Gelesen, aber nicht geliked - Warum Zustimmung heute lieber unsichtbar bleibt

Ein merkwürdiges Muster

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Es ist ein wiederkehrendes Phänomen.

Artikel werden angeklickt.
Sie werden geöffnet.
Sie werden gelesen.

Und danach: nichts.

Keine Likes.
Keine Kommentare.
Keine sichtbare Zustimmung.

Nur Stille.

Früher hätte man gesagt: Dann interessiert es eben niemanden.
Heute weiß man: So einfach ist das nicht mehr.


Facebook: Null Likes, konstante Leser

Der Kontrast könnte deutlicher kaum sein.

Auf Facebook:
nicht ein einziger Like.

Kein Herz.
Kein Daumen.
Kein öffentliches Zeichen.

Und trotzdem:

Jeder neue Artikel wird konstant aufgerufen.
Die Zugriffszahlen bleiben stabil.
Man kommt wieder.

Das ist kein Zufall.
Und es ist kein technischer Effekt.

Es ist eine bewusste Entscheidung.


Die Zahlen widersprechen der Stille

Die Statistiken erzählen eine andere Geschichte als der Newsfeed.

Texte werden gelesen – regelmäßig.
Nicht viral.
Nicht explosionsartig.
Aber verlässlich.

Was fehlt, ist nicht das Interesse.

Was fehlt, ist die öffentliche Markierung dieses Interesses.

Das ist kein Problem der Inhalte.
Das ist ein soziales Klima.


Der Like ist kein Like mehr

Ein Like war einmal eine beiläufige Geste.

Heute ist er oft eine Stellungnahme.

Wer liked, macht sich sichtbar.
Wer sichtbar wird, wird einordenbar.
Und wer einordenbar ist, wird angreifbar.

Also wird gelesen – aber nicht markiert.


Steemit: Die Ausnahme

Und dann gibt es einen auffälligen Gegenpol.

Steemit.

Hier findet noch echte Interaktion statt.
Kommentare.
Rückfragen.
Zustimmung und Widerspruch.

Keine Anonymität aus Angst,
sondern Austausch aus Interesse.

Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.
Und genau deshalb ist es so wertvoll.

Diese Form der Resonanz schätze ich ausdrücklich.


Die neue Unsichtbarkeit der Zustimmung

Das stille Lesen ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit.
Im Gegenteil.

Man scrollt nicht einfach weiter.
Man bleibt.
Man liest zu Ende.
Man schließt den Tab.

Und genau dort endet die Öffentlichkeit.

Vielleicht ist das die neue Form von Zustimmung:
nicht laut,
nicht zählbar,
nicht verwertbar.


Wenn Lesen schon Haltung ist

Früher war ein Like neutral.
Heute ist er politisch.
Manchmal sogar riskant.

Also bleiben Gedanken privat.
Zustimmung wird leise.
Interesse wird anonym.

Texte wirken –
aber sie hinterlassen keine Spuren im Profil.


Schluss

Likes sind nicht verschwunden.
Sie sind selektiv geworden.

Vielleicht ist Lesen heute schon ein kleiner Akt des Widerstands.

Und wenn Texte Menschen erreichen,
die lieber schweigen als sich zu markieren,

dann ist die Stille kein Mangel.

Dann ist sie das eigentliche Signal.

Sort:  

(über steemit.com kann ich alles lesen)
Das ist mir auch aufgefallen, besonders auf FB. Ich Like auch wenn mir ein Beitrag nicht gefällt aber der Beitrag aufwendig gestaltet wurde. Ich sehe einen Like auch irgendwie als Gegenleistung weil ich die Mühe eines anderen lesen durfte. Wenn ich anderer Meinung bin gibt's statt einem Like einen Kommentar, bzw ich kommentiere sowieso häufig um mich zu beteiligen. Diese feige Schleicherei nervt mich🙈😄