Was heißt eigentlich libertär? – Warum der Libertarismus nichts mit Anarchie zu tun hat
Dieser Beitrag möchte einen kleinen Beitrag zur begrifflichen Klärung leisten – denn rund um die Worte „liberal“, „libertär“ oder „libertarian“ herrscht oft Verwirrung. Sie werden in verschiedenen Ländern unterschiedlich verwendet und führen leicht zu Missverständnissen. Dabei lohnt es sich, genauer hinzusehen: Hinter dem Libertarismus steht kein Ruf nach Chaos, sondern ein Plädoyer für Eigenverantwortung, freiwillige Ordnung und eine Ethik des Nicht-Zwangs.

1️⃣ Begriffsklärung: Liberal, Libertär, Libertarian, Neoliberal
Das Missverständnis beginnt bereits mit der Sprache. Im Englischen und Deutschen bedeuten die gleichen Wörter oft das Gegenteil voneinander – und das prägt unser Denken:
- Liberal (englisch) – bedeutet in seiner ursprünglichen Form freiheitlich, also bürgerlich, individuell und staatskritisch. In den USA bezeichnet liberal heute jedoch eher sozialdemokratische, staatsinterventionistische Positionen – also das Gegenteil von freiheitlich.
- Libertarian – ist die amerikanische Bezeichnung für das, was im Deutschen „libertär“ heißt. Libertäre vertreten die Auffassung, dass Freiheit das oberste politische Prinzip ist und dass staatliche Eingriffe auf den Schutz von Leben, Eigentum und Vertragstreue zu beschränken sind.
- Liberal (deutsch) – im klassischen Sinn des 19. Jahrhunderts bedeutete es die Befreiung von staatlicher Bevormundung, also Selbstbestimmung. Heute ist „liberal“ im Parteisinn (z. B. FDP) häufig eine Mischung aus marktwirtschaftlicher Vernunft und sozialem Pragmatismus – nicht unbedingt echter Freiheit.
- Neoliberal – ursprünglich ein positiver Begriff der Freiburger Schule (Eucken, Röpke), bedeutete „neuer Liberalismus“: ein Rechtsrahmen, der Freiheit schützt, aber Marktmissbrauch begrenzt. Erst später wurde der Begriff ideologisch verzerrt und als Kampfwort gegen marktwirtschaftliches Denken benutzt.
- Libertär – ist die philosophische Weiterentwicklung des klassischen Liberalismus. Er geht davon aus, dass Freiheit nicht durch Regeln, sondern durch Eigentumsrechte und freiwillige Verträge gesichert wird. Der Staat darf nur das erzwingen, was zur Wahrung dieser Rechte notwendig ist – alles andere ist Übergriff.
Libertär heißt also nicht „ohne Regeln“, sondern Regeln nur dort, wo sie ohne Zwang nicht möglich wären. Der Staat soll nicht regieren, sondern garantieren – und zwar die Freiheit jedes Einzelnen.
2️⃣ Der Kern des Libertarismus
Libertarismus baut auf drei Grundprinzipien auf:
- Selbstbestimmung: Jeder Mensch gehört sich selbst. Niemand hat das Recht, einen anderen ohne Zustimmung zu beherrschen oder zu zwingen.
- Eigentum: Eigentum ist die Fortsetzung des Selbst – es entsteht durch Arbeit, Vertrag oder Schenkung. Wer Eigentum schützt, schützt Freiheit.
- Nicht-Aggressionsprinzip: Gewalt oder Zwang sind nur zur Abwehr von Gewalt oder Zwang legitim. Dieses Prinzip bildet den moralischen Kern libertären Denkens.
In einem Satz: Libertarismus ist der Versuch, das Prinzip „Leben und leben lassen“ zur Grundlage der Politik zu machen.
3️⃣ Janichs Beispiel: Polizei und Gerichte im Libertarismus
Oliver Janich erklärt das anschaulich: In einer libertären Gesellschaft gäbe es keine staatlich monopolistische Polizei, sondern private Sicherheitsanbieter, die auf freiwilliger Basis tätig werden. Der Unterschied ist nicht, dass es keine Ordnung gäbe, sondern dass Ordnung durch Vertrag statt durch Zwang entsteht.
Jeder könnte selbst entscheiden, welchem Anbieter er vertraut – und sich, falls dieser versagt oder übergriffig wird, für einen anderen Anbieter entscheiden. Ordnung entsteht also nicht trotz, sondern wegen der Freiheit – durch Wettbewerb, Transparenz und Verantwortung.
Dasselbe gilt für Gerichte. Statt staatlicher Richter gäbe es private Schiedsgerichte, die nur dann Recht sprechen dürfen, wenn beide Parteien sie anerkennen. Ihre Autorität basiert nicht auf staatlichem Zwang, sondern auf Reputation und Vertrauen. Ein Schiedsrichter, der parteiisch entscheidet, würde seinen Ruf verlieren – und damit seine Existenzgrundlage.
Dadurch würde Gerechtigkeit zu einem Marktgut, das sich durch Qualität statt Macht behauptet. Das klingt fremd, ist aber kein utopischer Gedanke: Viele internationale Handelsstreitigkeiten werden heute schon auf diese Weise beigelegt – völlig ohne staatliche Richter.
4️⃣ Der Denkfehler: Libertarismus = Anarchie
Der Irrtum vieler Kritiker liegt darin, Anarchie mit Chaos zu verwechseln. Das griechische an-arché bedeutet nicht „ohne Regeln“, sondern „ohne Herrschaft“. Auch ein Libertärer lehnt also nicht Ordnung ab – nur Herrschaft ohne Zustimmung. Im Unterschied zum Anarchisten glaubt er aber, dass freiwillige Kooperation und Marktordnung stabiler sind als politische Machtspiele.
Während der Anarchist oft das Kollektiv über das Individuum stellt, kehrt der Libertäre die Perspektive um: Das Individuum ist Ursprung und Ziel jeder Ordnung. Kooperation entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Nutzen – genau das macht sie friedlicher.
🧩 Fazit
Der Libertarismus ist keine Ideologie gegen den Staat – sondern ein Prinzip gegen Übergriffigkeit. Er beginnt dort, wo der Staat aufhört, dem Bürger zu vertrauen. Wer das versteht, erkennt: Nicht die Freiheit gefährdet die Ordnung – sondern die Angst vor ihr.