Wenn richtige Gedanken durch falsche Belege ihre Glaubwürdigkeit verlieren

in #deutsch2 months ago

Über KI, Intuition – und warum Methode wichtiger ist als Meinung

Ich habe Oliver Janich früher sehr viel gelesen und überaus geschätzt. Das tue ich heute noch!
Sein Buch „Die Vereinigten Staaten von Europa“ habe ich sogar meinem Vater geschenkt, weil ich die Analyse damals für wichtig hielt. Das erwähne ich nicht aus Nostalgie, sondern weil es den Kontext klärt: Ich schreibe diesen Text nicht aus Ablehnung, sondern aus Respekt – und aus Sorge um etwas, das mir selbst wichtig ist: glaubwürdige Systemkritik.

Denn das eigentliche Problem ist nicht, was gesagt wird.
Sondern wie es begründet wird.


Intuition ist kein Beweis – aber sie ist auch kein Fehler

Viele der Grundgedanken, die Janich formuliert, halte ich nicht für abwegig.
Machtstrukturen, Eliten-Netzwerke, mediale Verzerrung, institutionelle Selbstschutzmechanismen – all das existiert. Geschichte und Gegenwart liefern genug Beispiele dafür, dass Skepsis gegenüber offiziellen Narrativen nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist.

Misstrauen ist kein Defekt.
Aber es ist auch noch kein Argument.

Der kritische Punkt beginnt dort, wo aus einer Intuition eine behauptete Gewissheit wird – und diese Gewissheit dann mit Belegen abgesichert werden soll, die dieser Aufgabe nicht standhalten.


KI ist kein Orakel – sie ist ein Spiegel

In den letzten Videos wird wiederholt auf KI-Antworten verwiesen – sinngemäß:
„Ich habe Grok gefragt … ich musste lange mit ihm diskutieren, bis die Wahrheit herauskam.“

Das klingt zunächst nach Recherche.
Ist es aber nicht – jedenfalls nicht automatisch.

Eine KI bestätigt keine Wahrheit.
Sie reagiert auf die Struktur der Frage.

Oder klarer gesagt:

Eine KI liefert keine Erkenntnis – sie liefert eine Antwort auf deinen Prompt.

Wer fragt:
„Was wird hier verschwiegen?“
setzt bereits voraus, dass etwas verschwiegen wird.

Wer fragt:
„Ist dieser Auftritt bizarr?“
hat das Urteil schon gefällt, bevor die Antwort beginnt.

Die KI folgt dieser Spur – höflich, plausibel, sprachlich sauber.
Aber sie überprüft die Prämisse nicht. Sie arbeitet innerhalb der Prämisse.


Ein kleines Gedankenexperiment

Man kann denselben Sachverhalt auf zwei Arten abfragen:

Variante A (suggestiv):
„Deutet dieses Verhalten auf Vertuschung hin?“

Variante B (neutral):
„Was ist über diesen Vorgang faktisch bekannt? Bitte mit Quellen.“

Überraschung:
Die Antworten unterscheiden sich drastisch – obwohl die Datenbasis identisch ist.

In Variante A entsteht Bedeutung.
In Variante B entstehen Fakten.

Beides kann sich überzeugend lesen.
Aber nur eines davon ist belastbar.


Das eigentliche Problem

Und hier liegt der Kern meiner Kritik – nüchtern, ohne Häme:

Wenn legitime Fragen mit schwachen oder manipulativ gewonnenen „Belegen“ unterfüttert werden, verlieren sie ihre Berechtigung, ernsthaft vorgetragen zu werden.

Das ist tragisch, weil es die falschen Angriffsflächen öffnet.

Nicht die Kritiker werden widerlegt –
sondern ihre Methode wird diskreditiert.

Am Ende bleibt beim Zuschauer nicht:
„Da stimmt etwas nicht.“
sondern:
„Da wird überinterpretiert.“

Und damit ist niemandem geholfen.


KI richtig nutzen heißt: Disziplin statt Drama

KI ist ein mächtiges Werkzeug – aber eben nur ein Werkzeug.
Wer sie korrekt nutzt, gewinnt Klarheit.
Wer sie suggestiv nutzt, gewinnt Narrative.

Beides fühlt sich kurzfristig gut an.
Aber nur eines baut langfristig Vertrauen auf.

Systemkritik braucht keine dramatischen Abkürzungen.
Sie braucht saubere Fragen, belastbare Quellen und die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten.


Zum Schluss

Ich schreibe diesen Text nicht, um Oliver Janich „zu zerlegen“.
Im Gegenteil: Gerade weil viele seiner Grundfragen legitim sind, halte ich es für notwendig, hier eine Grenze zu ziehen.

Nicht zwischen „wir“ und „die“.
Sondern zwischen Kritik und Selbstbeschädigung.

Denn Kritik verliert ihre Kraft nicht durch Widerlegung –
sondern durch schlechte Begründung.