Meinungsfreiheit ist kein Loyalitätsritual - Warum der Fall Dunja Hayali den Liberalismus verrät – und nicht seine Kritiker

in #deutsch17 days ago

Es gibt Debatten, in denen weniger gestritten als moralisch sortiert wird. Der viral gegangene Ausschnitt aus dem Gespräch zwischen Melanie Amann und Ulf Poschardt gehört dazu. Er ist kein Beitrag zur Klärung liberaler Prinzipien, sondern ein Lehrstück darüber, wie sie stillschweigend umdefiniert werden.

Der Vorwurf lautet sinngemäß: Wer sich nicht demonstrativ schützend vor Dunja Hayali stellt, sei kein Freund der Meinungsfreiheit, kein Liberaler, ja letztlich „intolerant“.

Diese These ist falsch. Und sie ist gefährlich.


I. Meinungsfreiheit schützt Aussagen – nicht Sympathien

Der klassische Liberalismus kennt kein Solidaritätsgebot mit Personen, sondern ein Schutzversprechen für Rechte. Meinungsfreiheit bedeutet:

  • Der Staat darf Äußerungen nicht sanktionieren.
  • Die Gesellschaft darf sie kritisieren.

Wer beides vermischt, verlässt den Boden liberaler Theorie. Niemand bestreitet, dass Dunja Hayali sagen darf, was sie sagt. Niemand fordert ihr Schweigen oder staatliche Konsequenzen. Die Debatte dreht sich vielmehr um die Frage, ob Kritik an ihr legitim ist – und ob man diese Kritik emotional suspendieren müsse, sobald die Betroffene Belastung reklamiert.

Das ist kein liberaler Maßstab. Das ist ein moralischer Loyalitätstest.


II. Hayali ist kein machtloses Opfer, sondern ein dominanter Akteur

Ein zentrales Problem der Argumentation liegt in der systematischen Entkontextualisierung von Macht. Dunja Hayali ist Moderatorin im öffentlich-rechtlichen Rundfunk – also ausgestattet mit institutioneller Reichweite, dauerhafter Präsenz und einem strukturell privilegierten Zugang zu politischer Öffentlichkeit.

Sie spricht nicht „von unten“, nicht aus der Marginalität, nicht gegen Strukturen – sondern aus ihnen heraus. In liberalen Demokratien gilt jedoch ein elementarer Grundsatz:

Je größer die Reichweite, desto höher die Zumutbarkeit von Kritik.

Wer diese Asymmetrie ignoriert, betreibt keine Humanität, sondern Machtverklärung durch Emotionalisierung.


III. Polarisieren ohne Verantwortung – der diskursive Kurzschluss

Hayali polarisiert. Nicht gelegentlich, sondern systematisch: durch moralische Rahmungen, politische Frontstellungen und wiederkehrende Etikettierungen wie „Hass“, „Hetze“ oder die ritualisierte Beschwörung „unserer Demokratie“.

Das ist grundsätzlich legitim. Aber es ist nicht folgenlos. Der Widerspruch entsteht dort, wo dieselbe Person:

  • Kritik als körperlich oder psychisch unzumutbar beschreibt,
  • Gegenrede moralisch delegitimiert,
  • Distanz zur eigenen Position als Defekt beim Kritiker deutet.

Wer austeilt, muss einstecken können. Das ist kein Zynismus, sondern die Mindestbedingung öffentlicher Debatte. Andernfalls wird Meinungsfreiheit zur Einbahnstraße mit Schutzschild.


IV. Kritik ist keine Gewalt – und kein Krankheitsbild

Besonders problematisch ist die rhetorische Gleichsetzung von strafbaren Bedrohungen (die verfolgt werden müssen) mit scharfer, polemischer oder auch unfairer Kritik. Diese Vermengung dient einem Zweck: Immunisierung.

Wenn jede harte Kritik als „Hass“ etikettiert wird, entsteht ein Diskurs, in dem nur noch Zustimmung als gesund gilt – und Dissens als moralischer Defekt. Das ist kein liberaler Diskurs, sondern ein therapeutischer Autoritarismus: Politik wird zur Psychohygiene, und Widerspruch zum Symptom.


V. Die falsche Tucholsky-Karte

Der Verweis auf Kurt Tucholsky klingt klug, ist aber historisch schief. Tucholsky verteidigte Verfolgte, Kritiker staatlicher Macht und diejenigen, die ohne Stimme waren. Er hätte sich nicht schützend vor eine institutionell abgesicherte Leitfigur gestellt, nur weil diese Kritik als belastend empfindet.

Tucholsky wusste: Meinungsfreiheit endet dort, wo sie zur moralischen Erpressung wird.


VI. Gesinnungsliberalismus – das eigentliche Problem

Was hier sichtbar wird, ist kein Einzelfall, sondern ein Muster:

  • Liberal ist, wer die „richtige“ Haltung verteidigt.
  • Illiberal ist, wer sich der Solidarität verweigert.

Das ist kein Liberalismus, sondern Gesinnungsethik mit Freiheitsrhetorik. Echte Liberalität bedeutet:

  • Schutz der Rede, nicht Schutz von Personen vor Kritik,
  • Offenheit für Dissens,
  • Trennung von Recht und Sympathie.

VII. Fazit

Man kann – und muss – gleichzeitig sagen:

  • Dunja Hayali darf alles sagen, was sie sagt.
  • Staatliche Repression gegen sie wäre inakzeptabel.
  • Bedrohungen gegen sie gehören strafrechtlich verfolgt.

Und dennoch gilt:

  • Ihre Art der Polarisierung ist kritikwürdig.
  • Ihre Opferrolle verzerrt Machtverhältnisse.
  • Niemand ist verpflichtet, sie moralisch zu verteidigen.

Meinungsfreiheit ist kein Loyalitätsritual. Wer sie dazu macht, verrät genau das, was er zu schützen vorgibt.