Der Seismograph – Warum Reichelt und NIUS den Diskurs entlarven
Die anhaltende Debatte um Julian Reichelt und sein Portal NIUS offenbart ein grundlegendes Missverständnis darüber, wie Medien eigentlich funktionieren.
Viele seiner Unterstützer sehen in ihm einen Aufklärer – jemanden, der ausspricht, was andere Medien verschweigen. Seine Kritiker erinnern dagegen daran, dass große Redaktionen während der Corona-Jahre selbst hart gegen Maßnahmenkritiker berichtet haben.
Beide Perspektiven greifen zu kurz.
Denn die meisten erfolgreichen Journalisten sind selten reine Ideologen.
Sie sind vor allem Seismographen der öffentlichen Stimmung.
Reporter folgen der Spannung
Ein Reporter lebt von Spannungen.
Von Konflikten.
Von Aufmerksamkeit.
Von Resonanz.
Wer im Mediengeschäft erfolgreich sein will, muss spüren, wo sich ein Thema auflädt.
Während der Corona-Jahre lag diese Spannung auf der Seite der Maßnahmenpolitik. Kritik war gesellschaftlich riskant, politisch unerwünscht und medial schwer anschlussfähig. Wer damals dagegen schrieb, bewegte sich außerhalb des dominanten Diskurses.
Heute ist die Lage eine andere.
Viele Menschen stellen Fragen:
Waren alle Maßnahmen verhältnismäßig?
Wurden Grundrechte ausreichend abgewogen?
Wer trägt politische Verantwortung?
Mit dieser Verschiebung verändert sich auch der Raum für journalistische Positionen.
Das wirkt für manche wie Opportunismus.
In Wirklichkeit ist es oft schlicht Medienlogik.
Reporter stehen selten dauerhaft auf einer Seite eines Konflikts.
Sie stehen dort, wo der Konflikt gerade sichtbar wird.
Das Comeback eines Journalisten
Nach seinem Ausscheiden bei Bild gründete Reichelt das Online-Medium NIUS.
Das Portal positioniert sich bewusst als Alternative zu klassischen Medien und richtet sich vor allem an ein konservatives Publikum. Zugespitzte politische Berichterstattung gehört zu seinem Markenkern.
Gerade deshalb ist NIUS inzwischen selbst Teil einer politischen Auseinandersetzung geworden.
Einige Politiker und Medien werfen dem Portal vor, politische Agitation zu betreiben oder Konflikte bewusst zu verschärfen.
Unterstützer sehen dagegen eine notwendige Gegenstimme zu einer aus ihrer Sicht zunehmend homogenen Medienlandschaft.
Wenn Medien selbst zum politischen Konflikt werden
Sobald neue Medien sichtbar Einfluss gewinnen, beginnt fast immer derselbe Prozess.
Zunächst versucht man, sie politisch einzuordnen.
Dann beginnt eine Debatte über ihre journalistischen Standards.
Und irgendwann richtet sich der Fokus nicht mehr nur auf Inhalte – sondern auf die Person dahinter.
Genau das lässt sich derzeit rund um Reichelt beobachten.
Der Fokus verschiebt sich von der Frage „Was ist wahr?“ zur Frage „Wer darf das sagen?“ – und damit vom Inhalt zur Macht.
Die öffentliche Debatte dreht sich weniger um konkrete Recherchen oder Argumente, sondern zunehmend um die Frage, ob ein Journalist wie Reichelt überhaupt legitim sei.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um eine Person.
Es geht um etwas Größeres: Deutungshoheit.
Erinnerungspolitik und Corona-Aufarbeitung
In diese Debatte greift auch der Publizist Milosz Matuschek ein.
Wie Matuschek kürzlich auf Substack schrieb:
„Wir wollten eine Amnestie für wegen Corona-Maßnahmen fälschlich Verfolgte – bekommen haben wir eine Corona-Amnesie der Propagandisten, Handlanger und Täter.“
Der Satz ist rhetorisch geschickt.
Er verschiebt die Debatte von juristischen Details zu einer moralischen Frage:
Wer erinnert sich – und wer möchte vergessen?
Doch genau hier beginnt ein anderes Problem moderner Debatten.
Wenn politische Konflikte über Erinnerung geführt werden, wird die Vergangenheit schnell zur Waffe gegen die Gegenwart. Dann geht es nicht mehr nur darum, was jemand heute sagt – sondern darum, ob er überhaupt das Recht hat, es zu sagen.
Gerade im Fall Reichelt zeigt sich diese Dynamik deutlich. Seine heutige Rolle als regierungskritischer Journalist wird immer wieder mit seiner Rolle während der Corona-Jahre konfrontiert.
Doch diese Logik enthält eine problematische Prämisse:
Dass Menschen ihre Positionen nicht ändern dürfen.
Der eigentliche Maßstab
In einer offenen Gesellschaft sollten Journalisten nicht danach bewertet werden, ob sie in der Vergangenheit immer richtig lagen.
Der entscheidende Maßstab ist ein anderer:
Was sagen sie heute?
Wer aus Fehlern lernt, korrigiert seine Positionen.
Wer neue Informationen berücksichtigt, verändert seine Perspektive.
Genau das ist kein Zeichen von Schwäche – sondern von intellektueller Redlichkeit.
Eine Debatte, die stattdessen permanent alte Positionen hervorholt, um aktuelle Stimmen zu delegitimieren, verfolgt ein anderes Ziel.
Sie will nicht klären.
Sie will disqualifizieren.
Die eigentliche Frage
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage gar nicht, ob einzelne Journalisten heute recht haben.
Die interessantere Frage lautet:
Warum verschiebt sich die öffentliche Debatte so häufig von der Prüfung von Argumenten zur Prüfung von Personen?
Denn sobald dieser Wechsel stattfindet, verändert sich die Logik der Öffentlichkeit.
Dann geht es nicht mehr um Wahrheit.
Dann geht es um Macht über den Diskurs.
Und genau dort entscheidet sich heute der eigentliche Konflikt moderner Medien.
Nicht mehr zwischen links und rechts.
Nicht mehr zwischen Regierung und Opposition.
Sondern zwischen zwei grundverschiedenen Vorstellungen von Öffentlichkeit.
Die eine fragt: Ist das wahr?
Die andere fragt: Darf der das überhaupt sagen?
Und genau in dieser Frage entscheidet sich,
ob unsere Öffentlichkeit noch eine Arena der Wahrheit ist –
oder nur noch ein Schlachtfeld der Legitimität.

