Die Deutschen arbeiten zu wenig? Ein Blick auf die Zahlen erzählt eine andere Geschichte.
Mehr arbeiten, sagt Merz – aber für wen gilt das eigentlich?
Deutschland diskutiert wieder einmal über die Arbeitsmoral seiner Bürger. Anlass sind Aussagen von CDU-Chef Friedrich Merz, der Anfang 2026 erklärte, die Deutschen meldeten sich im Schnitt „fast drei Wochen“ im Jahr krank – und müssten wieder mehr arbeiten.
Zu viele Krankheitstage, zu viel Teilzeit, zu wenig Leistungsbereitschaft – so lautet die Diagnose.
Solche Aussagen sind politisch wirkungsvoll, weil sie an ein verbreitetes Gefühl appellieren: Irgendwo im System müsse es zu viel Bequemlichkeit geben.
Doch bevor man diese Diagnose übernimmt, lohnt sich ein Blick auf die Fakten.
Wer arbeitet in Deutschland eigentlich wie viel – und wer ist tatsächlich wie oft krank?
Die angeblich „kranken Deutschen“
Laut Statistischem Bundesamt lagen die krankheitsbedingten Fehlzeiten von Arbeitnehmern zuletzt bei rund 14,8 Arbeitstagen pro Jahr (Stand 2024). Diese Zahl wird häufig in politischen Debatten zitiert.
Allerdings bezieht sich dieser Wert ausschließlich auf Arbeitstage. Krankenkassenstatistiken rechnen hingegen meist mit Kalendertagen. Dadurch entstehen deutlich höhere Zahlen.
Aktuelle Gesundheitsberichte großer Krankenkassen wie DAK, TK oder BKK kommen deshalb auf etwa 19 bis knapp 20 Krankheitstage pro Jahr. Das entspricht einem Krankenstand von rund 5,4 Prozent.
Der Unterschied zwischen beiden Zahlen ist also kein Widerspruch – sondern eine Frage der Zählweise.
Wichtiger ist jedoch, was hinter diesen Zahlen steckt. Ein großer Teil der Beschäftigten arbeitet unter hoher körperlicher oder organisatorischer Belastung – etwa in Pflege, Produktion, Logistik oder im Schichtdienst. Hinzu kommen zunehmend psychische Belastungen, die in vielen Gesundheitsberichten als wachsender Faktor genannt werden.
Die Vorstellung, steigende Krankheitszahlen seien primär Ausdruck mangelnder Arbeitsmoral, greift daher zu kurz.
Ein Blick in den Staatsapparat
Interessant wird die Debatte, wenn man den Blick auf Teile der Bundesverwaltung richtet.
Gesundheitsberichte aus Bundesbehörden zeigen teilweise deutlich höhere Fehlzeiten. Während die Bundesverwaltung insgesamt etwa bei 15 Krankheitstagen pro Jahr liegt, erreichen einzelne Behörden oder parlamentarische Verwaltungen deutlich höhere Werte.
So lagen die Fehlzeiten beispielsweise bei Mitarbeitern des Bundestages zuletzt bei rund 22 Tagen, beim Bundesrat sogar bei etwa 25 Tagen jährlich.
Diese Werte liegen deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft.
Natürlich gibt es dafür mögliche Erklärungen – etwa Altersstruktur, Tätigkeitsprofile oder organisatorische Faktoren.
Doch der Kontrast bleibt bemerkenswert: Während politische Führung mehr Leistungsbereitschaft von der Bevölkerung fordert, zeigen Teile des eigenen Staatsapparates deutlich höhere Fehlzeiten.
Die Arbeitsrealität der Politik
Für Abgeordnete selbst gelten wiederum völlig andere Regeln als für Arbeitnehmer.
Mitglieder des Bundestages arbeiten nicht in klassischen Arbeitsverhältnissen. Es gibt keine Arbeitszeitmodelle, keine Krankmeldungen im arbeitsrechtlichen Sinn und keinen statistisch erfassten „Krankenstand“.
Der parlamentarische Kalender besteht aus etwa 20 bis 22 Sitzungswochen pro Jahr, in denen das Parlament tagt. Dazwischen liegen sitzungsfreie Wochen, in denen Abgeordnete Termine im Wahlkreis wahrnehmen oder politische Arbeit außerhalb des Plenums erledigen.
Gleichzeitig fällt Beobachtern immer wieder ein Phänomen auf: Besonders bei Abstimmungen am Freitag sind die Plenarsäle oft auffällig leer. Fehlende Abgeordnete bei Sitzungen gehören daher durchaus zur politischen Realität des parlamentarischen Betriebs.
Das bedeutet nicht zwangsläufig mangelnde Arbeit – wohl aber eine deutlich flexiblere Arbeitsorganisation als sie für die meisten Arbeitnehmer üblich ist.
Die politische Logik hinter der Debatte
Warum also wird die Diskussion so häufig auf die Arbeitsmoral der Bevölkerung gelenkt?
Die Antwort liegt in der politischen Kommunikation.
Wenn wirtschaftliche Probleme auftreten, ist es einfacher, individuelles Verhalten zu kritisieren als strukturelle Ursachen zu analysieren. Bürokratie, Energiepreise, Steuerbelastung oder wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen sind komplexe Themen.
Die Arbeitsmoral der Bürger hingegen ist ein einfacher politischer Ansatzpunkt.
Der Bürger wird so zum Teil des Problems erklärt – und nicht zum Betroffenen politischer Rahmenbedingungen.
Die Frage der Glaubwürdigkeit
Natürlich kann eine Gesellschaft darüber diskutieren, wie viel sie arbeiten möchte. Auch steigende Krankheitszahlen sind ein legitimes Thema politischer Debatten.
Doch diese Diskussion sollte glaubwürdig geführt werden.
Wer von der Bevölkerung mehr Leistung fordert, muss sich auch selbst an denselben Maßstäben messen lassen.
Denn Vertrauen entsteht nicht durch Appelle – sondern durch Vorbild.
Wenn mehr Arbeit gefordert wird, stellt sich am Ende eine einfache Frage: Gilt dieser Anspruch wirklich für alle – oder nur für die Bürger?
Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis); Gesundheitsberichte von DAK, TK und BKK; Fehlzeitenberichte der Bundesverwaltung (BMI).