Was wird man wohl in den letzten Minuten seines Lebens am meisten bereuen?

in #deutsch2 hours ago

Ja, ich hatte ja schon erwähnt, dass ich gerade wieder ein wenig depri bin. Und ein Erlebnis vor drei Tagen lässt mich einfach nicht los.

𝗗𝗲𝗿 𝗮𝗹𝘁𝗲 𝗛𝗲𝗿𝗿 𝗮𝘂𝗳 𝗱𝗲𝗿 𝗘𝗹𝗯𝗲

Wir haben eine Dampferfahrt auf der Elbe gemacht, und ein älterer Herr feierte seinen 85. Geburtstag – seine Familie hatte ihn zu dieser Fahrt eingeladen. Wir saßen genau vor ihm und haben zwangsweise doch sehr viel mitbekommen, da er auch recht laut gesprochen hat. Ich denke, er hört nicht mehr so richtig und hat deshalb so laut geredet.

Er hat mehrmals zu seiner Tochter gesagt: „Weißt du noch, als du klein warst, sind wir hier auch langgefahren." Und dies und jenes, von Urlauben berichtet, Erinnerungen, die er hatte. Und er hatte mehrmals erwähnt, dass er es doch sehr bereut, dass er vor allem in der Zeit, als die Kinder klein waren – es müssen mehrere gewesen sein, denn er sprach von „als ihr klein wart" – zu wenig Zeit mit ihnen verbracht hat. Und dass er das heute sehr bereut.

𝗗𝗶𝗲 𝗙𝗮𝗹𝗹𝗲, 𝗶𝗻 𝗱𝗶𝗲 𝘀𝗼 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝘁𝗮𝗽𝗽𝗲𝗻

Ich kann mir vorstellen, dass genau das so manchem ab einem gewissen Alter immer öfter durch den Kopf geht. Dass man einfach mit seinen Kindern, als sie klein waren, aber auch als sie größer wurden, viel zu wenig Zeit verbracht hat. Oder dass eben – wie heißt es so schön – „schaffe, schaffe, Häusle bauen" im Mittelpunkt des ganzen Lebens stand. Sich irgendwelche Besitztümer zu erarbeiten oder vielleicht auch ein kleines Vermögen zusammenzukratzen.

Aber was ist denn das Ende vom Lied? Dadurch, dass man nicht besonders viel Zeit mit seinen Kindern verbringen konnte und allgemein mit der Familie, weil eben der finanzielle Aspekt – sich etwas aufzubauen – und das Arbeiten wichtiger war, ist die Bindung zu den Kindern meistens nicht so, wie sie vielleicht hätte sein können, wenn man eben viel mehr Zeit mit ihnen verbracht hätte.

Ich kenne so viele Menschen in meinem Umfeld – da sterben die Eltern weg, und na ja, die Kinder mögen dann vielleicht traurig sein, aber dann geht es darum, das Erbe aufzuteilen. Dann gehen sie los, die Streitereien: Dies ist meins und jenes ist meins und dir steht da eigentlich gar nichts zu.

Oder das Ganze ging schon vorher zu Bruch. Wer kennt nicht jemanden in seinem Umfeld – das Haus ist abgezahlt, und die Ehe oder Beziehung geht in die Brüche. Und das, was man dann über Jahre aufgebaut hat, geht unter den Hammer und wird verkauft, damit bei der Scheidung – die ja dann meistens nicht nett verläuft – alles nach Gesetzmäßigkeiten aufgeteilt wird. Tja, viele Jahre das Haus abgezahlt, und das Ende vom Lied? Alles ist über die Wupper gegangen.

Und warum das Ganze? Warum hat man sich innerhalb der Familie dann gegebenenfalls entfremdet? Na ja, ganz ehrlich: Man könnte sagen, weil man so dumm war und etwas schaffen wollte für später. Oder gar mit dem Spruch, den ich nie verstanden habe: „Meinen Kindern soll es mal besser gehen, um ihnen was zu vererben." Habe ich nie verstanden und als totalen Schwachsinn betrachtet.

In vielen südlichen Ländern ist das ja heute noch gang und gäbe – zum Teil auch noch in Deutschland –, dass man etwas aufbaut, um es seinen Kindern zu hinterlassen. Warum? Aus welchem Grund? Damit sich die Kinder dann gütlich tun an dem Vermögen? Denn oft ist es ja der Fall: Es wird alles schneller verramscht, als man bis drei zählen kann. Das, was die Eltern ein Leben lang aufgebaut haben, gegebenenfalls auf dies oder jenes verzichtet haben. Und eben dadurch, dass man viel gearbeitet hat, war der Kontakt zu den Kindern auf ein Minimum eingeschränkt. Vielleicht, wenn es hochkommt, mal ein paar Tage zusammen im Jahr in den Urlaub gefahren. Abends wollte man seine Ruhe haben, wenn die Kinder vielleicht mit einem spielen wollten. Oder in den späteren Jahren, wo es ja so ist, dass Kinder auch mal Zeit mit den Eltern verbringen wollten, war es eben nicht möglich.

Hier kann man sagen: Man hat im Grunde das herangezogen, was dann in späteren Jahren die Eltern in ein Pflegeheim abschiebt und sich an dem, was aufgebaut wurde, gütlich getan wird.

𝗔𝗯𝗲𝗿 𝘄𝗮𝘀 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗶𝗲 𝗔𝗹𝘁𝗲𝗿𝗻𝗮𝘁𝗶𝘃𝗲?

Na ja, die meisten wissen es erst, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben und die Zeit, die vor einem liegt, recht überschaubar wird.

Vielleicht hätte man lieber mehr Energie dahingehend einsetzen sollen, sich unabhängig zu machen von allen möglichen Gegebenheiten. Lieber etwas Energie reingesteckt, um eine Möglichkeit zu suchen, sich vor allem finanziell unabhängig zu machen. Und glaubt mir: Das ist einfacher, als mancher denkt. Unabhängiger Gelderwerb war und ist immer möglich.

Und vor allem das Allerwichtigste: dass man Zeit mit den Menschen verbringt, die einem wichtig sind. Bei vielen sind das im Familienverbund die Kinder, oder eben der Partner, oder eben das soziale Umfeld.

𝗘𝗶𝗻 𝗿𝗶𝗲𝘀𝗶𝗴𝗲𝘀 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗹𝗲𝗺 𝘂𝗻𝘀𝗲𝗿𝗲𝗿 𝗭𝗲𝗶𝘁

Und hier geht es heute schon los. Ich kenne so viele Jugendliche, die allein leben, teilweise überhaupt keinen Partner wollen und eben auch keine Kinder. Auch den einen oder anderen Erwachsenen bis zu einem gewissen Alter. Aber was soll denn mit diesen Menschen einmal später werden? Komplett vereinsamt mit 60, 70 – und die nächsten Generationen, es ist nicht allzu abwegig, dass hier eine Lebenserwartung von 100 Jahren drin ist. Aber dann ohne Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse, keine Familie, gegebenenfalls kein Umfeld. Das ist ja dann richtig schlimm. Denn viele zehren von ihren Erinnerungen, die sie an vergangene Zeiten haben. Aber wenn selbst diese wegfallen – ich mag gar nicht darüber nachdenken.

𝗪𝗶𝗲 𝗶𝗰𝗵 𝗲𝘀 𝗴𝗲𝗺𝗮𝗰𝗵𝘁 𝗵𝗮𝗯𝗲

Ich hatte riesiges Glück. Genau zu meinem 40. Geburtstag damals habe ich mein Unternehmen verkauft, und dann sind wir sechs Jahre mit einem Wohnmobil durch die Weltgeschichte gefahren und anschließend 16 Jahre in Griechenland hängen geblieben – wo wir heute noch leben würden, wenn mich nicht eine schwere Herzinsuffizienz dazu gezwungen hätte, wieder nach Deutschland zu ziehen.

Ich war immer in der Lage, mein Leben so zu gestalten – ja, ich konnte auch viele Jahre durch recht hohe Ersparnisse leben, ohne mir über Geld Gedanken zu machen. Aber wir haben in den Jahren, wo wir vor allem auf Reisen waren, so viele Familien kennengelernt, die eben auch mit ihren Kindern unterwegs waren. Überwiegend Freilernerfamilien, wo die Kinder auch nicht in die Schule mussten, so wie es bei uns auch war. Und alle haben auf die eine oder andere Art ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Wenn man auf Reisen ist – ob man es glaubt oder nicht –, sind die Lebenshaltungskosten eigentlich recht gering. Egal ob man nun mit einem Fahrzeug unterwegs ist, in dem man auch wohnt, wie wir damals mit unserem Wohnmobil, aber ich kenne auch einige, die im Bereich „Urlaub gegen Hand" oder Ähnlichem schon seit Jahren unterwegs sind. So haben sie Unterkunft und Verpflegung für ein paar Stunden Arbeit, und um nebenbei noch ein wenig Geld zu verdienen, arbeiten manche im Homeoffice, sind künstlerisch unterwegs – die Möglichkeiten sind, wie geschrieben, vielfältig.

𝗗𝗶𝗲 𝗕𝗼𝘀𝗵𝗮𝗳𝘁𝗶𝗴𝗸𝗲𝗶𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗡𝗲𝗶𝗱𝗲𝗿

Ich bekomme es ja dann in meinen Communitys immer mit, wenn geschrieben wird: Und was ist mit der Schulpflicht? Und was ist mit dies und was ist mit jenem? Manch einer – seltsamerweise sogar überwiegend Frauen – schreibt dann sogar recht bösartig.

Aber wenn man dann etwas genauer hinschaut, ist es einfach der Neid. Und ich möchte nicht wissen, wie viele darüber nachdenken und sich sagen: Ach, hätte ich doch damals auch den Mut gehabt. Warum man dann nicht einfach sagen kann: „Hey, du machst es richtig!" Und dann auch ehrlich zugeben: „Ich bereue es heute, damals den Mut nicht gehabt zu haben." Nein, dann muss man lieber seine Boshaftigkeit versprühen.

𝗪𝗮𝗿𝘂𝗺 𝗶𝗰𝗵 𝗱𝗮𝘀 𝗵𝗲𝘂𝘁𝗲 𝘀𝗰𝗵𝗿𝗲𝗶𝗯𝗲

Na ja, bei mir geht es gesundheitlich gerade ein wenig bergab. Und wenn man eben so im Bett liegt und mitbekommt, dass die Zeit, die vor einem liegt, vielleicht nicht so besonders wird, geht einem eben so etwas durch den Kopf.

Aber das Einzige, was man daran ändern kann, ist, aus der Situation das Beste zu machen. Ein wenig mehr reisen. Aber ich habe fast Bedenken, dass es hier eben auch nicht so geht, wie ich es mir vorgestellt hatte – ich hätte es vielleicht ein, zwei Jahre eher machen sollen. Aber jetzt kommt es bei mir auch wieder: hätte, hätte.

Geplant war alles ein wenig anders. Ich hatte gedacht, ich kann mir durch meine Schreiberei meinen Lebensunterhalt verdienen, und das hätte ja auch fast geklappt, hätte nicht Facebook mir die Monetarisierung entzogen, weil dort eine KI der Meinung war, dass ich Scam verbreite – weil ich nach Weihnachten Schokolade verschenken wollte.

Aber auch hier: Ich nehme das Ganze hin, stecke sicherlich nicht den Kopf in den Sand und baue mir halt noch einmal etwas auf. Das dann, so hoffe ich jedenfalls, mir auch ein paar Euro einbringen wird, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen und eben auch noch die eine oder andere Reise – oder meinetwegen auch nur den einen oder anderen Ausflug – zu unternehmen.

𝗠𝗲𝗶𝗻 𝗥𝗮𝘁 𝘇𝘂𝗺 𝗦𝗰𝗵𝗹𝘂𝘀𝘀

An all die jungen Menschen da draußen: Seid nicht so dumm. Lasst euch nicht in das System einspannen. Genießt euer Leben. Genießt das Miteinander mit anderen Menschen.

Ganz wichtig – falls ihr es nicht habt, und da gibt es leider einige da draußen: Baut euch ein soziales Umfeld auf.

Und dann noch eins. Das sagt euch jemand, der Millionen verdient hatte: Geld ist auf keinen Fall alles.

Ich hatte einen Sportwagen für 200.000 € – und jetzt fahre ich einen Golf für 200 € und ein 30 Jahre altes Wohnmobil. Ich hatte eine Villa, die über eine Million gekostet hat – und jetzt wohne ich in einer Holzhütte mitten im Wald, ohne Zentralheizung.

Und unglücklicher bin ich heute sicherlich nicht als in den Zeiten, wo ich diese ganzen Prestige-Sachen hatte. Irgendwelchen Plunder gekauft wie Uhren für 30.000 bis 50.000 €. Um Menschen zu imponieren, die man letztendlich nicht einmal leiden konnte.

Die Zeit vergeht schneller, als man denkt. Und es kommt der Tag, an dem all das, was man sich eigentlich vorgenommen hat, nicht mehr möglich ist. Wartet nicht auf diesen Tag. Lebt jetzt. Verbringt Zeit mit den Menschen, die euch wichtig sind. Reist. Schaut euch die Welt an. Solange es möglich ist.

Denn am Ende wird man nicht bereuen, was man getan hat – sondern das, was man nicht getan hat.

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#Lebenszeit #Familie #Reisen #NieAufgeben #TieferDunklerWald


Veröffentlicht mit Welako

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Nobody on their deathbed ever wished they'd worked more weekends and I know would never. Trading a €200k sports car for a €200 Golf and still not being unhappier says more than most self help books ever will

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What I would most regret in my life is not saying what mattered most while I still had the chance, not doing the things I wanted to do just because of what people set as a so called standard of life.

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