𝗗𝗔𝗦 𝗗𝗥𝗘𝗜-𝗞𝗜𝗟𝗢-𝗕𝗔𝗕𝗬 𝗔𝗨𝗦 𝗗𝗘𝗠 𝗧𝗜𝗘𝗙𝗘𝗡 𝗗𝗨𝗡𝗞𝗟𝗘𝗡 𝗪𝗔𝗟𝗗

in #deutsch2 days ago

Oje, ihr habt ja seit Tagen überhaupt nichts mehr davon mitbekommen, was hier im tiefen dunklen Wald so gegessen wird. Nicht, dass noch jemand glaubt, wir würden inzwischen von Tannenzapfen, Moos und dem leben, was Herr Ludwig versehentlich übrig lässt.

Gestern gab es einen Hackbraten, gefüllt mit gekochten Eiern. Das Baby wog ungefähr drei Kilogramm. Andere bekommen bei diesem Gewicht Glückwünsche von der Hebamme, bei mir gibt es eine Kerntemperaturmessung und anschließend Soße dazu.

Ein genaues Rezept gibt es diesmal nicht. Wer seit ungefähr 40 Jahren kocht, wiegt schließlich nicht mehr jedes Gramm Petersilie einzeln ab, sondern macht alles frei Schnauze. Im Hackbraten waren jedenfalls Petersilie, Salz, Pfeffer, Paprika, Senf, ein Hauch gemahlener Kümmel, Semmelbrösel und mit Sicherheit noch einiges mehr, an das ich mich inzwischen nicht mehr erinnere. Es hat jedenfalls geschmeckt, und das ist am Ende wichtiger als ein lückenloses Zutatenverzeichnis für die Hackfleischaufsichtsbehörde.

Der Braten kam bei 160 Grad in den Backofen und durfte dort bleiben, bis er eine Kerntemperatur von 72 Grad erreicht hatte. Danach habe ich ihn herausgenommen und noch bis ungefähr 75 Grad nachziehen lassen. Bei einem solchen Drei-Kilo-Ungetüm arbeite ich grundsätzlich mit der Kerntemperatur. Nur so weiß man zuverlässig, wann der Braten wirklich gar ist und trotzdem schön saftig bleibt. Nach Gefühl kann man bei dieser Größe natürlich auch arbeiten – wenn man gern außen Schuhsohle und innen Mett serviert.

Neben dem Hackbraten lag kleingeschnittenes Wurzelgemüse, das ich vorher mit einer ganzen Flasche Rotwein reduziert hatte. Aus dem Gemüse und dem Bratensatz wurde anschließend eine kräftige Soße gezaubert: mit selbst eingekochter Brühe noch einmal aufgekocht, passiert, mit Sahne und Gewürzen abgeschmeckt und zum Schluss kamen noch gebratene Champignons hinein.

Dazu gab es Kartoffelbrei, Rahmgemüse aus Möhren, Blumenkohl und Brokkoli. Und natürlich einen Salat aus gewürfelten Paprika, Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Feta-Würfeln. Schließlich muss auch etwas Gesundes auf dem Teller liegen, damit man sich beim dritten Stück Hackbraten nicht ganz so schuldig fühlt.

Marcel hat derzeit wieder Besuch von seiner Freundin samt Kindern. Eine große Portion haben sie natürlich ebenfalls bekommen, allerdings hatten sie gestern schon selbst gekocht. Der Hackbraten wird deshalb erst heute von ihnen vernichtet. Er läuft ja zum Glück nicht weg – bei drei Kilogramm Eigengewicht müsste man das vermutlich sogar hören.

Die Freundin und der Sohn bleiben diesmal bis Montag hier. Der Sohn studiert im dritten Jahr Medieninformatik – oder wie auch immer man das heute genau nennt – und wuschelt schon seit vielen Jahren ziemlich erfolgreich in diesem Bereich herum. Gemeinsam wollen wir die Grafiken für mein Buch und den Umschlag endgültig fertigstellen.

Und wer fleißig an meinem Buch arbeitet, bekommt natürlich auch ein großes Stück Hackbraten. Bezahlung in Naturalien hat schließlich im tiefen dunklen Wald noch immer hervorragend


Veröffentlicht mit Welako