Wenn die Stille zu laut wird:

in #deutsch2 days ago

Eigentlich sagt man, mit 55 Jahren beginnt der „zweite Frühling“. Man ist lebenserfahren, oft gelassener und freut sich auf die Jahrzehnte, die noch kommen.
Doch in meinem Leben ist in den letzten vier Jahren eine Stille eingekehrt, die nicht zur Lebensplanung passt. Mein Freundeskreis schrumpft und zwar nicht, weil man sich auseinanderlebt, sondern weil das Grab das letzte Wort hat.

Fünf Menschen in vier Jahren.
Wenn man diese Zahl ausspricht, klingt sie fast abstrakt.
Doch hinter jeder Zahl steht ein Gesicht, ein Lachen, eine gemeinsame Geschichte.
Es ist eine Dichte an Verlusten, die die Seele an den Rand der Erschöpfung treibt.

Der Schock:
Wir wachsen mit der Vorstellung auf, dass das Leben eine feste Reihenfolge hat. Erst gehen die Großeltern, viel später die Eltern, und irgendwann – in ferner Zukunft – man selbst und die Freunde.
Doch dieser Rhythmus ist in meinem Umfeld zerbrochen.

Besonders tief sitzt der Schmerz bei der jüngsten Freundin, die gehen musste.
Sie war erst 41 Jahre jung, meine allerbeste Gina.

Wenn jemand mit 41 stirbt, fühlt sich das wie ein Diebstahl an.
Ein Diebstahl an der Zukunft, an den Träumen und an der Zeit, die man noch gemeinsam sicher glaubte. Es ist ein Verlust, der wütend macht, weil er so tiefgreifend ungerecht ist.
In diesem Alter ist man mitten im Aufbau, mitten im Leben. Ihr Gehen reißt nicht nur eine Lücke in den Freundeskreis, es erschüttert das Vertrauen in die Sicherheit des eigenen Lebens.

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Kumulative Trauer: Wenn das Herz keine Pause bekommt
Normalerweise braucht Trauer Zeit. Sie ist ein Prozess, der Raum fordert. Doch was passiert, wenn die Einschläge so kurz hintereinander kommen, dass man die Tränen des ersten Verlusts noch nicht getrocknet hat, bevor die nächste Nachricht eintrifft?
Man nennt das kumulative Trauer. Es ist ein Zustand der emotionalen Überlastung. Man fängt an, sich innerlich zu panzern. Jedes Mal, wenn das Telefon zu einer ungewöhnlichen Zeit klingelt, zuckt man zusammen. Die Leichtigkeit geht verloren, weil der Tod zu einem ständigen, ungebetenen Begleiter geworden ist.
Das Archiv der eigenen Jugend schrumpft
Freunde sind die Zeugen unseres Lebens. Sie kennen uns aus Zeiten, in denen wir noch anders dachten, anders aussähen und andere Träume hatten. Mit jedem Freund, der stirbt, stirbt auch ein Teil der eigenen Identität. Es gibt niemanden mehr, der mit einem Blick sagt: „Weißt du noch, damals?“
Man wird zum alleinigen Verwalter gemeinsamer Erinnerungen. Das ist eine einsame Aufgabe.
Warum ich das hier schreibe
Auf Steemit teilen wir oft unsere Erfolge, unsere Reisen oder unsere Gedanken zur Welt. Aber das Leben besteht auch aus diesen dunklen Tälern. Vielleicht liest das jemand, der sich in einer ähnlichen Situation befindet – vielleicht auch erst Mitte 50 und bereits müde vom Abschiednehmen.
Was ich in dieser Zeit gelernt habe (oder noch lerne):
Trauer ist keine Schwäche. Es ist der Preis, den wir für die Liebe und die Freundschaft zahlen, die wir erfahren durften.
Die Zeit ist kein Versprechen. Wir gehen oft davon aus, dass uns noch Jahrzehnte bleiben. Die letzten vier Jahre haben mich gelehrt, dass jeder gemeinsame Kaffee, jedes Telefonat ein Geschenk ist, das nicht garantiert ist.

In meinem WhatsApp ist eine große Lücke entstanden, die man nicht füllen kann.
Es sind liebenswerte Menschen gegangen, wo man sich oft wünscht:
Könnte ich doch einmal noch mit ihnen telefonieren.

Reden hilft. Die Stille zu brechen und den Schmerz in Worte zu fassen, nimmt ihm ein wenig von seiner erdrückenden Macht.
Der Kreis wird kleiner, das ist die bittere Realität. Aber die Bindungen zu denen, die noch da sind, werden dadurch umso kostbarer. Wir müssen lernen, das Leben zu feiern, während wir die Toten ehren – auch wenn es schwerfällt.

Sort:  

Ich trenne gerne trauern von traurig sein. Natürlich macht es traurig, wenn ein naher Mensch auf einmal nicht mehr da ist. DIeses traurig sein wird mit der Zeit zu einer im besten Fall lieben Erinnerung. Trauern dagegen... Das scheint mir fast wie ein nicht loslassen wollen, ein postmortaler Besitzanspruch.

Unser Leben ist endlich. Laß uns nicht Verluste betrauern, wenn es zu spät ist, sondern bewußt und offen miteinander umgehen. Im Leben. Im Hier und Jetzt. Dann gibt es am Ende nichts zu trauern...

jeder durchläuft einen trauerprozess und die länge bestimmt deren seele,der eine mehr der andere weniger,da gibt es keine bestimmte zeit

wenn ein geliebter mensch geht dann trauert man und ist nicht nur einfach traurig
wenn trauer sich dann ablöst und in erinnerung wird dann kann man zwischendurch noch traurig werden jedoch ist der trauerprozess auch immer wichtig zu durchlaufen und gehört zur heilung

nicht loslassen wollen steht da mal ganz weit hinten an,was sollte man da auch los lassen,den geliebten menschen den man vermisst ( völlig normal wenn es nicht zur krankheit wird )

wenn man alles im hier und jetzt zusammen gemacht hat was ging,auch dann ist trauern ein punkt der genauso wie glücklich sein oder böse werden,völlig normal
und darf durchlebt werden

für mich hat genau dieser prozess nichts mit besitzanspruch zu tun sondern mit einem völlig normalen verhalten eines menschen,der den anderen vermisst hier auf erden

aber ich meine zu wissen was du damit sagen wolltest,wenn trauer zur krankheit wird und man sein leben deswegen vergisst,
das wäre dann ein fall für den psychologen,damit man sein leben wieder gerichtet bekommt

Upvoted! Thank you for supporting witness @jswit.

bamm,wie ich das kenne und andere auch

deine worte berühren mich und ich kann nur sagen,
wir alle kennen das oder werden genau das erleben
mit jedem tag weiter wird es mehr werden
leben ist immer was dazwischen passiert

fühl dich begleitet und gefühlt
wir sind noch hier auf erden
unser lebensplan ist heute noch nicht zuende

ja,jeder der noch um uns ist,ist ein geschenk und genau das sehen die anderen auch die mit uns zusammen groß geworden sind
gehen wir mit ihnen zusammen bewusster durch unsere geschichte

du bist nicht alleine