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in #deutsch โ€ข 8 days ago

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Ich weiรŸ, viele verstehen diese ganze Ostalgiewelle nicht. Vor allem im Westen schรผttelt man den Kopf und fragt sich, was es da zu vermissen gibt. Aber es ist nun mal so: Wer bei der Grenzรถffnung zwanzig oder dreiรŸig Jahre alt war, der hat seine gesamte Kindheit und Jugend in einem komplett anderen System erlebt. Einem System, das nicht perfekt war. Aber einem System, in dem man morgens aufgestanden ist und wusste: Die Arbeit ist da. Die Miete ist bezahlbar. Die Kinder sind versorgt. Und wenn man krank wird, kostet es nichts. Dieses Grundgefรผhl von Sicherheit โ€“ das fehlt. Und das ist kein Phantomschmerz. Das ist real.

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Die Reisefreiheit, die Meinungsfreiheit, die freien Wahlen โ€“ das ist ein Gewinn, den niemand bestreitet. Dafรผr sind Menschen auf die StraรŸe gegangen, mit dem Risiko dass geschossen wird. Das war mutig, das war richtig, das war historisch. Aber die gleichen Menschen, die damals auf der StraรŸe standen, sitzen heute in ihren Wohnungen und fragen sich: War es das wert?

Nicht weil sie die Mauer zurรผckwollen. Sondern weil das, was danach kam, nicht das war, wofรผr sie auf die StraรŸe gegangen sind.

Sie sind auf die StraรŸe gegangen fรผr Verรคnderung. Fรผr Reformen. Fรผr eine bessere DDR. Nicht fรผr den Ausverkauf ihres Landes. Nicht fรผr die Demรผtigung, sich ihre eigenen Abschlรผsse nachdiplomieren lassen zu mรผssen. Nicht fรผr die Erfahrung, dass der Betrieb, in dem man zwanzig Jahre gearbeitet hat, รผber Nacht dichtgemacht wird und der Westkollege einem erklรคrt, wie man richtig arbeitet. Nicht fรผr das Gefรผhl, Bรผrger zweiter Klasse zu sein โ€“ 35 Jahre lang.

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Was mich am meisten stรถrt, ist, wie im Laufe der Jahre eine ganze Generation darauf trainiert wurde, ein bestimmtes Bild nachzuplappern. Die DDR war grau, war pleite, war eine Diktatur, war Stasi, war Mauer โ€“ fertig. Mehr gibt es nicht zu sagen. Wer etwas anderes erzรคhlt, ist ein Nostalgiker, ein Ewiggestriger, ein Putin-Versteher.

Aber wer dort gelebt hat, der weiรŸ: Es gab auch den Nachbarn, der um halb acht klingelte und fragte ob man Milch braucht. Den Betriebsarzt, der einen beim Vornamen kannte. Die Erzieherin im Kindergarten, die zwanzig Jahre lang dieselben Kinder betreut hat. Den Sommer am Plattensee, bezahlt vom FDGB, fรผr einen Betrag der heute nicht mal fรผr ein Parkticket reicht. Die Schulspeisung, bei der kein Kind hungrig blieb. Die Brigade, die nicht nur Arbeitskollegen waren sondern Familie.

Das ist kein Schรถnreden. Das ist Erinnern. Und Erinnern ist keine Krankheit. Es ist ein Grundrecht.

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โ€žMit dem Wissen von heute hรคtten wir die Mauer fรผnf Meter hรถher gebaut."

Der Satz klingt provokant. Er tut weh. Er soll auch wehtun. Aber er kommt nicht aus dem Nichts. Er kommt von Menschen, die erlebt haben, wie man ihnen alles genommen hat โ€“ die Arbeit, die Sicherheit, die Wรผrde, das Gefรผhl dazuzugehรถren โ€“ und denen man danach gesagt hat: Seid froh. Seid dankbar. Ihr habt jetzt Bananen.

Die wollen keine Mauer zurรผck. Die wollen keinen Honecker zurรผck. Die wollen keine Stasi und keine Reisebeschrรคnkungen. Was sie wollen, ist Respekt. Fรผr ihre Lebensleistung. Fรผr ihre Geschichte. Fรผr die Tatsache, dass nicht alles falsch war, nur weil es aus der DDR kam.

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Ich bin fest davon รผberzeugt: Viele wollten keinen Totalausverkauf ihres Landes. Ein groรŸer Teil wollte durchaus, dass es weiterhin zwei deutsche Staaten nebeneinander gibt โ€“ einen reformierten, demokratischen Osten und einen Westen, der tut was er will. Zwei Lรคnder, die sich auf Augenhรถhe begegnen. Nicht ein Beitritt, bei dem die eine Seite alle Regeln macht und die andere Seite brav mitmachen darf.

Hรคtte das funktioniert? Vielleicht. Vielleicht nicht. Aber man hรคtte es versuchen kรถnnen. Man hรคtte die Menschen fragen kรถnnen. Man hat sie nicht gefragt. Und genau das ist der Punkt.

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Nicht um zu provozieren. Na gut, ein bisschen schon. Aber vor allem, weil ich glaube, dass diese Gefรผhle gesagt werden mรผssen. Laut. Nicht nur am Kรผchentisch, nicht nur unter Gleichgesinnten, nicht nur nach dem dritten Bier. Sondern hier. ร–ffentlich. Mit dem Wissen, dass jetzt wieder einer kommt und โ€žScheiรŸ Kommunisten" schreibt. Dem sei gesagt: Erstens waren wir keine Kommunisten, das haben wir hier schon erklรคrt. Und zweitens: Wer keine Argumente hat, schreibt eben Schimpfwรถrter. Das haben wir auch schon erklรคrt.

Wer auf dieser Seite regelmรครŸig mitliest, der kennt die Fakten mittlerweile. Die Treuhand, den Soli, den Ausverkauf, die Zeitungsverlage, die Pionierhรคuser, die Polikliniken, DKK Scharfenstein, Bischofferode โ€“ alles recherchiert, alles belegt, alles mit Quellen. Wer es nachlesen will, scrollt durch meine Beitrรคge. Da steht alles. Schwarz auf weiรŸ. Mit Links.

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Und ja โ€“ es gibt nicht wenige, die das bitter bereuen. Die mit dem Wissen von heute sagen: Die Mauer hรคtten wir fรผnf Meter hรถher gebaut. Nicht weil sie die DDR zurรผckwollen. Sondern weil sie das, was stattdessen gekommen ist, so nie gewollt haben.

Wer das nachvollziehen kann, der war wahrscheinlich dabei. Und wer es nicht nachvollziehen kann, der war es wahrscheinlich nicht. Beide Perspektiven sind in Ordnung. Aber nur eine von beiden hat das Recht, darรผber zu urteilen.


Verรถffentlicht mit Welako