„Wenn Freiwilligkeit nicht reicht, kommt Zwang“ – Sarkozy, Métissage und der schmale Grat staatlicher Sozialtechnik
Im Dezember 2008 hielt Nicolas Sarkozy, damals Präsident der Französischen Republik, eine Rede an der École Polytechnique in Palaiseau, die in Deutschland kaum bekannt ist. Sie behandelt ein Thema, das heute aktueller wirkt denn je: die staatlich geförderte Durchmischung von Gesellschaftsgruppen, im Französischen als Métissage bezeichnet.
Der Kern der Rede
Wörtlich sagte Sarkozy:
„Quel est l'objectif ? Relever le défi du métissage que nous adresse le 21ᵉ siècle. Ce n’est pas un choix, c’est une obligation, c’est un impératif. On ne peut pas faire autrement, au risque de nous voir confrontés à des problèmes considérables. Nous ne pouvons pas nous permettre de faire autrement. Et on va se mettre des obligations de résultat. Si ce volontarisme républicain ne fonctionnait pas, il faudra alors que la République passe à des méthodes plus contraignantes encore.“
Übersetzt:
„Was ist das Ziel? Der Herausforderung des Métissage zu begegnen, die uns das 21. Jahrhundert stellt. Das ist keine Wahl, das ist eine Verpflichtung, ein Imperativ. Wir können nicht anders, auf die Gefahr hin, dass wir mit erheblichen Problemen konfrontiert werden. Wir können es uns nicht leisten, anders zu handeln. Und wir werden uns Ergebnispflichten auferlegen. Wenn dieser republikanische Voluntarismus nicht funktioniert, dann muss die Republik zu noch einschränkenderen Methoden übergehen.“
Kontext 2008: Soziale Durchmischung, nicht biologische Steuerung
Wichtig für die Einordnung: Sarkozy sprach primär über soziale und kulturelle Durchmischung. Ziel war die Öffnung der Grandes Écoles für Jugendliche aus den Banlieues (oft Boursiers, also Stipendiaten aus einkommensschwächeren Familien), um die weiße, elitäre Monokultur aufzubrechen. Es ging um Integration, Chancengleichheit und die Bekämpfung von Parallelgesellschaften.
Tatsächlich wurden Quotenprogramme für sozial benachteiligte Jugendliche umgesetzt, während direkte ethnische Statistiken und ethnische Quoten verfassungsrechtlich blockiert blieben. Der Fokus lag auf sozialer Herkunft, nicht auf biologischer oder rassischer Zusammensetzung.
Eine mögliche Lesart
Interpretativ lässt sich argumentieren: Sobald der Staat Ergebnispflichten definiert und bei Scheitern strengere Maßnahmen androht, entsteht eine potenziell steuernde Logik. Diese Beobachtung ist keine Verschwörung, sondern ein legitimer Hinweis auf den slippery slope staatlicher Sozialtechnik.
Das bedeutet: Sozialpolitische Ziele können, wenn sie strikt umgesetzt werden, theoretisch über das ursprüngliche soziale Ziel hinaus Eingriffe erzwingen. Genau das macht die Rede auch heute noch diskussionswürdig.
Métissage und DEI – die moderne Analogie
Heute erscheinen ähnliche Konzepte unter dem Begriff Diversity, Equity, Inclusion (DEI). Anders als Sarkozy beziehen sie sich offiziell auf Chancengerechtigkeit, Teilhabe und faire Strukturen. Dennoch besteht eine strukturelle Parallele: Vielfalt wird nicht nur als Realität, sondern als steuerbares, messbares Ziel betrachtet. Die Analogie dient hier als heuristische Brücke, um die politische Logik besser verständlich zu machen, ohne DEI direkt mit Métissage gleichzusetzen.
Rezeption und Kritik
Die Rede löste kontroverse Diskussionen aus:
- Befürworter sahen einen klaren Appell zur sozialen Mobilität und Integration von Eliten.
- Kritiker warnen vor einer übergriffigen staatlichen Logik, die individuelle Entscheidungen unter Druck setzen könnte.
Die französische Debatte machte deutlich, dass Métissage weniger ein biologisches Konzept, sondern ein Instrument zur Förderung kultureller und sozialer Durchmischung war – ein Mittel, um monokulturelle Strukturen aufzubrechen.
Fazit
Sarkozys Rede von 2008 ist kein Kuriosum, sondern ein Schlüsseltext zum Verständnis staatlicher Integrationspolitik und der Risiken, die entstehen, wenn der Staat Vielfalt als Imperativ behandelt. Wer die Balance zwischen Chancengleichheit, institutioneller Steuerung und individueller Freiheit diskutiert, sollte diese historische Passage kennen.
Quellen
- Élysée-Archiv: Offizielle Rede
- Le Monde: Berichte zu Boursiers und Öffnung der Grandes Écoles (17.12.2008)
- Le Figaro: Analyse der „obligations de résultat“
- The Guardian: Internationale Einordnung
