Wenn Bewusstsein formbar wird – Psilocybin, Neuroplastizität und die neue Macht über das Selbst

in #deutsch22 days ago (edited)

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Es klingt wie Science-Fiction – und ist doch nüchterne Laborrealität:
Ein Forscherteam der Cornell University und des Allen Institute hat erstmals sichtbar gemacht, welche neuronalen Schaltkreise sich unter Psilocybin gezielt verändern – nicht metaphorisch, sondern Neuron für Neuron.

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Was dabei sichtbar wird, ist mehr als ein therapeutischer Hoffnungsträger.
Es ist ein Paradigmenwechsel im Verständnis von Identität, Bewusstsein – und Manipulierbarkeit.

Der eigentliche Durchbruch: Nicht dass sich das Gehirn ändert, sondern wo

Seit rund 2012 ist bekannt, dass Psilocybin starke Neuroplastizität auslöst:
Neue synaptische Verbindungen entstehen, manche vorübergehend, andere dauerhaft.

Das ungelöste Kernproblem war jedoch schlicht – und fundamental:
Niemand wusste, welche Netzwerke konkret umgebaut werden.

Die nun in Cell veröffentlichte Studie löst genau dieses Problem – zunächst im Mausmodell, mit klar benannten, aber vorsichtig zu ziehenden Implikationen für den Menschen. Die untersuchten Netzwerke sind homolog zu menschlichen kortikalen Strukturen, die bei Depression, Rumination und Selbstfokus eine zentrale Rolle spielen.

Die Forscher nutzten dafür ein radikales Werkzeug:
ein genetisch entschärftes Rabiesvirus, das neuronale Signalwege rückwärts verfolgt. Ein biologischer Tracer, der sichtbar macht, welche Neuronen mit welchen anderen funktional verbunden sind.

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Aus dem tödlichsten Virus der Welt wurde ein fluoreszierender Textmarker für Bewusstseinsarchitektur.

Was sich verändert: Die Außenwelt wird stärker – das Selbst leiser

Die Ergebnisse sind alles andere als zufällig.

Gestärkt wurden vor allem:

  • sensorisch-motorische Pfade
  • visuelle und somatosensorische Verarbeitung
  • Areale der räumlichen Orientierung

Geschwächt wurden hingegen:

  • intrakortikale Feedback-Loops, die mit Rumination und Grübeln assoziiert sind
  • limbisch-präfrontale Netzwerke (u. a. Amygdala-, Insula-, hippocampale und orbitofrontale Einbindung)

In Alltagssprache übersetzt:
Psilocybin schwächt die neuronalen Schleifen, aus denen unser selbstbezogenes Narrativ entsteht – und stärkt die Pfade, mit denen wir die Welt wahrnehmen.

Das erklärt, warum Menschen berichten, die Welt fühle sich „neu“, „direkter“ oder „lebendiger“ an.
Nicht als Metapher – als messbare Netzwerkverschiebung.

Ein beteiligter Forscher formulierte es sinngemäß so:
„With psilocybin, it’s like we’re adding all these roads to the brain.“

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Der entscheidende Befund: Plastizität ist aktivitätsabhängig

Der wirklich brisante Teil der Studie folgt am Ende.

Während der Psilocybin-Phase schalteten die Forscher gezielt ein einzelnes Hirnareal chemisch aus.
Das Ergebnis war eindeutig:

  • Dieses Areal veränderte sich nicht
  • Alle gleichzeitig aktiven Areale wurden hingegen neu verschaltet

Damit ist belegt:
Neuroplastizität unter Psilocybin ist nicht zufällig, sondern aktivitätsabhängig.

Sie ist noch nicht beliebig programmierbar – aber sie folgt dem Prinzip:
Was aktiv ist, wird verstärkt. Was stillgelegt ist, wird geschwächt.

Gerade deshalb wird „Set und Setting“ in der Therapie plötzlich nicht nur psychologisch, sondern neurobiologisch entscheidend.

Therapie – oder Sozialtechnik?

Hier endet die harmlose Erzählung von Heilung.

Denn wenn gilt:

  • Aufmerksamkeit entscheidet, welche Netzwerke wachsen
  • Kontext entscheidet, welche Identitätsmuster geschwächt werden

… dann gilt auch:
Wer den Rahmen kontrolliert, kontrolliert das Ergebnis.

Natürlich eröffnet das enormes therapeutisches Potenzial:
Traumata, Depression, Angststörungen.

Doch historisch sind solche Eingriffe nicht neutral.
Man denke an MKUltra, an frühe Bewusstseins-Experimente des Kalten Krieges – oder an aktuelle Debatten, wie Psychedelika künftig reguliert, therapeutisch standardisiert oder sogar staatlich eingesetzt werden könnten.

Der Unterschied heute:
Wir sehen erstmals die exakten Schaltkreise, die sich verändern.

Identität ist kein Fixpunkt

Die vielleicht verstörendste Erkenntnis dieser Studie ist keine medizinische, sondern eine philosophische:

Identität ist kein stabiler Kern, sondern ein dynamisches Aktivitätsmuster.

Das „Ich“ ist kein Objekt.
Es ist ein momentaner Netzwerkzustand – und dieser Zustand kann unter bestimmten Bedingungen gezielt verschoben werden.

Das ist befreiend.
Und zugleich tief beunruhigend.

Ein neues Zeitalter – mit alten Fragen

Diese Forschung zeigt nicht nur, wie Psilocybin wirkt.
Sie zeigt, dass Bewusstsein lesbar, kartierbar und formbar geworden ist.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr:
Können wir Bewusstsein beeinflussen?

Sondern:
Wer darf es – und unter welchen ethischen, rechtlichen und kulturellen Grenzen?

Denn eine Technik, die Traumata heilen kann,
kann ebenso Überzeugungen, Selbstbilder und Loyalitäten verändern.

Nicht durch Zwang.
Sondern durch Architektur.

Fazit

Was hier beginnt, ist keine neue Droge – sondern eine neue Macht über den Menschen.
Ob sie heilt oder missbraucht wird, entscheidet nicht die Biologie,
sondern Verantwortung, Transparenz – und Aufmerksamkeit.

Quelle:
Cell (2025): Psilocybin triggers an activity-dependent rewiring of large-scale cortical networks
https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(25)01305-4

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Liest sich wie Sifi! Unser Bewusstsein wird ständig durch unsere ganze Umwelt die uns umgibt verändert. Die Forscher scheinen zur Zeit viel mit psychoaktiven Substanzen zu experimentieren. Dass gerade die Substanzen von denen man die Finger bei Angstörungen oder Depressionen lassen sollte gleichzeitig als Heilmittel eingesetzt werden (sollen) ist sowieso merkwürdig genug.
Ich hoffe nur, dass sich die Forschung nicht auf das verformen von Bewusstsein konzentriert sondern wie gehabt auf das "zerlegen" der Substanzen um z. B. den Trip auszuschalten um unangehme Nebenwirkungen zu minimieren.
Interessanter Beitrag (zum Glück konnte ich diesen Post öffnen, lesen und kommentieren..deinen neusten Beitrag zum Thema "deutscher" lässt sich nicht öffnen, es erscheint ein graues, leeres Bild, schade)

Ohh wirklich schade das der neue Post nicht lädt. Versuchts später oder morgen nochmal, sonst poste ich dir den hier als Kommentar hehe

Oder für die US-Perspektive umgeschrieben auf englisch: https://janphilippvieth.substack.com/p/why-is-israel-defending-germany

Ja ich finde es auch mega interessant. Und darum gehts ja, die haben mit Microdosen(sub-perzeptuelle Dosen) experimentiert. Also Dosen die nicht psychoaktiv wirken aber die Prozesse der Neuroplastizität anschieben.

Die nächste Frage ist dann, ist die Neuroplastizität das was aus einem normalen Menschen einem Messi(Weltfußballer) macht? Könnte ein normaler Sportler wenn er sich mikrodosen beim Training ballert seine motorischen Fähigkeiten vebessern und so zu nem Messi werden? Wie gesagt, aktuell gibt es keine Belege dafür aber die Studie deutet daraufhin, dass es so sein könnte!

Die implikationen sind krass. Ich bin gespannt was die Zukunft bringt und was Wissenschaftlich daraus entsteht. Mit LSD und MKUltra wurde ja aber schon immer experimentiert, psychodelische Substanzen sind da eigentlich schon immer gangundgäbe gewesen nur hat man nie verstanden was die genau machen, jetzt erkennt man dass diese neue synaptische Verbindungen bilden und der Effekt verstärkt wirdn in den Bereichen auf die wir uns konzentrieren.

Also das was du normal auch machst... das was dich besonders interessiert, oft dein Hobby und da wirst du über Zeit richtig gut drin weil sich die Neuronen während der Aktion neuverbinden. Dass nun aktiv mit Wachsstum unterstützen zu können, ist von der Grundidee her revolutionär^^

Das ist ja der Therapiegedanke dabei... du bist in der Therapie und versuchst die positiven Gedankengänge zu stärken, damit deine Ängste weil nicht aktiviert verblassen... quasi das Gehirn überchreiben und neuverkabeln.

Lustig ist, dass ich solche Geschichten immer wieder von Freunden und Bekannten höre... boar haben uns Pilze geschmissen und einer der nüchtern war hat sich nen spaß gemacht und scheiße gelabbert wie "Wo ist dein Gesicht" und de auf dem Trip sah dann sein Gesicht zerfallen...

Und genau das ist auch die Gefahr wenn jemand dein Gehirn "hacked" oder "neuverkabelt" oder "Reize" setzt^^

Kennst den Film Demolition Man? Ist mit Silvester Stallone: Verbrecher kommen in den Kryoschlaf, also werden gefroren, so auch er und Wesley Snipes als Bösewicht. Stallone wacht auf und sagt nach ein paar Tagen "warum kennt er jede Waffe und ich kann besser stricken wie meine Oma?" "Ich bin eine verdammte Näherin!“ (So ungefähr) Da werden Fähigkeiten im Kälteschlaf sogar erlernt..
Ich glaube schon dass man in Zukunft viel am Menschen verändern kann/wird und da sicher schon lange immer noch geheime Experimente laufen..