Der Tumor, der schrumpfte – und ein Wirkstoff, der ein Jahrhundert medizinischer Gewissheiten weiter ins Wanken bringt

in #deutsch3 months ago

Manchmal gibt es Momente, in denen medizinische Daten aussehen wie Science-Fiction. Die jetzt veröffentlichten Vorher-/Nachher-Scans eines Hirntumor-Patienten gehören genau in diese Kategorie: Ein aggressiver Tumor, der auf maximale Bestrahlung, Chemotherapie und Operation nicht mehr reagierte – schrumpft dramatisch und ist auf den letzten Scans kaum noch nachweisbar.

Veröffentlicht wurden die Bilder von Dr. Patrick Soon-Shiong, dem milliardenschweren Chirurgen, Erfinder des Chemotherapeutikums Abraxane und heutigen Eigentümer der LA Times.

Doch das eigentlich Spektakuläre ist nicht der Verlauf – sondern wie dieser Verlauf zustande kam.

Keine Hochdosis-Chemo. Keine Strahlenhämmer. Sondern ein völlig neuer Ansatz.

Der Patient erhielt keine weitere Hochdosis-Chemotherapie und keine zusätzliche Bestrahlung. Stattdessen kam ein Ansatz zum Einsatz, den Soon-Shiong seine „Triangle Offense“ nennt:

  • niedrig dosierte metronomische Chemotherapie,
  • ein immunologischer „Smoke-out“-Reiz durch Impfung/Bestrahlung,
  • und das FDA-zugelassene Molekül Anktiva (nogapendekin alfa).

In diesem Fall ergänzt durch koordinierte PD-L1-Blockade (Durvalumab) und autologe NK-Zellen — ein komplexes, aber mechanistisch logisch aufgebautes Immunreparatur-Protokoll.

Die wissenschaftliche Besonderheit liegt in Anktiva selbst. Laut FDA-Label:

„Expands NK cells and CD8+ T cells without expansion of Treg cells.“

Das bedeutet: Der Wirkstoff aktiviert die eigenen Killerzellen und Memory-T-Zellen ohne die regulatorischen T-Zellen (Tregs) mit anzuschalten, die normalerweise jede Immunreaktion wieder abwürgen.

Damit ist Anktiva:

das erste FDA-zugelassene Medikament, das diesen Mechanismus gezielt und ohne Treg-Aktivierung nutzt.

Ein Satz, der gerade in Onkologiekreisen zitiert wird

Dr. Soon-Shiong formulierte es so:

„Wir haben erstmals ein zugelassenes Medikament, dessen Ziel es ist, das Immunsystem selbst zu reparieren — nicht gleichzeitig den Krebs und den Patienten zu vergiften.“

Wichtig: Ähnliche IL-15-Agonisten existieren seit Jahren in der Forschung, aber kein anderer hat bisher den Sprung zur Zulassung und den bestätigten Treg-freien Mechanismus geschafft.

Kein Einzelfall: Der Mechanismus zeigt sich breit – trotz Non-Respondern

Anktiva ist bereits zugelassen für Blasenkrebs. Darüber hinaus liegen Studienergebnisse vor bei:

  • Bauchspeicheldrüsenkrebs
  • triple-negativem Brustkrebs
  • Lungenkrebs
  • Sarkomen
  • Kopf-Hals-Tumoren

Der entscheidende gemeinsame Nenner:

Der zugrundeliegende Immunmechanismus ist bei fast allen Patienten nachweisbar aktiv.

Das bedeutet nicht, dass jede Person klinisch anspricht – Non-Responder gibt es je nach Krebsart 30–50 %. Aber die biologische Aktivierung der Killerzellen ist reproduzierbar.

Das Problem: Die Bürokratie heilt niemanden

Obwohl Sicherheit und Mechanismus mittlerweile über mehr als 6.000 verabreichte Dosen sehr gut dokumentiert sind, gilt in der Zulassungspraxis weiterhin ein starres Prinzip:

Für jede Krebsart ist ein eigener, jahrelanger klinischer Prozess nötig.

Die Folge:

Viele Patientinnen und Patienten sterben, lange bevor die Zulassung für ihre konkrete Krebsart vorliegt.

Die Forderung der Experten: Sofort beschleunigter Zugang

Letzte Woche veröffentlichten:

  • Ex-FDA-Chef Scott Gottlieb,
  • Forscher und Onkologe Vinay Prasad,
  • und führende Gesundheitsökonomen

ein Papier, das die Situation klar benennt.

Sie fordern einen „plausibility-based accelerated access“, wenn:

  • der Wirkmechanismus bewiesen und FDA-affirmiert ist,
  • die Sicherheit über tausende Dosen klar ist,
  • frühe klinische Signale stark sind.

Für Anktiva seien alle drei Bedingungen erfüllt.

Was das bedeutet – und warum dieser Fall so viel Resonanz erzeugt

Die Kombination aus Mechanismus, Sicherheit und frühen Ergebnissen stellt eine größere Frage, die quer durch die Onkologie diskutiert wird:

„Wenn ein Medikament verlässlich die gleichen Killerzellen in praktisch jedem Menschen aktiviert – warum sollen Sterbenskranke warten, bis ein jahrzehntelanger Papierprozess abgeschlossen ist?“

Die veröffentlichten Scans wirken wie ein Blick in die Zukunft der Krebsmedizin. Und Soon-Shiongs Team hat über ein Jahrzehnt und mehr als eine halbe Milliarde Dollar investiert, um diesen Mechanismus nicht nur zu verstehen, sondern in die Klinik zu bringen.

Der mögliche Paradigmenwechsel

Dieser Ansatz bedeutet nicht:

  • eine Wunderwaffe,
  • das Heil aller Tumoren,
  • oder das Ende der bisherigen Onkologie.

Aber:

  • ein grundlegender Immunmechanismus lässt sich erstmals gezielt und reproduzierbar steuern,
  • ein zugelassenes Medikament nutzt diese Fähigkeit,
  • und ein medizinisches Kern-Dogma – dass Krebs nur durch Vergiftung oder Verstrahlung behandelbar sei – gerät weiter und möglicherweise nachhaltig ins Wanken.

CAR-T, Checkpoint-Inhibitoren und mRNA-basiertes Tumorpriming haben bereits viel verschoben. Anktiva könnte der nächste Schritt dieser Entwicklung sein: die Reparatur des Immunsystems als eigentliche Therapie.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information über öffentlich zugängliche Daten, Studien und FDA-Dokumente. Er ersetzt keine medizinische Beratung. Therapieentscheidungen müssen immer mit qualifizierten Onkologen abgestimmt werden.

Sort:  

Einen ähnlichen Ansatz habe ich einen Bekannten bereits vor vielen Wochen empfohlen, denn es ist meines Erachtens seine wirklich einzige Chance die Immunseneszens zu überwinden.

Bei den NK Zellen würde ich zudem auf KIR only Zellen mich fokussieren und dazu huMSC Zelltherapie mit miRNA Exosomen und PDL1-Inhibition und ggf einer CAR Makrophagen Therapie kombinieren.

Dazu dann noch eine BCG Impfung ggf. in Kombination mit Tumorantigenen und man wird vermutlich alles los, was sich da einnistet und streut.

Toller Beitrag, der eigentlich jede Menge upvotes verdient.

Beste Grüße

Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick. Ich wünsche deinem Bekannten von Herzen, dass er die für ihn richtige Entscheidung findet und alle verfügbaren Informationen nutzen kann.
Zeig ihm gern die aktuellen Videos und Erklärformate von Dr. Soon-Shiong – Wissen stärkt, gerade in solchen Situationen.

Am Ende kann aber jeder nur selbst abwägen, welchen Weg er gehen will. Das ist schwer auszuhalten, aber es verdient Respekt. Ich drücke euch beiden die Daumen und wünsche viel Kraft.

Ergänzend möchte ich anmerken, dass ich auf einen englischsprachigen Fachartikel zu diesem Themenkomplex gestoßen bin. Die dort dargestellten Informationen halte ich für außerordentlich relevant – insbesondere auch für diejenigen, die der englischen Sprache nicht ausreichend mächtig sind und denen solche Inhalte sonst verschlossen blieben. Gerade deshalb wollte ich diesen Artikel schreiben um das Wissen zu verbreiten =)

Wir bleiben am Ball....👍👍👍