"Der Feind steht woanders" – warum dieser Satz ein Grundproblem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks offenlegt

in #deutsch10 days ago

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Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat in Deutschland einen klar definierten Auftrag: Er soll informieren, einordnen und zur Meinungsbildung beitragen – unabhängig von wirtschaftlichen Interessen und politischer Einflussnahme.

Genau deshalb wird er durch verpflichtende Rundfunkbeiträge finanziert. Die Idee dahinter ist einfach: Journalismus, der nicht von Marktlogiken oder politischen Machtkämpfen abhängt.

Doch immer häufiger entsteht der Eindruck, dass dieser Anspruch selbst unter Druck geraten ist.

Ein bemerkenswerter Satz

Im Zusammenhang mit seiner Wiederwahl im ZDF-Fernsehrat erklärte Intendant Norbert Himmler laut Medienberichten: „Der Feind steht woanders.“

Gemeint waren damit sogenannte Medien außerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems, die – so Himmler – „so einseitig berichten, dass das mit Journalismus nichts mehr zu tun hat“.

Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Selbst wenn man diese Einschätzung teilt, stellt sich eine grundsätzliche Frage:

Seit wann arbeitet Journalismus mit Feindbildern?

Journalistische Kritik an anderen Medien ist legitim – sie gehört zur öffentlichen Debatte. Doch die Sprache des „Feindes“ verschiebt den Rahmen dieser Debatte.

Sie verwandelt eine journalistische Auseinandersetzung in eine Lagerlogik.

Und genau deshalb lohnt es sich, diesen Satz nicht nur als unglückliche Formulierung zu betrachten, sondern als mögliches Symptom eines tieferliegenden Problems.

Der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Der Rundfunkstaatsvertrag beschreibt den Auftrag öffentlich-rechtlicher Medien eindeutig: Sie sollen zur freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung beitragen.

Dazu gehört insbesondere:

  • Ausgewogenheit
  • Vielfalt der Perspektiven
  • Unabhängigkeit von politischen Interessen

Ein Journalismus, der andere Medien pauschal als Gegner oder „Feinde“ markiert, bewegt sich jedoch sprachlich bereits in einem anderen Feld: dem der politischen Auseinandersetzung.

Der strukturelle Konflikt

Das eigentliche Problem liegt nicht in einem einzelnen Satz.

Es liegt in einem strukturellen Spannungsverhältnis: Öffentlich-rechtliche Medien sind gleichzeitig Informationsanbieter, gesellschaftliche Institution und Akteur im medialen Wettbewerb.

Mit dem Aufstieg neuer digitaler Medienplattformen hat sich dieser Wettbewerb deutlich verschärft.

Doch gerade hier entsteht ein Dilemma.

Wenn öffentlich-rechtliche Institutionen beginnen, konkurrierende Medien als Bedrohung darzustellen, verschwimmt die Grenze zwischen neutraler Information und institutioneller Selbstverteidigung.

Pauschale Kritik ersetzt keine Belege

In der aktuellen Debatte wird häufig vermutet, dass mit den „sogenannten Medien“ insbesondere neue digitale Plattformen gemeint sind – etwa Formate wie NIUS oder andere nicht öffentlich-rechtliche Anbieter.

Ob man deren Inhalte teilt oder nicht, ist dabei zunächst zweitrangig.

Entscheidend ist eine andere Frage: Wenn öffentlich-rechtliche Verantwortliche anderen Medien mangelnden Journalismus vorwerfen, müsste diese Kritik konkret begründet werden.

Journalistische Qualität lässt sich nicht durch pauschale Abwertungen beurteilen, sondern nur durch nachvollziehbare Beispiele – durch Recherchen, Quellenarbeit und überprüfbare Fakten.

Gerade neue Medienformate haben in den vergangenen Jahren mehrfach investigative Recherchen veröffentlicht, die große öffentliche Aufmerksamkeit erzeugten – teilweise auch zu Themen, die zuvor von etablierten Medien kaum aufgegriffen wurden.

Ob diese Recherchen überzeugen oder nicht, muss im offenen journalistischen Wettbewerb entschieden werden.

Doch solange konkrete Beispiele für angeblich „unjournalistische“ Berichterstattung ausbleiben, wirkt die pauschale Kritik selbst erstaunlich substanzarm.

Und genau das verstärkt den Eindruck, dass hier weniger eine journalistische Auseinandersetzung geführt wird – sondern eine institutionelle Abwehrreaktion gegenüber neuen Medienakteuren.

Warum Sprache hier entscheidend ist

Journalismus lebt von Vertrauen.

Dieses Vertrauen entsteht nicht durch moralische Positionierung oder durch die Definition von Gegnern – sondern durch Transparenz, Faktenorientierung und argumentative Offenheit.

Begriffe wie „Feind“ stammen aus politischen oder militärischen Konflikten. In einer pluralistischen Medienlandschaft wirken sie fehl am Platz.

Denn Medien sollten keine Lager bilden.

Sie sollten Öffentlichkeit herstellen.

Die eigentliche Reformfrage

Die Debatte über Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks konzentriert sich häufig auf Kosten, Strukturen oder Programmformate.

Doch möglicherweise liegt die entscheidende Frage an einer ganz anderen Stelle:

Hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein eigenes Rollenverständnis noch klar genug definiert?

Solange Journalismus versucht, Gegner zu identifizieren, anstatt Öffentlichkeit zu organisieren, bleibt diese Frage offen.

Denn in einer freien Medienordnung entscheidet letztlich nicht eine Institution darüber, was Journalismus ist – sondern die Qualität journalistischer Arbeit selbst.

Und genau deshalb ist die eigentliche Reformfrage nicht finanziell oder organisatorisch.

Sie ist eine Frage journalistischer Selbstverortung.

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