# Gemeinfrei und profitabel verwertet
Wie Werke ohne Urheberrecht weiterhin kontrolliert und monetarisiert werden
Immer wieder tauchen Pressemeldungen auf, in denen Werke längst verstorbener Künstler „lizenziert“ werden – obwohl die urheberrechtliche Schutzfrist eindeutig abgelaufen ist. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich:
Wie kann etwas gemeinfrei sein und gleichzeitig kommerziell verwertet oder eingeschränkt werden?
Die kurze Antwort: Das Urheberrecht ist nicht das einzige Instrument zur Kontrolle von Kultur.
Gemeinfrei bedeutet nicht herrenlos
Ist ein Werk gemeinfrei, erlischt das exklusive Urheberrecht. Niemand besitzt das Werk mehr.
Das heißt jedoch nicht, dass niemand mehr darüber bestimmen kann, wie es genutzt wird.
In der Praxis wird die Kontrolle oft auf andere Ebenen verlagert:
1. Neue Schutzrechte auf alte Werke
Besonders verbreitet ist die Praxis, auf gemeinfreie Werke neue Rechte zu legen, etwa durch:
- hochauflösende Digitalisierungen
- restaurierte Fassungen
- neu gesetzte Noten
- neu gemasterte Tonaufnahmen
Das ursprüngliche Werk bleibt frei –
die konkrete Darstellung oder Aufnahme jedoch nicht.
So entstehen neue Schutzrechte, obwohl die kreative Leistung Jahrhunderte alt ist.
2. Lizenzierung über Verträge statt Urheberrecht
Viele Museen, Archive und Verwertungsunternehmen vergeben sogenannte „Lizenzen“, die keine Urheberrechte sind, sondern Nutzungsverträge.
Formal darf das Werk genutzt werden –
praktisch jedoch nicht die bereitgestellte Datei, nicht der Scan, nicht die Aufnahme,
außer unter vertraglich festgelegten Bedingungen.
Der Zugang wird kontrolliert, nicht das Werk selbst.
3. Leistungsschutzrechte und Bearbeitungen
Besonders in der Musik ist dieses Modell etabliert:
- Das Werk (z. B. eine klassische Komposition) ist gemeinfrei.
- Die Einspielung, das Orchester, das Mastering sind es nicht.
Verwertet wird also nicht die Komposition, sondern die konkrete Aufführung.
Das Ergebnis wirkt nach außen wie eine Lizenz auf das Werk – ist es rechtlich aber nicht.
4. Marken- und Namensrechte
Zusätzlich können Künstlernamen oder Werktitel als Marke geschützt sein.
Gerade bei Merchandising, Ausstellungen oder Editionen wird so kulturelles Erbe erneut privatisiert – diesmal über das Markenrecht.
Das strukturelle Muster
Was hier sichtbar wird, ist kein Einzelfall, sondern ein System:
Kontrolle verschiebt sich
von der Schöpfung zum Zugang
vom Werk zum Trägermedium
Kulturelle Freiheit existiert auf dem Papier,
während praktische Nutzung zunehmend an Bedingungen geknüpft wird.
Fazit
Gemeinfrei heißt:
Niemand besitzt das Werk.
Lizenzpflichtig heißt heute oft:
Jemand kontrolliert den Zugang.
Das ist rechtlich zulässig –
kulturell jedoch eine Entwicklung, die kritisch hinterfragt werden sollte.
Denn wenn Gemeinfreiheit nur noch theoretisch existiert,
verliert sie ihren eigentlichen Zweck:
den freien, nachhaltigen Zugang zu unserem kulturellen Erbe.