Der Mensch als überholtes Systemelement – Wie der Fortschritt seinen Schöpfer entwertet
Ein Essay über das Ende der Nützlichkeit des Menschen
Vorwort:
Dies ist wohl der ernsteste und wichtigste Artikel, den ich je geschrieben habe. Nicht, weil er laut ist – sondern, weil er leise beschreibt, was wir alle längst spüren: dass die Logik des Fortschritts dabei ist, ihren Schöpfer zu entwerten. Dieser Text ist kein Aufschrei, sondern ein Befund. Und vielleicht – ein letzter Versuch, den Menschen vor seiner eigenen Optimierung zu bewahren.
Die Illusion des Fortschritts
Wir leben in einer Epoche, in der Zukunft wie ein Marketing-Begriff klingt: künstliche Intelligenz, grüne Energie, smarte Städte. Der Ton ist optimistisch, die Oberfläche glänzt. Doch unter dieser Oberfläche wirkt ein kälteres Prinzip. Der technische Fortschritt, der den Menschen einst befreite, beginnt ihn ökonomisch zu verdrängen. Die Maschine wird billiger, berechenbarer, ausdauernder – und damit, aus Sicht der Systeme, besser.

Vom Produktionsfaktor zum Kostenpunkt
In der industriellen Welt galt der Mensch als Ressource. Mehr Menschen bedeuteten mehr Arbeitskraft, mehr Soldaten, mehr Steuerzahler. Mit Automatisierung und KI kehrt sich die Gleichung um: Produktion wird entkoppelt von der Person. Arbeit ist nicht mehr knapp, sondern Aufmerksamkeit; nicht mehr Muskelkraft, sondern Datendurchsatz. Der Mensch wird im Kalkül großer Organisationen vom Produktionsfaktor zur Liability – zum Posten, den man minimiert.
Das Resultat ist keine Verschwörung, sondern Buchhaltung: Wo Nützlichkeit die Norm ist, erscheint der Überflüssige als Störung. Selektion geschieht nicht durch Gewalt, sondern durch Rahmenbedingungen, die unauffällig, aber wirksam sind.
Langsames Sterben im Komfort
Die moderne Welt tötet nicht mit Gewehren, sondern mit Gewohnheiten. Ernährungsindustrien liefern hochverfügbare, hyperverarbeitete Kalorien: billig, haltbar, reizvoll – und langfristig ruinös. Was als individuelle Freiheit verkauft wird, produziert systemisch Fettleibigkeit, Diabetes, kardiometabolische Erkrankungen. Es ist eine sanfte Biopolitik: Die Kosten werden privatisiert, die Ursachen externalisiert.
Parallel wird Gesundheit zur Ware. Krankenhäuser, Versicherungen, Medikamente – alles eingebettet in Ertragslogiken. Wer zahlen kann, lebt länger; wer nicht, fällt durch Raster, Wartelisten, Selbstbeteiligungen. Kein Zwang, keine sichtbare Hand – nur Preise, die über Lebenszeit entscheiden. Der Tod erscheint nicht als Akt, sondern als Rechnung.
Ablenkung als Herrschaftsform
Während diese Mechanik wirkt, lärmt der Diskurs. Kriegsnachrichten, Kulturkämpfe, Influencerdramen, algorithmische Empörung – ein ständiges Sirenengeheul der Reize. Die Öffentlichkeit debattiert im Käfig der Aufmerksamkeit, dessen Gitter unsichtbar sind. Man wechselt die Themen, nicht die Prämissen. Die entscheidende Frage – Wer profitiert davon, dass wir beschäftigt bleiben? – wird selten gestellt.
So entsteht eine neue Form des Regierens: Nicht Unterdrückung, sondern Überstimulierung. Nicht Verbot, sondern Verstrickung. Der Einzelne verliert Orientierung nicht, weil ihm etwas verboten wird, sondern weil ihm alles gleichzeitig erlaubt scheint.
Profit als neues Naturgesetz
Das, was früher Moral, Religion oder Tradition ordnete, übernimmt heute die Bilanz. Es ist kein Hass, der aussortiert – es ist die Logik des Kontos. Unrentabilität wirkt wie eine naturhafte Kraft: Sie verknappt Chancen, verdunkelt Lebenszeit, entzieht die Mittel zur Wiederherstellung. Der Sozialdarwinismus unserer Tage ist nicht laut; er ist effizient. Nicht das Überleben des Stärkeren, sondern des Rentablen.
Das macht diese Epoche so schwer zu fassen: Es fehlt der Täter im klassischen Sinn. Stattdessen erkennen wir Muster: Konsum, der krank macht. Systeme, die heilen, wenn es sich lohnt. Medien, die fesseln, weil Fesselung monetarisierbar ist. Der Fortschritt, der uns von Arbeit befreien sollte, befreit sich vom Menschen.
Die stille Architektur der Selektion
- Ökonomie der Ernährung: Nährstoffe werden Luxus, Kalorien Massenware. Wahlfreiheit ohne Wissensfreiheit degeneriert zur Falle.
- Markt der Heilung: Gesundheit als Abo – Prävention marginalisiert, Therapie segmentiert, Abrechnung zentral.
- Industrie der Aufmerksamkeit: Dauererregung als Geschäftsmodell. Der Lärm ersetzt das Nachdenken.
- Automatisierung der Nützlichkeit: Menschliche Arbeit wird optional, menschliche Kosten bleiben real.
Würde statt Effizienz
Wenn Effizienz zum höchsten Gut wird, wird der Mensch zum Mittel. Das ist die eigentliche Zäsur. Eine Zivilisation, die alles optimiert, braucht eine letzte, nicht optimierbare Größe – die Würde. Sie ist unökonomisch, unmessbar, unpraktisch – und gerade darum der einzige Halt gegen Systeme, die sonst konsequent das Entbehrliche entfernen würden.
Die Aufgabe ist nicht, Technik zurückzuweisen, sondern Zweck und Grenze zu definieren: Welche Systeme dienen dem Menschen – und welche machen ihn entbehrlich? Wo Profit nützlich ist – und wo er zum neuen Naturgesetz pervertiert.
Schluss
Wir dachten, Fortschritt mache uns frei. Vielleicht macht er uns nur frei von der Notwendigkeit des Menschen – und am Ende frei vom Menschen. Das muss nicht so sein. Doch es wird so, wenn wir den Menschen weiter als austauschbares Systemelement begreifen. Der Weg zurück ist kein Rückschritt, sondern eine Priorisierung: Technik nachgeordnet, Würde vorrangig, Wahrheit vor Bequemlichkeit.
Denn wenn alles effizient wird, bleibt nur das, was sich einer Bilanz entzieht: das Unverfügbare am Menschen. Es ist klein, unscheinbar und unendlich kostbar. Und es braucht jetzt Verteidiger.
Super Beitrag! Darüber macht sich fast keiner Gedanken und würde es etwas ändern, ändern am Rad der Zeit? Mehr Maschinen, mehr Personalabbau und die, die einen Job haben müssen mehr malochen. Wo früher noch fünf Pfleger für eine Schicht eingestellt waren sind es jetzt nur noch drei. Also auch wo die "Maschinen" keine Menschen verdrängt wird die menschliche Ressource sprichwörtlich verheizt. Das was du so schön geschrieben hast heißt kurz gesagt dass die Menschheit sich selbst veräppelt ohne viel dagegen tun zu können. Was sich nicht verändert hat, der Kampf der Arbeitskräfte um verbesserte Bedingungen zu erhalten. Wer einen Job in einer Führungspositionen hat gehört automatisch zu denen, die das "Rad der Zeit" steuern (im Sinne auf Fortschritt bezogen) und so können wir nicht mehr zurück oder bremsen 😀 Voll übel eigentlich was du geschrieben hast