𝗪𝗜𝗘 𝗗𝗘𝗥 𝗞𝗔𝗨𝗙 𝗘𝗜𝗡𝗘𝗦 𝗗𝗨𝗦𝗖𝗛𝗛𝗢𝗖𝗞𝗘𝗥𝗦 𝗘𝗜𝗡𝗘𝗡 𝗭𝗨𝗠 𝗢𝗙𝗙𝗜𝗭𝗜𝗘𝗟𝗟𝗘𝗡 𝗔𝗟𝗧𝗘𝗡 𝗦𝗔𝗖𝗞 𝗠𝗔𝗖𝗛𝗧
Ich wollte gestern nach einer Woche endlich einmal wieder duschen. Nicht, weil ich bereits unangenehm gerochen hätte – zumindest hat sich niemand getraut, mir das ins Gesicht zu sagen –, sondern weil selbst alte Männer in tiefen, dunklen Wäldern gelegentlich eine Grundreinigung benötigen. Sonst beginnt irgendwann das Moos nicht nur am Haus, sondern auch am Hausherrn zu wachsen.
Ich habe es dann aber doch sein gelassen. Mir ist gelegentlich noch immer schwindlig und mein Kreislauf sackt zwischendurch ab, als hätte er ein Sonderkündigungsrecht. Da hatte ich etwas Muffe, unter der Dusche auszurutschen und dort nackt zu liegen, bis mich irgendwann jemand findet. Man möchte schließlich nicht, dass der letzte Satz über einen lautet: „Er war zwar tot, aber immerhin frisch gewaschen.“
Also habe ich überlegt, was alte Männer machen, wenn sie beim Duschen nicht mehr sicher auf den Beinen stehen. Ganz einfach: Sie kaufen sich einen Duschhocker.
Allein dieses Wort: 𝗗𝗨𝗦𝗖𝗛𝗛𝗢𝗖𝗞𝗘𝗥!
Bis gestern war ich noch ein schwer herzkranker Mann mit gelegentlichen Kreislaufproblemen. Seit der Bestellung dieses himmelblauen Plastikgestells bin ich offiziell ein alter Sack. Wahrscheinlich werden die Daten des Kaufes automatisch an die Rentenversicherung, das Pflegeheim und die „Apotheken Umschau“ weitergeleitet. Die ersten Prospekte für Treppenlifte dürften bereits unterwegs sein.
Früher stand ich pfeifend unter der Dusche. In Kürze sitze ich meckernd darunter, schwinge ein kleines Fähnchen und verkünde feierlich: „𝗜𝗰𝗵 𝗯𝗶𝗻 𝗷𝗲𝘁𝘇𝘁 𝗼𝗳𝗳𝗶𝘇𝗶𝗲𝗹𝗹 𝗮𝗹𝘁!“ Während andere Männer meines Alters noch von Sportwagen träumen, warte ich voller Vorfreude auf einen himmelblauen Plastikhocker fürs Badezimmer. So ändern sich die Prioritäten. Mit 20 wollte man ein schnelles Auto, mit 60 freut man sich über rutschfeste Gummifüße und eine Sitzfläche mit Wasserablauf.
Das wirklich Geniale an diesem Duschhocker ist allerdings seine Tragfähigkeit: 136 Kilogramm! Da habe ich also noch ordentlich Luft nach oben. Nach meiner groben, garantiert medizinisch völlig einwandfreien Berechnung kann ich mir in den nächsten Tagen und Wochen ungefähr 200 Tafeln Schokolade einverleiben, bevor der Hocker überhaupt anfängt, unter mir nervös zu knacken. Andere lesen bei solchen Angaben eine Belastungsgrenze. Ich lese: „Holger, beim Naschen ist noch reichlich Spielraum vorhanden.“
Endlich einmal eine Anschaffung, die Gesundheit und ausgewogene Ernährung sinnvoll miteinander verbindet. Sollte die Hausärztin fragen, warum ich plötzlich 20 Kilogramm zugenommen habe, erkläre ich ihr einfach, dass ich lediglich die technischen Möglichkeiten meines neuen Hilfsmittels konsequent ausnutze. Man kauft sich schließlich auch keinen Duschhocker für 136 Kilogramm und lässt anschließend 20 Kilogramm Tragkraft ungenutzt. Das wäre wirtschaftlicher Unsinn.
Grundsätzlich geht es mir aber bereits wieder um einiges besser. Heute stehe ich auf alle Fälle auf und werde mit meinem Anhängsel ein paar Meter spazieren gehen. Leider ist der Duschhocker noch nicht angekommen. Dabei hätte sie das Ding zerlegt locker in ihrer riesigen Handtasche transportieren können. Wenn ich unterwegs eine Pause brauche, wird der himmelblaue Thron eben aufgebaut, der alte Herr nimmt Platz und das Fußvolk darf warten. Andere wandern mit Trekkingstöcken durch den Thüringer Wald – ich künftig mit Duschhocker, Begleitpersonal und Notfallschokolade.

So ähnlich haben wir es vor vier Jahren im Winter schon gemacht. Weil es bei uns im tiefen Wald keinen Winterdienst gibt beziehungsweise dieser vermutlich nur als Sage von Generation zu Generation weitererzählt wird, lasse ich mein Auto bei Schnee immer auf dem Parkplatz am Schwimmbad stehen. Nur musste ich irgendwie bis zum Auto kommen und später auch wieder zurück.
Also bin ich langsam den Weg entlanggetappt und Sohnemann lief mit einem Plastikstuhl hinter mir her. Alle 20 Meter wurde der Stuhl aufgestellt, ich setzte mich hin und machte erst einmal Pause. Für Außenstehende sah das vermutlich aus wie eine Fronleichnamsprozession für Kreislaufgeschädigte. Vorneweg der alte Mann, dahinter der Sohn mit dem heiligen Plastikstuhl. Gefehlt haben eigentlich nur Weihrauch, Blasmusik und ein paar Dorfbewohner, die am Straßenrand ehrfürchtig das Haupt senken.
Aber es hat funktioniert. Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg. Und wo der Weg länger als 20 Meter ist, braucht man eben einen Stuhl.
Die Freundin hat inzwischen bei der Hausärztin ordentlich Schimpfe bekommen, weil sie dort war und ich nicht. Eigentlich sollte mir am Mittwoch Blut abgenommen werden, damit man endlich exakt ausrechnen kann, ob ich noch bis zum 22. August 2027 auf meinem himmelblauen Duschhocker sitzen darf oder ob Herr Natas bereits im Juli vorbeikommt, mit der Sense an die Badezimmertür klopft und sagt: „Ey Holger, wird nun langsam Zeit.“
Dann muss er sich allerdings etwas gedulden. Erstens sitze ich gerade unter der Dusche. Zweitens habe ich mir für 200 Tafeln Schokolade Tragkraft reserviert. Und drittens verlasse ich diese Welt ganz bestimmt nicht, bevor sich der Kauf dieses verdammten Duschhockers wenigstens gelohnt hat.
Also wird heute aufgestanden, ein paar Meter gelaufen und dem Kreislauf klargemacht, wer hier das Sagen hat. Der Kreislauf wird mich kurz ansehen, müde lachen und anschließend wieder machen, was er will. Aber wenigstens bin ich darauf vorbereitet.
Ich habe jetzt schließlich einen Duschhocker. Himmelblau, belastbar bis 136 Kilogramm und vermutlich die letzte Stufe vor dem elektrisch verstellbaren Fernsehsessel mit eingebauter Aufstehhilfe.
Man muss im Alter eben investieren. 😂
Veröffentlicht mit Welako
Me hizo gracia que el Duschhocker aguante 136 kg, eso te deja espacio para cargar 200 tabletas de chocolate en la mochila antes de que cruje. ¿Has pensado en llevarlo de ruta en tus próximas escapadas de aventura? 🚿
Miren esto, la capacidad de 136 kg del Duschhocker suena como la resistencia de los troncos del bosque paraguayo que sostienen nuestras historias. No se lo pierdan, imagino esas 200 tabletas de chocolate como una lluvia dulce sobre la yerba mate del campo, ¡increíble! 🍫