🏥 𝗔𝗹𝗹𝗲𝘀 𝘂𝗻𝘁𝗲𝗿 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗺 𝗗𝗮𝗰𝗵, 𝗼𝗵𝗻𝗲 Ü𝗯𝗲𝗿𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴, 𝗼𝗵𝗻𝗲 𝗪𝗮𝗿𝘁𝗲𝘇𝗲𝗶𝘁

in #deutsch9 days ago

𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗮𝗻𝗻 𝗵𝗮𝘁 𝗺𝗮𝗻 𝗲𝘀 𝗮𝗯𝗴𝗲𝘀𝗰𝗵𝗮𝗳𝗳𝘁. 𝗗𝗶𝗲 𝗣𝗼𝗹𝗶𝗸𝗹𝗶𝗻𝗶𝗸 𝗱𝗲𝗿 𝗗𝗗𝗥.

Wer heute einen Facharzttermin braucht, der braucht vor allem eines: Geduld. 42 Tage beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Facharzttermin in Deutschland – Stand 2024, Quelle: Bundesgesundheitsministerium. Sechs Wochen. Für einen Termin. Und dann fährt man quer durch die Stadt, vom Hausarzt zum Orthopäden, vom Orthopäden zum Radiologen, vom Radiologen zurück zum Hausarzt – mit Überweisungen, die man sammelt wie Briefmarken.

In der DDR ging man in die Poliklinik. Man ging rein, wurde behandelt und ging wieder raus. Alles unter einem Dach. Und das kostete nichts. Nicht einen Pfennig.

𝗪𝗮𝘀 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗣𝗼𝗹𝗶𝗸𝗹𝗶𝗻𝗶𝗸 𝘄𝗮𝗿

Die Poliklinik war keine Arztpraxis. Sie war ein ganzes medizinisches Zentrum. Unter einem Dach arbeiteten Allgemeinmediziner, Fachärzte verschiedener Richtungen, Zahnärzte, Röntgenabteilung, Labor, Physiotherapie und eine Apotheke zusammen. Laut bpb musste eine Poliklinik mindestens fünf fachärztliche Abteilungen haben – in der Praxis waren es oft deutlich mehr.

Beispiel aus Heiligenstadt im Eichsfeld, dokumentiert im Deutschen Ärzteblatt: Eine Poliklinik mit 15 Fachabteilungen, 30 Ärzten, 25 Zahnärzten und 165 medizinischen Fachkräften versorgte einen Landkreis mit 35.000 bis 40.000 Einwohnern. Dazu drei Außenstellen und 26 Gemeindeschwesternstationen in den umliegenden Dörfern. 1989 zählte diese eine Poliklinik exakt 325.835 ärztliche Konsultationen und 82.652 zahnärztliche Behandlungen. In einem einzigen Jahr. In einer einzigen Einrichtung.

Jede Großstadt hatte in jedem Stadtteil eine Poliklinik, jede Kreisstadt mindestens eine. Der Hausarzt hatte direkten Draht zu den Fachkollegen im selben Gebäude. Kurze Wege, direkte Absprachen, keine Überweisungsscheine die man durch die halbe Stadt trägt. Wenn der Allgemeinmediziner etwas Auffälliges feststellte, ging man zwei Türen weiter zum Facharzt – oft am selben Tag.

𝗗𝗶𝗲 𝗗𝗶𝘀𝗽𝗲𝗻𝘀𝗮𝗶𝗿𝗲-𝗕𝗲𝘁𝗿𝗲𝘂𝘂𝗻𝗴 – 𝗱𝗮𝘀 𝗸𝗲𝗻𝗻𝘁 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲𝗿

Und jetzt kommt etwas, das fast niemand im Westen kennt und das vielleicht das Genialste am DDR-Gesundheitssystem war: die Dispensaire-Betreuung. Chronisch kranke Menschen – Diabetiker, Herzkranke, Rheumapatienten, Tuberkulose-Erkrankte – wurden nicht sich selbst überlassen. Sie wurden aktiv und regelmäßig einbestellt. Nicht der Patient musste sich kümmern, sondern das System kümmerte sich um den Patienten. In den Siebzigerjahren gab es fast 2.000 Dispensairestellen in der DDR.

Heute ist man als chronisch Kranker weitgehend auf sich gestellt. Man muss selbst an seine Termine denken, selbst die Überweisungen organisieren, selbst den Überblick behalten. Wer das nicht kann – aus Alter, aus Krankheit, aus Überforderung – der fällt durchs Netz. In der DDR war das umgekehrt: Keine Holschuld, sondern Bringschuld des Systems. Der Patient wurde gesucht, nicht der Patient musste suchen.

𝟱𝟮.𝟬𝟬𝟬 Ä𝗿𝘇𝘁𝗲 – 𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗶𝗲 𝗪𝗛𝗢 𝗹𝗼𝗯𝘁𝗲 𝗱𝗮𝘀 𝗦𝘆𝘀𝘁𝗲𝗺

1989 arbeiteten 52.000 Ärzte und Zahnärzte im DDR-Gesundheitswesen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzte die medizinische Basisversorgung der DDR als vorbildlich ein. Die einheitliche Krankenversicherung war – wie das nd-aktuell unter Berufung auf Gesundheitsökonomen dokumentiert – „transparent, sozial gerecht, kostengünstig und unbürokratisch". Ambulante und stationäre Behandlung bildeten eine Einheit. Prophylaxe, Diagnostik, Therapie und Nachsorge griffen ineinander.

Das berufliche Können der DDR-Ärzte wurde nie in Frage gestellt. Der Gesundheitsökonom Hartmut Reiners bestätigte noch 2024 in der Berliner Zeitung: „Die ambulante Versorgung in der DDR war besser organisiert. Deren Ambulatorien und Polikliniken hatten mehrere medizinische Fachrichtungen. Sie waren zwar 1989 baulich und technisch in einem miserablen Zustand. Aber ihre interdisziplinäre Struktur war dem westdeutschen System von Einzelpraxen mit umständlichen Überweisungswegen überlegen."

Baulich miserabel, aber strukturell überlegen. Das fasst es zusammen. Die Wände waren nicht gestrichen, aber das System funktionierte.

𝗗𝗮𝘀, 𝘄𝗼𝗿ü𝗯𝗲𝗿 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲𝗿 𝗿𝗲𝗱𝗲𝘁: 𝗣𝗿ä𝘃𝗲𝗻𝘁𝗶𝗼𝗻

Die DDR setzte auf Vorsorge statt Reparatur. Betriebsärzte in jedem VEB, Schulärzte in jeder Schule, Schulzahnärzte die regelmäßig kamen, Pflichtimpfungen für alle Kinder, Reihenuntersuchungen in Kinderkrippen und Kindergärten, Mütterberatungsstellen für die kontinuierliche Begleitung von Säuglingen bis zum dritten Lebensjahr, Fluorprophylaxe und Rachitisvorsorge. Seit 1971 waren die Betriebsärzte nicht nur für arbeitsmedizinische Belange zuständig, sondern auch für die komplette Gesundheitsversorgung der Betriebsangehörigen und ihrer Familien.

Natürlich war das nicht reine Menschenfreundlichkeit – der Staat brauchte gesunde Arbeitskräfte. Aber das Ergebnis zählte: Die DDR und die Bundesrepublik befanden sich 1989 trotz des erheblichen Unterschieds in der wirtschaftlichen Leistungskraft bei den wesentlichen medizinischen Standards und gesundheitlichen Kennziffern auf vergleichbarem Niveau. Ein Land mit einem Bruchteil der Wirtschaftskraft erreichte dieselben Gesundheitsergebnisse. Das muss man erst mal schaffen.

𝗡𝗮𝗰𝗵 𝗱𝗲𝗿 𝗪𝗲𝗻𝗱𝗲: 𝗗𝗲𝗿 „𝗦ü𝗻𝗱𝗲𝗻𝗳𝗮𝗹𝗹"

Und dann kam die Wiedervereinigung, und die Polikliniken wurden abgewickelt. Nicht reformiert, nicht modernisiert, nicht an das westdeutsche System angepasst – abgewickelt. Das nd-aktuell nennt es den „gesundheitspolitischen Sündenfall der Vereinigung". Die einzige die sich dagegen wehrte war Regine Hildebrandt, Brandenburgs Sozialministerin, die versuchte, die Polikliniken zu Gesundheitszentren umzubauen. Sie scheiterte am Widerstand der westdeutschen Ärztelobby, der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Pharmaindustrie – denn niedergelassene Einzelpraxen sind für alle drei deutlich lukrativer als ein integriertes System unter einem Dach.

1989 gab es in der DDR nur 340 Ärzte in eigener Niederlassung – 1,6 Prozent aller ambulant tätigen Ärzte. Der Rest war angestellt, in Polikliniken, Ambulatorien und Betriebsgesundheitseinrichtungen. Nach der Wende wurde dieses System komplett umgedreht. Polikliniken geschlossen, Ärzte in die Selbständigkeit gedrängt, Einzelpraxen als einziges Modell. Das Ergebnis sehen wir heute.

𝗨𝗻𝗱 𝗵𝗲𝘂𝘁𝗲?

42 Tage Wartezeit auf einen Facharzttermin. 2019 waren es noch 33 Tage – es wird also schlimmer, nicht besser. Bis 2030 fehlen laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung 50.000 Ärzte. Landarztpraxen schließen reihenweise, weil niemand die Praxen übernehmen will. Hausärzte nehmen keine neuen Patienten mehr auf. Wer privat versichert ist, bekommt innerhalb von Tagen einen Termin. Wer gesetzlich versichert ist, wartet sechs Wochen. Zweiklassenmedizin. In einem der reichsten Länder der Welt.

Und die Ironie? Seit 2004 gibt es in Deutschland die „Medizinischen Versorgungszentren" – MVZ. Mehrere Fachärzte unter einem Dach, angestellt statt niedergelassen, interdisziplinäre Zusammenarbeit. Das Konzept wird als moderne Innovation vermarktet. In Wahrheit ist es die Poliklinik – nur ohne den Namen. Weil man den Namen nicht verwenden kann. Weil der aus der DDR kommt. Und was aus der DDR kommt, kann ja nicht gut gewesen sein.

𝘈𝘭𝘭𝘦𝘴 𝘶𝘯𝘵𝘦𝘳 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘋𝘢𝘤𝘩. 𝘒𝘦𝘪𝘯𝘦 Ü𝘣𝘦𝘳𝘸𝘦𝘪𝘴𝘶𝘯𝘨, 𝘬𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘞𝘢𝘳𝘵𝘦𝘻𝘦𝘪𝘵, 𝘬𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘡𝘶𝘻𝘢𝘩𝘭𝘶𝘯𝘨. 𝘋𝘪𝘦 𝘞ä𝘯𝘥𝘦 𝘸𝘢𝘳𝘦𝘯 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘨𝘦𝘴𝘵𝘳𝘪𝘤𝘩𝘦𝘯. 𝘈𝘣𝘦𝘳 𝘥𝘢𝘴 𝘚𝘺𝘴𝘵𝘦𝘮 𝘧𝘶𝘯𝘬𝘵𝘪𝘰𝘯𝘪𝘦𝘳𝘵𝘦. 𝘏𝘦𝘶𝘵𝘦 𝘴𝘪𝘯𝘥 𝘥𝘪𝘦 𝘞ä𝘯𝘥𝘦 𝘨𝘦𝘴𝘵𝘳𝘪𝘤𝘩𝘦𝘯 – 𝘢𝘣𝘦𝘳 𝘥𝘦𝘳 𝘛𝘦𝘳𝘮𝘪𝘯 𝘪𝘴𝘵 𝘪𝘯 𝘴𝘦𝘤𝘩𝘴 𝘞𝘰𝘤𝘩𝘦𝘯.

In welcher Poliklinik wart ihr? Wie hieß euer Arzt, und kanntet ihr ihn noch nach zwanzig Jahren? Und wie lange wartet ihr heute auf einen Facharzttermin? Schreibt es in die Kommentare – der Vergleich schreibt sich von selbst. 😊

𝗡𝗼𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 𝗪𝗼𝗿𝘁 𝗶𝗻 𝗲𝗶𝗴𝗲𝗻𝗲𝗿 𝗦𝗮𝗰𝗵𝗲 😊

Alle Fakten in diesem Beitrag sind recherchiert – unter anderem anhand der bpb-Dokumentation zum DDR-Gesundheitswesen, des Deutschen Ärzteblatts und der Versichertenbefragung des Bundesgesundheitsministeriums 2024. Wenn trotzdem etwas nicht stimmt oder es in eurer Poliklinik anders war, schreibt es in die Kommentare.

Was allerdings gar nicht geht: Pöbeln, beleidigen und den Anstand vergessen. Eigentlich waren die Ossis ja immer nett zueinander, aber manchmal verirrt sich jemand hierher, der seine guten Manieren wohl im Wartezimmer vergessen hat. Wer so auftritt, wird blockiert und von dieser Seite entfernt – samt allem was er hier veröffentlicht hat. Solche Menschen sind hier nicht willkommen. Alle anderen: Herzlich willkommen, die Sprechstunde ist geoeffnet! 🤝

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Die Bilder sind KI-generiert und haben Symbolcharakter – nicht mehr und nicht weniger. DDR-Fahne und Wappen sind hier ein Augenzwinkern, oftmals versteckt, und kein politisches Manifest. Das verstehen alle, die damals groß geworden sind. Findest du das DDR-Wappen auch im Bild? 😉


Veröffentlicht mit Welako

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Strukturell gibt es vielerorts inzwischen Ärztehäuser, die oftmals 5 oder 6 verschiedene Facharztdisziplinen unter einem Dach haben.

Nur die Koordination funktioniert nicht