Kreislauf des Lebens

in #deutsch14 days ago

Das Leben ist von der ersten Sekunde an eine Aneinanderreihung von Anpassungen, Hürden und kleinen Wundern.
Wenn wir als Babys das Licht der Welt erblicken, fängt die Anstrengung eigentlich schon an.
Der Weg durch den Geburtskanal ist eng und kraftraubend – sowohl für die Mutter als auch für das Kind.
Früher hieß es oft, das Neugeborene brauche einen Klaps auf den Po, um den ersten Schrei und damit das selbstständige Atmen zu aktivieren.
Zum Glück ist dieser Mythos in der modernen Medizin längst Geschichte.
Heute wissen wir, dass sanftes Streicheln oder das Abtrocknen völlig ausreichen, um den Atemreflex zu stimulieren.
Und dieser Reflex zeigt uns sofort, wie stark der menschliche Überlebenswille ist.
Habt ihr schon mal versucht, die Luft so lange anzuhalten, bis ihr umkippt?
Es wird euch nicht gelingen. Unser Körper hängt so sehr am Leben, dass er uns unbewusst weiter atmen lässt.
Wir können gar nicht anders, als zu leben.
Freiwillig werden wir uns nicht schaden wollen.
Die ersten Hürden im neuen Gewand.
Kaum auf der Welt, wartet schon die nächste Herausforderung: die „Verpackung“.
Wir kommen nackt zur Welt und müssen uns erst mühsam an das Gefühl von Stoff und Kleidung auf der Haut gewöhnen.
Viele Babys schreien anfangs genau deshalb.
Doch frisch gewaschen, warm eingepackt und satt durch die Muttermilch oder Ersatznahrung, liegt das Kleine nun in seinem Bettchen – und die Reise beginnt.
Dank angeborener Reflexe wie dem Saug- und Greifreflex meistert das junge Wesen die ersten Wochen im Handumdrehen.
Doch die Ruhe währt nicht ewig.
Mit etwa vier bis sechs Monaten brechen die ersten Milchzähne durch.
Für viele Kinder ist das der erste bewusste Schmerz, dicht gefolgt von den typischen Wachstumsschüben und Bauchschmerzen.
Bis zum ersten Geburtstag stehen die meisten Kinder bereits auf eigenen Beinen, sprechen die ersten Worte und beginnen, ihre Welt aktiv zu erkunden.
Vom Fallen, Aufstehen und dem „Ernst des Lebens“Die Kindheit ist eine Phase des ständigen Ausprobierens. Wir lernen Fahrrad, Roller oder Rollschuhe zu fahren.
Und was gehört unweigerlich dazu? Blaue Flecken, aufgeschlagene Knie und Tränen.
Doch das Aufstehen gehört eben zum Hinfallen dazu.
Im Kindergarten, im Sportverein beim Fußball oder Tennis entwickeln Kinder ihre ganz persönlichen Stärken, lernen ihre Schwächen kennen und formen ihren Charakter.
All das gehört zum Großwerden dazu.
Doch mit etwa sechs Jahren ist die reine Unbeschwertheit oft vorbei.
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt:
Die Schule.
Spätestens jetzt beginnt das, was viele Erwachsene den „Ernst des Lebens“ nennen.
Plötzlich bestimmen nicht mehr nur Spiel und Spaß den Alltag, sondern Struktur, Leistung, Noten und der ständige Vergleich mit anderen.
Die Hürden werden nicht kleiner, sie werden nur komplexer.
Wir müssen lernen, uns in Hierarchien einzufügen, Konflikte auf dem Pausenhof zu lösen und mit Druck umzugehen.
Jeder Schritt nach vorn bereitet uns auf das vor, was noch kommt: die Pubertät, die erste Liebe, die Berufswahl und schließlich das Erwachsenensein.
Wir wachsen, lernen, kämpfen uns nach oben, bauen uns eine Existenz auf und stehen irgendwann auf dem Höhepunkt unserer Kräfte.

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Der Wendepunkt:

Einzug in die Rückwärts-PhaseDoch das Leben verläuft nicht nur in eine Richtung.
Nach dem Aufstieg folgt unweigerlich eine Phase, die man als die „Rückwärts-Phase“ bezeichnen könnte: das Älterwerden.
Das Faszinierende – und manchmal auch Traurige – daran ist, dass sich der Kreis schließt.
Viele Hürden, die wir als Babys mühsam überwunden haben, kehren im Alter im Rückwärtsgang zu uns zurück.
Es beginnt oft schleichend.
Der Körper, der uns jahrelang treu durch den Alltag getragen hat, fordert plötzlich Pausen ein.
Wo wir als Jugendliche voller Energie Wände einreißen konnten, spüren wir nun die Gelenke.
Die Ausdauer lässt nach.
Genau wie das Kind, das mit ein paar Monaten mühsam lernen musste, das Gleichgewicht zu halten, um die ersten Schritte zu gehen, so muss der ältere Mensch irgendwann wieder um dieses Gleichgewicht kämpfen. Der Gang wird unsicherer.
Der Roller oder das Fahrrad aus der Kindheit wird im Alter oft durch den Gehstock oder den Rollator ersetzt. Es ist derselbe Kampf mit der Schwerkraft – nur am anderen Ende der Zeitlinie.
Die Rückkehr zur Abhängigkeit.
Erinnert ihr euch an das Baby, das frisch gewaschen, gefüttert und warm eingepackt im Bettchen lag? Im hohen Alter kehrt genau dieser Zustand für viele Menschen zurück.
Die Unabhängigkeit, für die wir ein Leben lang gearbeitet haben, bröckelt.
Plötzlich ist man wieder auf die Hilfe anderer angewiesen.
Das Zubereiten der Nahrung, das Anziehen der Kleidung (die uns als Babys so fremd war und im Alter oft wieder zur Last wird, weil die Finger unbeweglich werden) – all das wird wieder zu einer täglichen Hürde. Sogar das Kauen fällt schwerer, wenn die Zähne, die mit fünf Monaten so schmerzhaft kamen, im Alter wieder gehen.
Der letzte Atemzug:
Das sanfte Loslassen.
Auch das Atmen, unser treuester Begleiter, verändert sich.
Was als unbewusster, kraftvoller Reflex nach der Geburt begann, wird im hohen Alter oft flacher und schwerer.
Doch während das Baby sich noch mit aller Kraft gegen die neue Welt sträubt und schreit, lernt der alternde Mensch im besten Fall etwas ganz anderes: das Loslassen.
Am Ende des Lebens steht der letzte Atemzug.
So wie der erste Atemzug uns in diese Welt hineingeworfen hat, so entlässt uns der letzte wieder aus ihr.
Der Körper gibt den Kampf auf – nicht weil er das Leben nicht mehr liebt, sondern weil die Reise vollendet ist.
Wir gehen nackt, genau so, wie wir gekommen sind.

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