𝗔𝗟𝗦 𝗜𝗖𝗛 𝗡𝗢𝗖𝗛 𝗦Ü𝗦𝗦 𝗨𝗡𝗗 𝗦𝗧𝗔𝗔𝗧𝗟𝗜𝗖𝗛 𝗚𝗘𝗣𝗥Ü𝗙𝗧 𝗔𝗦𝗢𝗭𝗜𝗔𝗟 𝗪𝗔𝗥

in #deutsch • 27 days ago

Dass ich ein Süßer bin, wissen natürlich alle von euch. Daran dürfte es kaum Zweifel geben. Aber wie kann man einen derart liebenswerten Menschen als asozial bezeichnen? Ganz einfach: Man überlässt diese schwierige Beurteilung einer Behörde. Die bekommt schließlich fast alles hin.

Ich habe einen alten Brief wiedergefunden, den ich am 30. Oktober 1983 bekam. Damals war ich 18 Jahre alt. Gleich die Anrede ist ein kleines zeitgeschichtliches Kunstwerk:

„Grüß dich, du süßer, asozialer Holger!“

Romantischer konnte eine Liebeserklärung in der DDR kaum beginnen. Andere bekamen „Mein lieber Schatz“ oder „Mein geliebter Holger“ zu lesen. Bei mir stand gleich die vollständige gesellschaftliche Einschätzung in der Anrede. Süß, aber asozial. Man wollte schließlich ehrlich miteinander umgehen.

Und ja, „Assi Holger“ war tatsächlich einmal mein Name in Gotha. Allerdings nicht, weil ich jeden Tag hackedicht in der Gothaer Innenstadt herumlag, seit fünf Jahren dieselben Klamotten trug und mich grundsätzlich nur zur Sommersonnenwende gewaschen habe. Nein, ich war ganz offiziell asozial. Von staatlicher Seite festgestellt. Wenn schon, denn schon. Andere mussten sich ihren schlechten Ruf mühsam erarbeiten – ich bekam meinen praktisch von der Verwaltung geliefert.

In der DDR war vorgesehen, dass man nach der Schule eine Lehre begann und anschließend einer geregelten Arbeit nachging. Ich hatte auf eine Lehre allerdings nicht besonders viel Lust. Nicht, weil ich nicht arbeiten wollte. Ganz im Gegenteil: Ich arbeitete bereits, nur leider nicht dort, wo der Staat es für mich vorgesehen hatte. Und wenn ein 15-Jähriger eigene Geschäftsideen entwickelt, ist das zwar heute „Startup-Kultur“, damals war es offenbar ein erstes Anzeichen gesellschaftlicher Verwahrlosung.

Ich entwickelte und verkaufte selbst gemachte Fotos, stellte Modeschmuck her und hatte sogar meine eigene kleine Textilproduktion. Dafür schnitt ich Kinderstrumpfhosen die Füße ab, ließ die Enden umnähen und verkaufte das Ganze als Leggings. Nachhaltigkeit, Upcycling und Kreislaufwirtschaft – nur dass damals noch niemand solche wohlklingenden Begriffe dafür erfunden hatte. Vermutlich hätte ich heute dafür irgendeinen Gründerpreis bekommen und dürfte meine Geschichte bei einer Wirtschaftskonferenz erzählen. Damals bekam ich sinngemäß die Mitteilung: Hör auf mit dem Quatsch und beginne endlich eine ordentliche Lehre!

Mit 16 Jahren verdiente ich bereits mehr Geld, als meine Mutti im Monat als Lehrerin bekam. Das beeindruckte unsere Behörden allerdings wenig. Sie sahen in mir keinen jungen Unternehmer, sondern einen schwer erziehbaren Lehrstellenverweigerer mit Modeschmuck, Fotos und verstümmelten Kinderstrumpfhosen. Für einen gefährlichen Staatsfeind war ich mit meinen Creolen und Leggings vermutlich doch etwas zu klein geraten, aber für „asozial“ reichte es offenbar vollkommen aus.

Also wurde ich ganz offiziell so eingestuft und im Grunde in eine Lehre gezwungen. Ausgerechnet bei der Reichsbahn. Das hatte allerdings auch einen entscheidenden Vorteil: Ich konnte mit dem Zug durch die Gegend fahren und gelangte an Wochenenden in Dörfer, deren Namen ich damals vermutlich schon nicht kannte und heute ganz sicher nicht mehr weiß. Dort fanden irgendwelche Veranstaltungen, Bluesabende oder Konzerte statt. Ich bewegte mich in der Blueser-Szene, war ein sogenannter Blues-Kunde und sah auch dementsprechend aus. Kurz gesagt: Mutti war begeistert, die Behörden weniger und einige Mädchen offenbar doch.

Hinzu kamen meine teilweise monatelangen Aufenthalte auf dem Zeltplatz in Markgrafenheide. In Warnemünde verkaufte ich an der Mole meinen selbst hergestellten Schmuck und lernte dabei natürlich ebenfalls das eine oder andere Mädchen kennen. Ich war schließlich Geschäftsmann und musste intensive Kundenkontakte pflegen. So nennt man das heute jedenfalls. Damals hieß es vermutlich einfach: Der Holger ist schon wieder hinter den Weibern her.

Und jetzt kommen sie bestimmt gleich wieder, die Historiker aus den Kommentarspalten: „Saufen und vögeln – etwas anderes konnten die Jugendlichen in der DDR doch nicht!“ Na ja, es gibt für einen 18-Jährigen durchaus schlechtere Freizeitbeschäftigungen. Man hätte zum Beispiel freiwillig jeden Samstag die Wohnung tapezieren oder Briefmarken nach Zähnung sortieren können. Ich entschied mich damals für die etwas lebensnähere Variante.

Smartphones und Handys gab es nicht, und selbst einen eigenen Festnetzanschluss hatten die wenigsten Familien. Wenn man sich nicht gerade in derselben Stadt aufhielt, schrieb man sich tatsächlich Briefe. Mit einem Stift. Auf Papier. Ganze Sätze, manchmal sogar mehrere Seiten. Anschließend steckte man den Brief in einen Umschlag, klebte eine Briefmarke darauf und wartete mehrere Tage auf eine Antwort. Kein blauer Haken, kein „zuletzt online“, keine Sprachnachricht und keine Möglichkeit, seine Liebeserklärung nach drei Minuten wieder für alle zu löschen. Was geschrieben war, war geschrieben – und überlebt im schlimmsten Fall 43 Jahre, bis irgendein alter Mann es wiederfindet und bei Facebook veröffentlicht.

Leider haben nur sehr wenige dieser Briefe die Zeit überstanden. Vielleicht zehn oder fünfzehn sind noch vorhanden. Dabei hatte ich damals ganze Schuhkartons voll davon. Schuhkartons waren unsere analoge Cloud – nur ohne Passwort, dafür mit Staub und gelegentlich einer toten Spinne als Datenschutzbeauftragter.

Ich bewahrte nicht nur private Briefe auf, sondern auch Schreiben von Behörden, Anwälten und anderen interessanten Menschen. Darunter befindet sich sogar Schriftverkehr mit Rechtsanwalt Wolfgang Vogel in Berlin. Aber jetzt verrate ich schon wieder viel zu viel. Am Ende kennt ihr meine ganze Lebensgeschichte kostenlos, und ich sitze auf den vier geplanten Büchern, die ihr natürlich alle kaufen müsst.

Ja, alle vier. Nicht nur eines. Ich schreibe das vorsichtshalber gleich mehrmals, weil bei Facebook erfahrungsgemäß nach dem dritten Absatz bereits die Hälfte vergessen hat, worum es überhaupt ging.

Als Erstes erscheint im Dezember mein Roman „DDR 2.0 – Was wäre, wenn wir geblieben wären?“. Darin erzähle ich eine alternative Geschichte über ein Leben in einer DDR, die nie verschwunden ist. Ein wenig von meiner eigenen Jugend ist darin ebenfalls enthalten, vor allem am Anfang. Dieses Buch müsst ihr natürlich unbedingt kaufen.

Mitte nächsten Jahres soll dann „Ich war klein, mein Herz war rein – Kindheitsgeschichten aus der DDR“ erscheinen. Darin geht es um meine wilden Jahre zwischen sechs und zwölf. Und wer jetzt denkt, ein Kind zwischen sechs und zwölf könne noch keine wilden Geschichten erleben, kennt mich offenbar schlecht. Auch dieses Buch müsst ihr selbstverständlich kaufen. Es wäre vollkommen unsinnig, das erste zu besitzen und beim zweiten plötzlich mit dem Sparen anzufangen.

Danach folgt ein weiteres Buch über meine Jugendzeit – über Assi Holger, meine kleinen Geschäfte, die Blueser-Szene, Mädchen, Markgrafenheide, die Reichsbahn und vermutlich noch einiges, bei dem heute manche Menschen vorsichtshalber einen pädagogischen Stuhlkreis einberufen würden. Den Titel verrate ich noch nicht, aber kaufen müsst ihr es trotzdem. Man kann schließlich auch etwas kaufen, dessen Titel man noch gar nicht kennt. Das nennt man Vertrauen oder geschicktes Marketing.

Zum Schluss kommt dann das große Werk: mein autobiografischer Roman, beginnend mit der Lehre und reichend bis zum heutigen Tag. Das dürfte etwas umfangreicher werden, denn zwischen dem asozial eingestuften Jugendlichen und dem alten Mann aus dem tiefen dunklen Wald ist gelegentlich doch etwas passiert. Auch dieses Buch müsst ihr kaufen. Natürlich.

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Insgesamt werden es vier Bücher, und ihr müsst alle vier kaufen.

Nicht zwei. Nicht drei. Alle vier.

Wer nur eines kauft, hat das Gesamtkonzept nicht verstanden. Wer zwei kauft, zeigt guten Willen, muss aber nacharbeiten. Wer drei kauft, ist schon dicht dran, scheitert jedoch tragisch auf den letzten Metern. Erst bei allen vier Büchern gilt die Aufgabe als erfüllt. Ich war schließlich schon mit 15 Geschäftsmann und habe Kinderstrumpfhosen in Leggings verwandelt. Glaubt also nicht, dass ich euch heute unkontrolliert mit nur einem Buch davonkommen lasse.

Falls es inzwischen wieder jemand vergessen hat: Es werden vier Bücher. Ihr müsst alle kaufen. Unbedingt.

Ich denke, jetzt dürfte es jeder verstanden haben. Falls nicht, erkläre ich es demnächst noch einmal in einem fünften Buch, das ihr dann natürlich ebenfalls kaufen müsst.


Veröffentlicht mit Welako

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¿Al leer que en 1983 ya vendías leggings de calcetines reciclados, me pregunto si alguna vez hiciste una ruta mochilera por la Europa del Este con esa “startup” de upcycling? 🌍