𝗟𝗔𝗦𝗧𝗭Ü𝗚𝗘 𝗩𝗢𝗟𝗟𝗘𝗥 𝗗-𝗕𝗢𝗫𝗘𝗡

in #deutsch8 days ago (edited)

𝗦𝗘𝗖𝗛𝗦𝗦𝗧𝗘𝗟𝗟𝗜𝗚𝗘 𝗕𝗘𝗦𝗧𝗘𝗖𝗛𝗨𝗡𝗚𝗦𝗚𝗘𝗟𝗗𝗘𝗥 𝗨𝗡𝗗 𝗘𝗜𝗡 𝗩𝗘𝗥𝗠Ö𝗚𝗘𝗡

Das Foto stammt aus einer Zeit, in der ich mit einem Satellitengroßhandel ein Vermögen verdiente. Wobei „Satellitengroßhandel“ nur die seriöse Bezeichnung für das war, was damals wirklich das große Geld brachte: die D-Boxen der Kirch-Gruppe.

Das waren jene sagenumwobenen schwarzen Kisten, mit denen man das damalige Pay-TV empfangen konnte. Und mit ein wenig technischem Sachverstand auch noch einiges mehr.

Ich hatte damals eine Möglichkeit gefunden, sogenannte Rückläufer-Boxen zu kaufen. Das waren Geräte, die von Kunden zurückgeschickt worden waren, weil sie angeblich nicht richtig funktionierten. Teilweise bekam ich diese Boxen für fünf bis zehn D-Mark pro Stück.

Und ich kaufte nicht drei davon.

Ich kaufte sie lastzugweise.

Insgesamt dürften es weit über 10.000 D-Boxen gewesen sein. Im Durchschnitt verkaufte ich sie für ungefähr 400 bis 500 D-Mark pro Stück, später dann für etwa 200 bis 300 Euro. Selbst Menschen, die während des Mathematikunterrichts überwiegend geistig abwesend waren, können sich ungefähr ausrechnen, dass die Gewinnspanne nicht ganz so schlecht war.

Warum waren diese Boxen so begehrt?

Ganz einfach: Damals gab es einige absolute Genies, die sich intensiv mit den Verschlüsselungssystemen des Pay-TV beschäftigten. Zwei der bekanntesten waren Boris Floricic, den einige unter seinem Namen „Tron“ kennen werden, und Uli Herrmann alias „Dr. Overflow“.

Beide waren in Sachen Informatik und Kryptografie ihrer Zeit weit voraus. Während andere Menschen noch überlegten, wie sie ihren Videorekorder programmiert bekommen, zerlegten diese beiden praktisch die Verschlüsselungssysteme des europäischen Pay-TV.

Uli hatte mit DVB98 und später DVB2000 ein eigenes Betriebssystem für die D-Box entwickelt. Damit konnten über die Fernbedienung entsprechende Zahlenfolgen eingegeben und verschlüsselte Programme sichtbar gemacht werden. Boris baute mir damals die nötigen BDM-Module, mit denen die Boxen umprogrammiert werden konnten.

Ich war also gewissermaßen einer der Auserwählten, die Zugang zu dieser Technik hatten. Heute würde man vermutlich sagen: ein exklusives Netzwerk hochqualifizierter Spezialisten. Damals sagten wir einfach: Ruf mal den Uli an, die Kiste macht nicht, was sie soll.

Tron wurde 1998 tot in einem Berliner Park aufgefunden. Offiziell ging man von Suizid aus. Rund um seinen Tod entstanden jedoch zahlreiche Zweifel und Verschwörungstheorien. Darauf möchte ich hier nicht näher eingehen, denn allein dieses Thema würde vermutlich drei Beiträge, zwei Prozesse und einen eigenen Aktenordner füllen.

Mit Uli blieb ich auch noch in Kontakt, nachdem ich mich mit 40 Jahren weitgehend zur Ruhe gesetzt hatte. Vor ungefähr zehn Jahren besorgte ich ihm sogar ein günstiges Haus in meiner Nähe in Griechenland. Leider ist auch er vor etwa drei Jahren verstorben.

Das Verrückte an der ganzen Geschichte war: Mit der eigentlichen technischen Entwicklung verdienten häufig nicht diejenigen das große Geld, die diese genialen Dinge geschaffen hatten. Die Genies lieferten das Wissen, die Ideen und die Technik – das richtig große Geschäft machten damit meistens andere.

Ganz leer gingen sie bei mir allerdings nicht aus. Ich habe immer einen Teil meines Verdienstes an diejenigen weitergegeben, die diese Technik überhaupt erst möglich gemacht hatten. Reich geworden bin am Ende trotzdem vor allem ich. Das ist nicht unbedingt gerecht, aber wenigstens ehrlich.

Das Foto zeigt eines der Treffen, die ich mehrere Jahre lang für Pay-TV-Interessierte veranstaltet hatte. Wobei „Pay-TV-Interessierte“ eine wunderbar harmlose Umschreibung für Menschen ist, die sich mit Hacking, Verschlüsselung und Dingen beschäftigten, bei denen normale Fernsehzuschauer bereits nach dem zweiten Fachbegriff Kopfschmerzen bekamen.

Der Mann mit den langen Haaren auf dem Foto ist übrigens Uli Herrmann alias Dr. Overflow. Die Namen der übrigen Teilnehmer werde ich hier bewusst nicht nennen. Manche Geschichten dürfen nach 26 Jahren ruhig erzählt werden – aber deshalb muss man nicht gleich die komplette damalige Teilnehmerliste veröffentlichen.

Damals betrieb ich außerdem noch ein Lokal, in dem sich die Szene treffen konnte. Auf dem Foto seht ihr einige der Teilnehmer eines solchen Treffens.

Natürlich bekam jeder Teilnehmer ein eigenes T-Shirt. Oben stand mein Firmenname, darunter das Logo von DVB98 beziehungsweise später DVB2000 und ganz unten der jeweilige Name.

Damit wir diese T-Shirts herstellen konnten, kaufte ich eigens für 5.000 D-Mark eine spezielle Presse. Produziert wurden damit vermutlich höchstens 50 T-Shirts und ungefähr ebenso viele Mauspads.

Eine wirtschaftlich vollkommen vernünftige Investition.

Das Gerät steht übrigens noch heute bei mir herum. Vermutlich wartet es seit 26 Jahren darauf, dass ich endlich weitere 4.950 T-Shirts bedrucke, damit sich die Anschaffung irgendwann rechnet.

Aber Geld spielte damals tatsächlich kaum eine Rolle. Es waren verrückte, wilde und teilweise vollkommen irre Zeiten. Einige wenige Menschen verdienten in dieser Szene sehr, sehr viel Geld. Und die Wege, auf denen manche Geschäfte zustande kamen, würden heute vermutlich für mehrere Staffeln einer schlechten Krimiserie reichen.

An die großen Mengen der Rückläufer-Boxen kam ich nur heran, weil entsprechende Leute dafür bezahlt wurden. Insgesamt floss dafür über die Jahre eine sechsstellige Summe. Heute nennt man so etwas Compliance-Verstoß. Damals nannte man es vermutlich: Der Lastzug kann am Donnerstag kommen.

Verträge wurden teilweise in Bordellen abgeschlossen, Umschläge mit mehreren Zehntausend Mark oder später Euro wechselten den Besitzer, und irgendwo saß immer jemand, der plötzlich erstaunlich viele angeblich defekte D-Boxen übrig hatte.

Später stellte sich sogar heraus, dass ein Chef eines Aufbereitungsunternehmens Boxen als defekt aussortieren ließ, die offenbar gar nicht kaputt waren, und sie mir zukommen ließ. Davon wusste ich damals nichts. Als die ganze Sache aufflog, nahm er sich das Leben.

Allein die Geschichten, die sich rund um diese D-Boxen, die Pay-TV-Verschlüsselung und die beteiligten Menschen abgespielt haben, wären eigentlich Stoff für einen Roman.

Einen Roman, bei dem die Leser nach jedem dritten Kapitel sagen würden:

„Jetzt übertreibt der Autor aber langsam. So etwas gibt es doch höchstens in einem schlechten Kriminalroman.“

Doch, so etwas gab es wirklich.

Und ich war mittendrin – mit Lastzügen voller D-Boxen, Umschlägen voller Geld, genialen Computerfachleuten und einer T-Shirt-Presse für 5.000 D-Mark, die heute noch immer darauf wartet, endlich wirtschaftlich eingesetzt zu werden.

Was waren das für Zeiten.

Das kann sich heute wirklich kaum noch jemand vorstellen.

Wenn ich allerdings genauer darüber nachdenke, könnte man beinahe sagen, dass auf der ganzen Geschichte ein Fluch lag. Ein großer Teil der Menschen, die damals bei diesen Treffen dabei waren, lebt heute nicht mehr. Manche starben unter Umständen, die bis heute schwer zu begreifen sind.

Einer ertrank beim Sporttauchen, ein anderer wurde überfahren, Tron wurde erhängt in einem Berliner Park aufgefunden – und Uli starb vor drei Jahren allein in dem Haus, das ich ihm in Griechenland besorgt hatte.

Uli war psychisch krank. In dem Haus lebte er mit mehr als 50 Katzen. Als er dort starb, lag sein Leichnam mehrere Tage unentdeckt im Haus. Als man ihn schließlich fand, hatten sich die Tiere bereits an seinem Leichnam vergangen.

Ein Ende, das so grausam und unwirklich klingt, dass man es in einem Roman vermutlich streichen würde, weil es dem Lektor zu unglaubwürdig wäre.

Doch auch das ist wirklich passiert.

Vielleicht sollte ich dieses Buch tatsächlich schreiben.


Veröffentlicht mit Welako

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Más de 10 000 D‑Boxen en una sola aventura suena como cargar una mochila de hardware por toda la ruta de Europa. Con esos 5‑10 DM por caja, el presupuesto habría sido una ganga para cualquier nómada digital 🛠️.

Miren esto, más de 10.000 D‑Boxes moviéndose en la sombra suena como una saga de criptógrafos. Increíble que Uli Herrmann lograra programar el sistema DVB2000 para abrir esas cajas negras. No se lo pierdan, la mención a Boris Floricic “Tron” le da un toque de leyenda al relato 😊