9 vergessene Gemüse und Kräuter – warum traditionelle Pflanzen verschwanden

in #deutsch3 months ago

Hinweis zur Einordnung: Ich habe die Informationen aus einem englischsprachigen Video, das ich teilweise ins Deutsche übersetzt habe, als Grundlage für diesen Artikel genutzt. Die Angaben wurden im Zuge der Recherche des Artikels überprüft. Dennoch sollte jeder die Informationen selbst nachrecherchieren. Da wir alle individuell sind, wirkt jede Pflanze auf jeden Organismus etwas anders – probiert einfach aus, was euch schmeckt und gut tut!


Warum verbannt und vergessen?

Viele frühere Garten- und Feldpflanzen sind heute selten oder kaum noch bekannt – und das hat nichts mit Geschmack oder Nutzen zu tun. Die Gründe liegen vielmehr in der industriellen Landwirtschaft und den veränderten Essgewohnheiten:

  • Langsames Wachstum: Viele dieser Pflanzen brauchen Monate oder sogar Jahre, um erntereif zu werden. Für großflächigen, schnellen Anbau sind sie daher unpraktisch.
  • Mehrjährigkeit und fehlender Samenhandel: Mehrjährige Pflanzen können mehrere Jahre geerntet werden, weshalb sie nicht jedes Jahr neu gesät werden müssen. Für Saatgutunternehmen und industrielle Betriebe ist das unattraktiv, da die Vermarktung von standardisierten, jährlich zu verkaufenden Samen entfällt.
  • Ungleichmäßige Erträge: Wild- und traditionelle Pflanzen liefern oft unterschiedlich große Erträge, was maschinelle Ernte und standardisierte Produktion erschwert.
  • Schlechte Lagerfähigkeit: Viele alte Sorten lassen sich nicht lange lagern oder transportieren, da sie schnell welken oder empfindlich sind.
  • Verdrängt durch industrielle Produkte: Zucker, Massenkulturen, Einheitsgemüse und exotische Früchte haben den Anbau und Konsum vieler traditioneller Pflanzen nahezu verdrängt.

Und doch sind gerade diese „vergessenen“ Pflanzen bemerkenswert: Sie sind oft extrem nährstoffreich, enthalten wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe, Mineralien und Vitamine, und sie sind robust gegenüber schwierigen Böden und Klimaextremen. Wer sie wieder entdeckt, findet nicht nur kulinarische Vielfalt, sondern auch Pflanzen, die in kleinen Gärten, Permakultur oder Selbstversorgung echte Lebensretter sein können.


Die Pflanzen im Überblick

Portulak (Purslane)

Schnell wachsendes Wildkraut, reich an Vitaminen und enthält mehr pflanzliche Omega-3 als jede andere bekannte Blattpflanze. Roh als Salat geeignet.

Portulak wurde in Europa und im Nahen Osten seit Jahrhunderten als Sommergemüse genutzt. Er enthält außergewöhnlich viel Alpha-Linolensäure (Omega-3) sowie Vitamin A, C und Magnesium. Traditionell wurde er roh als kühlender Salat oder gekocht wie Spinat verwendet. Im mittelalterlichen Klostergarten galt er als Heilpflanze gegen Entzündungen und Magenbeschwerden. Verschwunden ist er hauptsächlich, weil er für die industrielle Landwirtschaft „zu wild“ wächst, schnell verholzt und kaum standardisiert werden kann.

Haferwurz / Salsify

Wurzelgemüse mit mild-meerigem Aroma. Langsam wachsend und wegen der langen Kulturzeit für industrielle Produktion wenig attraktiv.

Haferwurz war im 17.–19. Jahrhundert ein beliebtes Wintergemüse und wurde ähnlich wie Schwarzwurzeln gekocht. Sie enthält Inulin, wirkt präbiotisch und ist gut für die Verdauung. Ihr mildes, leicht meeriges Aroma machte sie früher zu einem Ersatz für Fisch in Fastenzeiten. Der Grund für ihr Verschwinden: sehr lange Wachstumszeit, dünne empfindliche Wurzeln, schlecht zu ernten und zu lagern.

Liebstöckel (Lovage)

Traditionelles Küchen- und Heilkraut. Blätter, Samen und Wurzel sind verwendbar. Bekannt als „Maggi-Kraut“, weil die ursprüngliche Maggi-Würze fast nur aus Liebstöckel bestand.

Liebstöckel wurde seit der Antike als Heil- und Würzkraut genutzt. Die Pflanze wirkt verdauungsfördernd, entkrampfend und schleimlösend. In der traditionellen Küche war sie ein Basisgewürz für Suppen, Brühen und Eintöpfe. Sie verschwand im Handel, weil ihr starkes Aroma nicht zum uniformen Industrieküchengeschmack passte und weil frischer Liebstöckel schlecht transportfähig ist.

Skirret (Sium sisarum)

Süße, mehrwurzelige Pflanze mit hohem Inulingehalt. Früher als natürliche Süßwurzel genutzt, später durch Industriezucker verdrängt.

Skirret war im Mittelalter eines der wichtigsten süßen Wurzelgemüse. Die Wurzeln sind dünn, verzweigt und reich an natürlichem Zucker sowie Inulin. Köche schätzten die Pflanze für Pürees, Pastetenfüllen oder als süßliches Kochgemüse. Mit dem Aufkommen von Rohr- und Rübenzucker wurde Skirret bedeutungslos – er war einfach arbeitsintensiv, schwer zu waschen und nicht industrietauglich.

Guter Heinrich (Good King Henry)

Mehrjährige Blattpflanze, ähnlich wie Spinat oder Spargel nutzbar. Robust und früher in vielen Haushalten verbreitet.

Der Gute Heinrich war über Jahrhunderte der „Schweizer Spinat der Armen“. Er ist reich an Eisen, Vitamin C und sekundären Pflanzenstoffen. Die jungen Triebe wurden wie Spargel verwendet, die Blätter wie Spinat gekocht oder gedünstet. Da die Pflanze mehrjährig und langsam wächst, ist sie für großflächigen Anbau uninteressant. Mit dem Aufkommen billigen Importspinats verschwand er fast vollständig.

Meerkohl (Sea Kale)

Salztolerante, vitaminreiche Küstenpflanze. Historisch als blanchiertes Gemüse geschätzt.

Meerkohl war ein viktorianisches Modegemüse. Er wurde im Frühjahr blanchiert, wodurch die Stängel weiß, mild und zart wurden – ein echter Delikatesse-Trend im 18. und 19. Jahrhundert. Die Pflanze ist reich an Vitamin C und sehr widerstandsfähig gegen Salz und Trockenheit. Da sie mehrjährig ist und schlechte Transportfähigkeit besitzt, wurde sie von einjährigen Kohlarten verdrängt.

Malve

Wildkraut mit schleimstoffreichen Blättern und Wurzeln. Verwendet in Küche und Volksmedizin.

Malvenarten wie die Wilde Malve und der Eibisch waren klassische Hausmedizin: bei Husten, Schleimhautreizungen und Magenproblemen. Die enthaltenen Schleimstoffe wirken beruhigend und entzündungshemmend. Küchentechnisch wurden junge Blätter als „Wildspinat“ verwendet, und getrocknete Blüten dienten als Tee. Sie verschwand, weil sie keinen klaren industriellen Nutzen brachte und als „Unkraut“ galt.

Borretsch (Borage)

Blaublühende Gartenpflanze, deren Blätter und Blüten ein mildes, gurkenähnliches Aroma haben.

Borretsch enthält Gamma-Linolensäure (GLA), eine wertvolle Omega-6-Fettsäure, die die natürliche Entzündungsreaktion des Körpers unterstützt – oft besser als viele moderne Präparate. Obwohl manche Orte Borretsch wegen seiner Alkaloide einschränken, sind diese im üblichen Verzehr unproblematisch – ähnlich wie die Alkaloide im Kaffee oder im grünen Tee, die in normalen Mengen völlig unbedenklich sind. Anders als manche Substanzen wirkt Borretsch eher unterstützend auf die Nebennieren und das Nervensystem.

Historisch nutzten mittelalterliche Kräuterkundige Borretsch für alles Mögliche: zur Beruhigung von Nerven, gegen „Melancholie“ und zur Unterstützung der Verdauung. Heute bestätigen Studien viele der traditionellen Anwendungen. Blätter, Blüten und Samen können kulinarisch eingesetzt werden – die Blätter für Salate, Gurkensalate oder grüne Saucen, die blauen Blüten als dekoratives Essblumenhighlight. Zudem sind Borretschblüten ein Magnet für Bienen: Wer ihn pflanzt, unterstützt aktiv die lokale Bestäuberpopulation.

Vogelmiere (Chickweed)

Schnell wachsend, roh essbar, winterhart bis etwa –15 °C. Früher wichtige Wintervitaminquelle.

Vogelmiere war früher ein wichtiges Winterkraut, da sie selbst im Schnee weiterwächst. Sie enthält viel Vitamin C, Eisen und wertvolle Mineralstoffe. Roh schmeckt sie mild wie Maiskörner, weshalb sie oft als Salatbeigabe oder Brotbelag genutzt wurde. Ihr Verschwinden hat einfache Gründe: Sie gilt heute als „Gartenunkraut“, obwohl sie eigentlich ein vollwertiges Gemüse ist.


Warum sie heute wieder interessant sind

  • Hohe Nährstoffdichten: Viele dieser traditionellen Pflanzen enthalten deutlich mehr Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe als moderne Massenkulturen. Sie sind wahre Nährstoffbomben für den täglichen Bedarf.
  • Robustheit gegen schwierige Böden und Klimabedingungen: Diese Pflanzen kommen mit nährstoffarmen, salzigen oder trockenen Böden klar und sind widerstandsfähig gegenüber Temperaturschwankungen. Perfekt für Gärten ohne intensive Düngung oder Bewässerung.
  • Ideal für Selbstversorger, Permakultur und kleine Gärten: Mehrjährige, winterharte Sorten liefern über Jahre hinweg Ernte, reduzieren Arbeit und Abhängigkeit von Supermärkten und Saatgutindustrie.
  • Besonders verträglich für empfindliche Menschen: Viele „alte“ Gemüse- und Wildpflanzen sind gut bekömmlich, enthalten wenig allergieauslösende Stoffe und liefern natürliche Präbiotika wie Inulin oder Schleimstoffe. Für Allergiker, Menschen mit empfindlichem Darm oder chronischen Verdauungsproblemen können sie echte Game-Changer sein.
  • Vielfalt statt Einheitsbrei: Wer diese Pflanzen kultiviert, profitiert von verschiedenen Texturen, Aromen und Inhaltsstoffen, die moderne Hochleistungssorten oft nicht mehr bieten.

Wer diese „alten“ Pflanzen wieder in den Garten holt, entdeckt nicht nur die kulinarische Vielfalt der Vergangenheit, sondern kann auch gesundheitlich profitieren – ein echter Gewinn für Körper, Mikrobiom und Geschmackserlebnis gleichermaßen.


Ein persönlicher Abschlussgedanke

Ich schreibe diesen Artikel auch für diejenigen, die – wie viele heute – unter Magen- und Darmproblemen leiden. Viele der hier genannten Pflanzen, besonders Haferwurz, Skirret, Malve und Vogelmiere, enthalten natürliche Präbiotika, Schleimstoffe oder Inulin, die das Verdauungssystem unterstützen und das Mikrobiom im Darm fördern können.

Vielleicht ist dieser Artikel ein kleiner Anstoß, wieder neue „alte“ Wege zu gehen. Wir sehen uns oft als technisch fortschrittlicher und wissender als die Menschen früherer Jahrhunderte. Doch beim praktischen Verständnis von Pflanzen, Ernährung, Boden und Gesundheit waren frühere Generationen uns in vielen Punkten weit voraus.

Gerade für alle, die sich ein Stück Selbstversorgung zurückholen wollen, sind viele dieser traditionellen, teils winterfesten und mehrjährigen Pflanzen echte Lebensretter – robust, nährstoffreich und erstaunlich pflegeleicht. Ein Versuch, sie im eigenen Garten zu kultivieren, lohnt sich mehr, als man denkt.

In diesem Sinne: Möge dieser Artikel Lust machen auf Entdecken, Ausprobieren und Gärtnern. Auf ein frohes Gärtnern!

Übrigens: Der Artikel basiert auf diesem wirklich sehenswerten englischsprachigen Video von Medieval Times Discovered mit dem Titel "Big Agriculture BANNED These 15 Medieval Vegetables (They're 10x Stronger Than GMOs)", wer lieber schaut als liest:
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schöner post
ja,kenne ich fast alle

wilden natur spinat und ganz viele kräuter haben wir hier auch

Haha, das hab ich mir schon gedacht 😄 Aber ich dachte, ich fang mal tief zu stapeln an – mit mindestens drei Pflanzen ;P

Vielleicht magst du ja über einige der hier erwähnten Pflanzen aus deinem Garten schreiben? Würde mich echt interessieren, wie du sie nutzt und verwendest ;P

Ich bin aktuell total auf dem Trip, mir meine kleine Pflanzenbasis aufzubauen – nicht nur Basilikum, Petersilie und Peperoni, sondern auch Heilkraut wie Cannabis. Das Zelt und die Lampe sind eh schon an. Ihr scheint euch mit Selbstversorgung und Pflanzen ja schon intensiv zu beschäftigen. Erfahrungsberichte von euch sind da besonders spannend für mich 🙂

ich behalte das mal im hinterkopf
wenn dann würde ich aber ein video machen,schreiben ist nicht mehr so mein ding :-)

https://youtube.com/@timog?si=kIYluxeEDse0qNCw

Sehr schöner Beitrag. 👍

Richtig genial finde ich auch den Ansatz, einfach mehr „Unkräuter“ kennen und lieben zu lernen.
Dafür kann ich diesen, sehr humorvollen Kanal wärmstens empfehlen.

In meinem Garten habe ich einfach für weniger Unkraut jäten gesorgt und einen Teil vom Rasen als Blühstreifen „geopfert“ hier kommen jetzt nach einem Jahr schon Heilkräuter wie Johanniskraut, Ehrenpreis oder wilder Oregano zum Vorschein🌿

In welcher Gegend in Deutschland lebst du denn?

Nimm uns gern weiter mit, wie sich dein Garten entwickelt 🍀
Alles Liebe.