nähe einen kleinen Bratwurststand. Ein schöner Anblick. Fast so bewegend wie Schiller selbst, nur mit mehr Senf.
Ich winkte den Bratwurstmann zu mir und fragte ihn, ob er nicht mit seinem Grill ein Stück näher an das Denkmal kommen könne. Er schaute mich erst an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, Goethe in eine Fritteuse zu legen. Dann erklärte ich ihm die Lage: Ich sei ein voluminöser, kräftiger und gutaussehender Mann in einer akuten kulturellen Erschöpfungssituation und bräuchte dringend 15 Bratwürste und 10 Rostbrätel, speziell für mich gebraten. Nicht alles auf einmal, sondern schön nacheinander, damit der Nachschub nicht abreißt. Das überzeugte ihn offenbar. Vielleicht lag es an meiner Ausstrahlung, vielleicht an der Aussicht auf einen Tagesumsatz innerhalb von 20 Minuten. Jedenfalls schob er seinen Grill tatsächlich näher heran.

Nun saß ich also auf den Stufen am Schillerdenkmal, vor mir ein eigener kleiner Bratwurststand, neben mir ein Teller mit den ersten Thüringer Bratwürsten, und hinter mir die ganze deutsche Literaturgeschichte. Die Leute schauten natürlich verwundert. Einige blieben sogar stehen. Wahrscheinlich hatten sie noch nie erlebt, dass ein Mann mit meiner Erscheinung praktisch seinen persönlichen Grillservice direkt am Denkmal bekommt. Ich konnte die Blicke verstehen. Neid ist eine sehr menschliche Schwäche. Nicht jeder kann so eine eindrucksvolle Gestalt sein und gleichzeitig temporär über einen eigenen Bratwurststand verfügen. Manche müssen sich eben mit Selfies vor Schiller begnügen.
Meine Freundin war zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich längst verschwunden. Sie hatte sich noch vor der Reise ihr Taschengeld für zwei Wochen im Voraus auszahlen lassen, angeblich wegen „ein paar Kleinigkeiten“. Ich kenne diese Kleinigkeiten. In Weimar bedeutet das vermutlich, dass in drei Boutiquen demnächst die Regale leer sind und irgendwo eine Verkäuferin weinend im Lager steht, weil sie keine passenden Tüten mehr findet. Ich gehe davon aus, dass sie gerade durch die Innenstadt zieht, Kleider anprobiert, Schuhe kauft und sich fragt, warum ich nicht mitgekommen bin. Dabei weiß sie ganz genau, dass ich am Schillerdenkmal eine wichtige kulturhistorische Pause einlege.
Ich werde hier jedenfalls so lange sitzen bleiben, wie der Nachschub an Bratwürsten und Rostbräteln gesichert ist. Vielleicht kommt meine Freundin irgendwann zurück. Vielleicht auch nicht. Vielleicht findet sie eine Boutique, in der sie eine neue Existenz beginnt. Ich werde es gelassen nehmen. Solange der Grill heiß ist, die Würste knacken und mir niemand erklärt, dass man am Schillerdenkmal nur geistige Nahrung zu sich nehmen darf, ist die Welt für mich in Ordnung.
Und falls Schiller von oben zuschaut, wird er sicher Verständnis haben. Ein Mann braucht Freiheit, Würde und mindestens 15 Bratwürste nach einem anstrengenden Stadtrundgang.
#lifestyle #satire #weimar #bratwurst
Veröffentlicht mit Welako