Wenn das Recht schweigt und die Gefühle jubeln – Leihmutterschaft als mediales Normalitätsprojekt

in #deutsch24 days ago

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Was derzeit in den Medien gefeiert wird, sollte uns eigentlich alarmieren.

US-Popstar Meghan Trainor verkündet die Geburt ihres dritten Kindes – ausgetragen von einer Leihmutter. Deutsche Boulevardmedien reagieren mit Rührung, Lob und emotional aufgeladenen Überschriften (z. B. BILD, Stern, Promiflash). Die Leihmutter wird als „unglaubliche Superfrau“ gefeiert, die Geburt als „kleines Wunder“ inszeniert.

Was auffällt:
Niemand stellt die entscheidende Frage.

Leihmutterschaft ist in Deutschland illegal – aus gutem Grund

Nach deutschem Recht ist Leihmutterschaft verboten (§ 1 Abs. 1 Nr. 7 Embryonenschutzgesetz). Nicht aus religiösem Eifer, nicht aus Rückständigkeit, sondern aus einer klaren rechtsstaatlichen Wertentscheidung:

Der menschliche Körper – und erst recht Schwangerschaft – darf nicht zur Dienstleistung werden.

Das Verbot schützt:

  • die Würde der austragenden Frau,
  • das Kind vor einer Vorab-Instrumentalisierung,
  • und verhindert die Aufspaltung von genetischer, biologischer und sozialer Elternschaft nach Marktlogik.

Dass andere Staaten – etwa Teile der USA – Leihmutterschaft erlauben, ändert nichts an dieser deutschen Wertentscheidung. Und genau hier beginnt das gesellschaftliche Problem.

Gefühl schlägt Recht – und Medien machen mit

In den Berichten wird häufig ein Bild gezeigt, das gezielt Emotionen anspricht: Eine Frau mit nacktem Oberkörper, die ein Neugeborenes an sich presst – wie in den veröffentlichten Fotos zu sehen –, ein Kind, das nicht sie geboren hat.

Man muss kein Moralapostel sein, um zu spüren:
Etwas daran fühlt sich falsch an.

Nicht, weil Nähe oder Zuneigung falsch wären. Sondern weil hier ein zutiefst intimer Moment ästhetisiert wird, während die Frau, die das Kind neun Monate getragen hat, medial verschwindet – reduziert auf den funktionalen Begriff „Leihmutter“.

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Die unsichtbare Frau

In nahezu allen dieser Berichte bleibt eine Person auffällig konturlos: die austragende Frau.

  • Wie alt ist sie?
  • In welcher wirtschaftlichen Lage lebt sie?
  • Welche Alternativen hatte sie realistisch?
  • Was bedeutet die Trennung nach der Geburt psychisch?

Studien und Berichte aus Ländern mit kommerzieller Leihmutterschaft zeigen ein klares Muster: Viele Leihmütter stammen aus wirtschaftlich prekären Verhältnissen. Die übliche Vergütung liegt – je nach Land – oft zwischen 20.000 und 50.000 US-Dollar. Psychische Folgen wie Bindungsabbrüche, emotionale Belastungen oder postpartale Depressionen sind dokumentiert.

Befürworter argumentieren häufig mit der Autonomie und Einwilligung der Leihmutter. In der Praxis überwiegen jedoch oft ökonomische Zwänge, die diese „Freiwilligkeit“ erheblich relativieren.

Diese Realität passt nicht zur Hochglanz-Erzählung vom selbstlosen Glücksprojekt – also wird sie ausgeblendet.

Stattdessen wird Dankbarkeit inszeniert. Dankbarkeit ersetzt jedoch keine rechtliche oder ethische Prüfung.

Wenn Illegalität zur Lifestyle-Option wird

Das eigentliche Problem ist nicht, dass einzelne Prominente im Ausland Dinge tun, die hierzulande verboten sind. Das Problem ist, dass deutsche Medien dies unkritisch normalisieren.

Die unterschwellige Botschaft lautet:
„Was emotional berührt, kann rechtlich nicht falsch sein.“

Das ist brandgefährlich.

Denn Recht existiert gerade für jene Situationen, in denen Gefühle täuschen, Macht ungleich verteilt ist und wirtschaftliche Interessen dominieren.

Kinder sind keine Erfüllungsprojekte

Der Wunsch nach Kindern ist menschlich, tief und nachvollziehbar. Aber er ist kein einklagbarer Anspruch.

Ungewollte Kinderlosigkeit ist tragisch – aber sie rechtfertigt nicht, den Körper einer anderen Frau zur Lösung zu machen. Adoption, Pflegekinder oder auch der schmerzhafte Verzicht sind Alternativen, die niemandem den Körper abverlangen.

Ein Kind ist kein Produkt. Eine Schwangerschaft ist kein Service. Und eine Frau ist kein Mittel zum Zweck – auch nicht für wohlmeinende, prominente Auftraggeber.

Fazit: Das Problem ist nicht Meghan Trainor – sondern wir

Es geht nicht darum, einzelne Personen moralisch zu verurteilen. Es geht darum, dass wir gerade dabei sind, eine rote Linie zu verwischen:

Die Linie zwischen Mitgefühl und Markt.
Zwischen Wunsch und Recht.
Zwischen Körper und Ware.

Wenn Leihmutterschaft medial gefeiert wird, während sie in Deutschland aus guten Gründen verboten ist, dann haben wir ein gesellschaftliches Problem – kein Promi-Problem.

Und genau darüber sollten wir endlich sprechen.