Vom Boulevard zur Verkaufsfläche – Der stille Wandel der BILD-Zeitung
Die BILD-Zeitung war lange Zeit das polarisierendste Boulevardblatt Deutschlands. Unter Chefredakteuren wie Julian Reichelt wusste man, was man bekam: reißerische Überschriften, klare Zuspitzungen, politische Kante. Die Texte waren selten fein, oft überzogen – aber sie waren lesbar, nachvollziehbar und in sich konsistent. Wer wollte, konnte sich zwischen den Zeilen eine eigene Meinung zusammensetzen.
Seit dem Führungswechsel – insbesondere unter der Verantwortung von Marion Horn – hat sich dieses Profil spürbar verschoben. Die BILD wirkt heute weniger wie ein kämpferisches Boulevardmedium, sondern zunehmend wie ein digitaler Vertriebskanal: Produktempfehlungen, Rankings, „Deals“, Kaufanreize. Der Eindruck drängt sich auf, dass journalistische Zuspitzung durch Verkaufslogik ersetzt wurde. Zwischen Breaking News und Airfryer...

Qualitätsverlust im Handwerk
Besonders auffällig ist dabei der handwerkliche Verfall. Texte erscheinen zunehmend ungeprüft: fehlende Wörter, holprige Satzkonstruktionen, logische Brüche, die den Sinn ganzer Absätze entstellen. Das ist kein ästhetisches Problem, sondern ein professionelles. Von Redakteuren, die vom Schreiben leben, darf erwartet werden, dass sie ihre eigenen Texte zumindest einmal gegenlesen.
Affiliate-Links: erlaubt – aber erklärungsbedürftig
Ein zentraler Aspekt dieses Wandels ist die zunehmende Einbindung von Affiliate-Links. BILD weist selbst darauf hin, dass Artikel Verlinkungen zu externen Angeboten enthalten können, die mit Hinweisen wie „Zum Angebot“ gekennzeichnet sind. Erfolgt über diese Links ein Kauf, erhält der Verlag eine Vermittlungsprovision. Diese Praxis ist rechtlich zulässig und branchenüblich – vielen Lesern ist sie jedoch nicht bewusst.
Wichtig ist dabei: Axel Springer veröffentlicht keine detaillierten Umsatzaufstellungen für einzelne Titel wie die BILD. Konkrete Zahlen zu Affiliate-Einnahmen der BILD existieren öffentlich nicht. Was sich jedoch belegen lässt, ist der strukturelle Rahmen, in dem sich diese Praxis bewegt.
Was sich belegen lässt: Zahlen und Kontext
Die Axel Springer SE ist über Beteiligungen eng im Affiliate-Marketing verankert. Der Konzern ist (bzw. war bis zur angekündigten Teilveräußerung) Miteigentümer des internationalen Affiliate-Netzwerks Awin. Laut Medien- und Branchenberichten wird der Unternehmenswert von Awin auf rund 400 Millionen Euro geschätzt. Awin arbeitet weltweit mit rund 1 Million Publishern und über 30.000 Werbekunden zusammen.
Axel Springer selbst gibt an, dass rund 85 % des Konzernumsatzes aus digitalen Geschäftsmodellen stammen. Affiliate-Marketing ist Teil dieses digitalen Ökosystems, auch wenn keine titelgenaue Aufschlüsselung erfolgt. Für Deutschland wird das Marktvolumen des Affiliate-Marketings auf etwa 1,6 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Diese Zahlen zeigen: Es handelt sich nicht um ein Randphänomen, sondern um ein relevantes Erlösmodell.
All dies bedeutet nicht, dass Produktempfehlungen per se verwerflich wären. Problematisch wird es dort, wo journalistische Gewichtung und kommerzielle Interessen für den Leser nicht mehr klar unterscheidbar sind – oder wo redaktionelle Energie spürbar in Verkauf statt in Recherche fließt.
Früher wusste man, woran man war
Bei aller berechtigten Kritik an früheren BILD-Jahren: Unter Reichelt war das Produkt zumindest ehrlich in seiner Zuspitzung. Überschriften waren provokant, manchmal überzogen – aber sie führten in Texte, aus denen man sich eine eigene Bewertung erarbeiten konnte.
Heute hingegen dominieren Empfehlungslogiken, Rankings und vermeintlich neutrale Kaufberatung. Wenn journalistische Aufmerksamkeit primär dort entsteht, wo Provisionen fließen könnten, leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit – sondern der Kern des Berufs.
Fazit
Der Wandel der BILD-Zeitung steht exemplarisch für eine breitere Entwicklung: weg von klarer publizistischer Haltung, hin zu vermarktungsoptimierten Inhalten. Affiliate-Links sind dabei nicht das Problem an sich – wohl aber ein Symptom. Entscheidend ist Transparenz, handwerkliche Sorgfalt und die Rückbesinnung auf journalistische Verantwortung.
Leser haben ein Recht darauf zu wissen, ob sie informiert oder beworben werden. Und Journalisten sollten sich daran erinnern, dass Glaubwürdigkeit kein Asset ist, das man beliebig monetarisieren kann – sondern die Grundlage ihres Berufs.

Keine Sorge, die Bild hat natürlich auf Ihre ganz eigene professionelle Weise verschlimmbessert , stand 23:49 am 13.12,2025