Mit 38 und ohne Aussicht: Über Arbeit, Eigentum und das leise Verschwinden von Zukunft

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Ich bin 38.

Ich habe gelernt, gearbeitet, investiert, mich angestrengt.
Nicht perfekt, aber ernsthaft.
So, wie man es mir beigebracht hat.

Man sagte mir:
Lern etwas.
Sei fleißig.
Übernimm Verantwortung.
Dann wirst du dir etwas aufbauen können.

Ein Zuhause vielleicht.
Sicherheit.
Eine Perspektive.

Heute merke ich:
Das Versprechen trägt nicht mehr.


Das Eigenheim – oder die Ungewissheit

Es geht nicht einmal nur um die Preise.

Ja, Immobilien sind teuer.
Ja, Zinsen sind hoch.
Ja, Eigenkapital ist schwer anzusparen.

Aber das ist nicht das eigentliche Problem.

Das eigentliche Problem ist:
Ich weiß nicht mehr, worauf ich planen soll.

Wenn ich ein Haus kaufe – mit Gasheizung –
muss ich dann in wenigen Jahren 40.000 oder 50.000 Euro für eine Wärmepumpe einplanen?

Bleibt Gas erlaubt?
Wird es wirtschaftlich untragbar?
Haben wir in zehn Jahren genug Strom?
Und wenn ja – zu welchem Preis?

Wie soll ich eine Entscheidung für 30 Jahre treffen,
wenn politische Rahmenbedingungen sich im Zwei-Jahres-Takt verschieben?

Es geht nicht um Technik.
Es geht um Planbarkeit.

Eigentum war nie nur Besitz.
Es war ein Versprechen von Stabilität.

Und Stabilität entsteht nicht durch Programme.
Sondern durch Verlässlichkeit.


Arbeit ohne Aufstieg

Ich arbeite.
Ich zahle Steuern.
Ich trage bei.

Aber manchmal fühlt es sich nicht mehr nach Aufstieg an –
sondern nach Stillstand unter Last.

Hohe Abgaben.
Steigende Lebenshaltungskosten.
Inflation, die Rücklagen langsam auffrisst.

Und die Frage im Hintergrund:

Reicht das später?
Reicht es für die Rente?
Reicht es für ein würdiges Alter?

Vielleicht war das alles nie garantiert.
Aber es fühlte sich einmal so an, als gäbe es eine Richtung.

Heute ist da eher Nebel.


Die neue Grundstimmung: Unsicherheit

Nicht nur wirtschaftlich.

Jobs verändern sich.
Branchen verschwinden.
Technologie ersetzt Qualifikation schneller, als sie aufgebaut wird.

Geopolitische Spannungen.
Energiefragen.
Demografischer Druck.

Es ist nicht ein einzelnes Problem.

Es ist die Summe.

Und die Summe erzeugt ein Gefühl:
Ich lebe nicht in einem stabilen System,
sondern in einem permanenten Umbau.

Umbau kann notwendig sein.
Aber permanenter Umbau erzeugt Erschöpfung.


Das eigentliche Risiko: Resignation

Wut wäre wenigstens Energie.

Doch was ich bei vielen in meinem Alter spüre, ist etwas anderes:

Müdigkeit.
Zynismus.
Rückzug.

Wenn Menschen nicht mehr glauben,
dass Anstrengung sich lohnt,
verlieren sie Bindung.

An Leistung.
An Institutionen.
An das Gemeinwesen.

Nicht, weil sie zerstören wollen.
Sondern weil sie nicht mehr aufbauen können.


Die stille Frage

Vielleicht ist das größte Problem nicht Armut.
Nicht Technologie.
Nicht Energiepolitik.

Sondern der Verlust von Verlässlichkeit.

Eine Gesellschaft kann viel aushalten –
Krisen, Wandel, sogar Einschnitte.

Aber sie braucht ein Grundgefühl von Richtung.

Die Gewissheit:

Wenn ich mich bemühe,
wird es zumindest nicht sinnlos sein.

Mit 38 wünsche ich mir keine Garantie auf Wohlstand.
Ich wünsche mir Berechenbarkeit.

Keine Utopie.
Sondern eine Zukunft, die man planen kann,
ohne ständig Angst zu haben,
dass die Regeln morgen wieder neu geschrieben werden.


Vielleicht ist das die eigentliche Perspektivkrise unserer Generation:

Nicht, dass alles verloren ist.

Sondern dass nichts mehr sicher wirkt.

Und ein Leben ohne Sicherheit fühlt sich an wie
Arbeit ohne Ziel.

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