Femizid oder Mord? Wenn Medien Begriffe verschieben
Deutschland liegt auf der Couch – und unsere Medien offenbar auch.
Ein aktueller Artikel der BILD titelt:
„Mordkommission in Niedersachsen ermittelt nach Femizid.“

Es geht um die Tötung einer 39-jährigen Mutter, mutmaßlich durch ihren Ehemann. Die Tat ist tragisch. Brutal. Und strafrechtlich eindeutig: Mord oder Totschlag.
Doch warum wird hier nicht von „Mord“ gesprochen – sondern von „Femizid“?
Was „Femizid“ eigentlich bedeutet
Der Begriff geht auf die Soziologin Diana Russell zurück (1976) und bezeichnet die vorsätzliche Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist – also aus geschlechtsspezifischen Motiven, die in strukturellen Machtverhältnissen wurzeln.
Internationale Definitionen (UN Women, WHO) sprechen von einer geschlechtsbezogenen Motivation.
Das ist mehr als nur „Ein Mann tötet eine Frau“.
Es impliziert ein gesellschaftliches Muster.
Das Problem
Im vorliegenden BILD-Artikel wird kein Hinweis auf eine solche geschlechtsspezifische Motivation gegeben.
- Kein Besitzdenken.
- Kein frauenfeindliches Tatmotiv.
- Kein ideologischer Hintergrund.
Es handelt sich – nach jetzigem Stand – um eine Beziehungstat.
Wenn jedes Tötungsdelikt mit männlichem Täter und weiblichem Opfer automatisch als „Femizid“ bezeichnet wird, verliert der Begriff seine analytische Schärfe.
Er wird zum politischen Schlagwort.
Sprachliche Verschiebung als Machtinstrument
Sprache ist nie neutral.
Wer „Mord“ sagt, beschreibt eine Straftat.
Wer „Femizid“ sagt, beschreibt ein strukturelles Problem.
Das eine ist Strafrecht.
Das andere ist Gesellschaftstheorie.
Wenn Boulevardmedien diese Ebenen vermischen, entsteht keine Präzision – sondern Framing.
Und Framing ist kein Zufall.
Ist das Fake News?
Nein – nicht im klassischen Sinne.
Die Tat wird nicht erfunden. Die Fakten werden nicht bestritten.
Aber es ist zumindest eine kreative Berichterstattung.
Eine Berichterstattung, die durch Wortwahl Bedeutung verschiebt.
Das ist subtiler als Fake News – und oft wirkungsvoller.
Warum das problematisch ist
Journalismus lebt von sprachlicher Genauigkeit.
Ein Redakteur sollte Begriffe nur verwenden, wenn er:
- Ihre Bedeutung kennt.
- Ihre Implikationen versteht.
- Ihre Anwendung begründen kann.
Ansonsten entsteht nicht Aufklärung, sondern Narrativproduktion.
Die Alternative
Wenn eine Tat geschlechtsspezifisch motiviert ist:
- Femizid nennen und begründen.
Wenn es sich um eine Beziehungstat handelt:
- Mord oder Totschlag + Kontext.
Sauber. Präzise. Ohne ideologische Überdehnung.
Auch sprachlich unsauber
Neben der fragwürdigen Begriffsverwendung fällt im Artikel zudem eine grammatikalische Ungenauigkeit auf:
„Er sprach Nachbarn, die wiederum die Polizei alarmierten.“
Der Satz ist so nicht korrekt. Entweder hätte es heißen müssen:
- „Er sprach mit Nachbarn …“
- oder: „Er sprach Nachbarn an …“
Solche Fehler mögen klein wirken. Doch sie werfen eine größere Frage auf: Wie sorgfältig wird hier eigentlich redigiert?
Wer große gesellschaftspolitische Begriffe wie „Femizid“ verwendet, sollte zumindest die sprachlichen Grundlagen beherrschen.

Fazit
Medien tragen Verantwortung für Sprache.
Wer Begriffe inflationär nutzt, verschiebt Diskurse.
Wer Diskurse verschiebt, formt Realität.
Und wer Realität formt, sollte besonders sorgfältig arbeiten.
Denn Vertrauen entsteht nicht durch Haltung –
sondern durch Genauigkeit.