Kaffee, Klo und Klartext - Warum Ehrlichkeit im Job mehr zählt als jede Pause

in #deutsch24 days ago

Nach der Lektüre des Urteils zum „Kaffeetrinken während der Arbeitszeit“ blieb bei vielen vor allem eines hängen: Darf ich jetzt überhaupt noch während der Arbeit Kaffee trinken?

Die Antwort lautet – wie so oft im Arbeitsrecht: Ja. Aber.

Worum es im konkreten Fall wirklich ging

Der entschiedene Fall hatte nichts mit dem klassischen Kaffee am Arbeitsplatz zu tun. Kein Schluck aus der Bürotasse, kein Gang zur Kaffeemaschine, kein kurzer Plausch in der Teeküche.

Sondern:

  • einstempeln
  • Gebäude verlassen
  • gegenüber im Café einen Kaffee bestellen und trinken (ca. 10 Minuten)
  • Arbeitszeit weiterlaufen lassen
  • anschließend beharrlich leugnen, überhaupt weg gewesen zu sein

Im entschiedenen Fall kam erschwerend hinzu, dass die Arbeitnehmerin zunächst vehement bestritt, das Gebäude verlassen zu haben. Sie erklärte, sie habe sich lediglich im Keller aufgehalten. Erst nachdem ihr Beweisfotos vorgehalten wurden, räumte sie den Cafébesuch ein.

Bemerkenswert – und für viele schockierend: Es handelte sich um einen einmaligen Vorfall. Dennoch hielt das Gericht eine fristlose Kündigung ohne Abmahnung für gerechtfertigt. Selbst eine anerkannte 100-prozentige Schwerbehinderung und rund acht Jahre Betriebszugehörigkeit änderten daran nichts.

Genau hier lag der Kern der Entscheidung: Nicht der Kaffee, sondern der massive Vertrauensbruch durch planvolles Vorgehen und anschließende Lüge.

Wann Kaffeepausen tatsächlich zum Problem werden

Eine Kaffeepause kann arbeitsrechtlich problematisch werden, wenn sie:

  • den Arbeitsplatz verlässt
  • exzessiv genutzt wird
  • nicht als Pause erfasst wird
  • systematisch statt nur gelegentlich erfolgt

Der normale Kaffee am Arbeitsplatz oder an der Maschine ist dagegen in den meisten Betrieben völlig unproblematisch – gelebte Praxis und oft sogar einkalkuliert.

Schwierig wird es dort, wo aus dem kurzen Kaffeeholen eine private Auszeit auf Firmenkosten wird.

Reden hilft – auch beim Kaffee

Die arbeitsrechtlich klügste Lösung ist dabei erstaunlich simpel: Offen und ehrlich mit dem Vorgesetzten sprechen.

  • Brauchen Sie regelmäßig kurze Pausen?
  • Gehen Sie häufiger raus?
  • Haben Sie gesundheitliche oder organisatorische Gründe?

Dann lässt sich fast immer gemeinsam eine Lösung finden: flexiblere Pausen, kurze Ausgleichszeiten, klare Absprachen.

Was Gerichte regelmäßig nicht verzeihen, ist nicht die Pause – sondern die Unwahrheit.

Der stille Bruder der Kaffeepause: das stille Örtchen

Ganz ähnlich – wenn auch juristisch sensibler – ist ein Vergleich mit einem Thema, über das niemand gern spricht, das aber jeder kennt: der Toilettengang während der Arbeitszeit.

Grundsätzlich gilt:

  • Wenn es mal drückt, drückt es.
  • Das ist menschlich.
  • Und völlig unproblematisch.

Arbeitsrechtlich kritisch kann es jedoch in extremen Ausnahmefällen werden, wenn jemand:

  • täglich einstempelt
  • anschließend planbar und regelmäßig sehr lange (z. B. 30–45 Minuten) abwesend ist
  • und diese Zeit bewusst als Arbeitszeit verbucht

Solche Fälle sind selten und setzen klare Beweise für eine vorsätzliche Täuschung voraus. Normale menschliche Bedürfnisse bleiben selbstverständlich geschützt. Die Schwelle liegt deutlich höher als beim Verlassen des Gebäudes – aber sie existiert.

Auch hier gilt: Wenn Sie regelmäßig mehr Zeit brauchen, sprechen Sie mit Ihrem Arbeitgeber. Offenheit verschafft Ihnen die beste rechtliche Ausgangsposition.

Die eigentliche Lehre aus dem Urteil

Das Urteil ist kein Angriff auf Kaffee, Pausen oder Menschlichkeit. Es ist eine Erinnerung an einen simplen Grundsatz:

Ehrlich währt am längsten.

  • Fehler passieren jedem.
  • Kurze Pausen sind normal.
  • Menschlichkeit ist kein Kündigungsgrund.

Entscheidend ist immer, wie wir damit umgehen: offen oder ausweichend, ehrlich oder vertuschend, kooperativ oder konfrontativ.

Fazit

Kaffee bleibt erlaubt. Toilettengänge auch. Pausen sowieso.

Problematisch wird es erst dann, wenn aus kleinen menschlichen Bedürfnissen systematische Täuschung wird.

Alles in Maßen – und mit offenem Visier. Dann stört sich in der Regel niemand. ☕🚻