Hass, Hetze und der Denunziant – Woher die Angst vor der falschen Meinung kommt
Es gibt Sätze, die eine ganze Epoche erklären können. Einer davon lautet:
„Der größte Lump im ganzen Land, ist und bleibt der Denunziant.“
Der Spruch ist älter als die Bundesrepublik. Er entstand aus einer historischen Erfahrung, die viele Deutsche bis heute prägt: der Erfahrung, dass nicht nur Staaten, sondern auch Nachbarn, Kollegen oder Mieter über Leben und Tod entscheiden konnten – einfach, indem sie jemanden meldeten.
Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist der Fall von Emmy Zehden.
Der Fall Emmy Zehden
Emmy Zehden lebte in Berlin. Ihr Ehemann Richard Zehden war jüdischer Herkunft und gehörte wie sie selbst zu den Bibelforschern – der religiösen Gemeinschaft, die später als Zeugen Jehovas bekannt wurde.
Während der Zeit des Nationalsozialismus geriet diese Glaubensgemeinschaft massiv unter Druck. Ihre Mitglieder verweigerten den Eid auf Adolf Hitler, lehnten den Kriegsdienst ab und hielten an ihrer religiösen Überzeugung fest.
Als ihr Mann von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, tauchten beide zunächst unter. Später unterstützte Emmy Zehden weitere Mitglieder der Glaubensgemeinschaft und half Verfolgten.
Im Zuge von Ermittlungen, Hausdurchsuchungen und Hinweisen aus dem Umfeld wurde ihr Handeln entdeckt. Auch Denunziation spielte dabei eine Rolle – ein typisches Muster jener Zeit, in der Nachbarn oder Bekannte Verdacht meldeten.
Der nationalsozialistische Staat wertete solche Hilfeleistungen als schweres Verbrechen. Kritische oder „defätistische“ Aussagen über den Krieg konnten als sogenannte „Wehrkraftzersetzung“ verfolgt werden.
Emmy Zehden wurde schließlich vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Am 9. Juni 1944 wurde sie im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Die Logik der Denunziation
Der Fall zeigt ein Muster, das nicht nur für das nationalsozialistische Deutschland typisch war.
Denunziation funktioniert häufig nach demselben Prinzip:
- Der Staat definiert bestimmte Meinungen oder Verhaltensweisen als gefährlich.
- Die Gesellschaft wird moralisch mobilisiert, diese zu melden.
- Der Denunziant versteht sich nicht als Täter – sondern als Verteidiger des Gemeinwohls.
Die Rechtfertigung lautet fast immer gleich: Man habe „nur seine Pflicht getan“.
Diese moralische Selbstentlastung ist entscheidend. Denn sie verwandelt ein eigentlich zutiefst problematisches Verhalten – das Anschwärzen eines Mitmenschen – in eine vermeintlich tugendhafte Handlung.
Warum solche Systeme funktionieren
Historiker wissen heute: Autoritäre Systeme funktionieren nicht allein durch Gewalt. Sie funktionieren vor allem durch soziale Kontrolle.
Nachbarn beobachten Nachbarn. Kollegen melden Kollegen. Mieter melden Vermieter.
Der Staat muss nicht alles überwachen – die Gesellschaft übernimmt einen Teil dieser Aufgabe selbst.
Der entscheidende Motor ist dabei nicht immer Angst, sondern oft moralische Überzeugung.
Menschen glauben, sie würden das Richtige tun.
Eine moderne Erinnerung
Viele Menschen haben in den vergangenen Jahren erlebt, wie schnell sich solche sozialen Dynamiken wieder entfalten können – wenn auch unter völlig anderen historischen Umständen.
Während der Corona-Pandemie entstanden in vielen Ländern Meldeportale für Regelverstöße. Bürger wurden dazu aufgerufen, Verstöße gegen Kontaktbeschränkungen, Quarantäne oder Maskenpflicht zu melden.
In manchen Fällen meldeten Nachbarn private Treffen, Spaziergänge oder Familienbesuche.
Auch hier lautete die Begründung selten: „Ich will meinem Nachbarn schaden.“
Die Begründung lautete meist: „Ich tue das für die Gesundheit der Gesellschaft.“ – auch wenn die Gefährdungslage selbstverständlich eine andere war als in totalitären Systemen.
Genau darin liegt dennoch eine wichtige Beobachtung.
Denunziation entsteht selten aus Bosheit allein. Sie entsteht oft aus moralischer Gewissheit.
Wie lange Angst nachwirken kann
Manchmal zeigt sich die Wirkung solcher Systeme sogar Jahrzehnte später – in kleinen Momenten des Alltags.
Mein Großvater hatte den Zweiten Weltkrieg erlebt und als Soldat gekämpft. Mein Vater wurde 1959 geboren, also lange nach dem Ende des Krieges.
Eines Tages erzählte er mir eine Szene aus seiner Jugend. Er hatte in der Öffentlichkeit einem schwarzen Mann die Hand gegeben – eine völlig normale Geste.
Doch sein Vater reagierte sofort mit einer scharfen Standpauke.
Als Kind konnte mein Vater diese Reaktion nicht verstehen. Erst viel später wurde klar: Es ging nicht um persönliche Ablehnung. Es ging um Angst.
Angst davor, öffentlich etwas zu tun, das von der gesellschaftlichen Norm abweicht.
Wer in einer Diktatur gelebt hat, lernt sehr schnell, dass schon kleine Gesten Folgen haben können. Diese Vorsicht verschwindet nicht sofort mit dem Ende eines Systems. Sie kann sich über Jahre – manchmal über Generationen – halten.
Politische Systeme verändern nicht nur Gesetze. Sie verändern auch das Verhalten von Menschen – und die Grenzen dessen, was man sich traut, öffentlich zu sagen oder zu tun.
Die Lektion der Geschichte
Der Fall Emmy Zehden erinnert daran, wie gefährlich es werden kann, wenn politische Systeme beginnen, Meinungen nicht mehr zu diskutieren, sondern zu kriminalisieren.
Geschichte zeigt: Die Grenze zwischen legitimer Kritik, unpopulärer Meinung und angeblich „staatsfeindlicher“ Rede kann schnell verschwimmen.
Gerade deshalb gehört die Freiheit der Meinung zu den zentralen Prinzipien moderner Demokratien.
Sie schützt nicht nur populäre Ansichten – sondern vor allem jene, die gerade unbequem sind.
Warum Erinnerung wichtig ist
Der Satz über den Denunzianten ist deshalb keine bloße historische Floskel.
Er ist eine Warnung aus der Vergangenheit.
Eine Warnung davor, moralische Gewissheit über die Freiheit des Denkens zu stellen.
Denn eine offene Gesellschaft lebt davon, dass Menschen ihre Meinung äußern können – auch dann, wenn andere sie für falsch halten.
Denn sobald die falsche Meinung als gefährlicher gilt als ihre Unterdrückung, hat die Freiheit bereits den ersten Schritt in die Enge getan.
