Dezember 2025 - Eine emotionale Momentaufnahme
Vielleicht hast du es in letzter Zeit schon gespürt: In dir hat sich etwas verändert. Dinge, die du früher selbstverständlich wolltest, dir wünschtest oder einfach tatest, verlieren an Bedeutung. Sie erfüllen dich nicht mehr, fühlen sich falsch oder deplatziert an – anfangs kaum merklich, doch immer deutlicher. Es ist keine gewöhnliche Sättigung, sondern ein Nachgeschmack von Beklemmung. Man beginnt, sich selbst und seine Wünsche zu hinterfragen: Lag ich mit meinem bisherigen Leben so falsch? Wird es ohne all das nicht leer, einsam oder gar trostlos?
Genau so geht es mir seit einiger Zeit – und heute, nach dem gestrigen Besuch auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt, noch stärker. Glühwein trinken und danach mit Kolleginnen und Kollegen in die Kneipe zu gehen, fühlt sich mittlerweile falsch und unpassend an. Ich finde nicht einmal die richtigen Worte dafür. Es liegt nicht nur am Alkohol: Gegen Abend habe ich zum Glück rechtzeitig gebremst, auf alkoholfreie Getränke umgestellt und einen gemeinsamen Aufbruch Richtung Bahnhof angeregt, damit niemand seinen Bus oder Zug verpasst.
Doch es ist mehr als das Alter oder die Erkrankung. Dieses seltsame Gefühl der Sättigung, dieses dumpfe Empfinden beim und nach dem Alkoholgenuss, ist bedrückend. Es verstärkt unangenehme Gedanken. Flirten kann ich zwar noch, aber der halb schielende, glasige Blick offensichtlich betrunkener Frauen mag ich nicht mehr. Vielleicht täusche ich mich, doch dann sehe ich eine Person, die versucht, sich zu entkrampfen – und dabei die Kontrolle verliert. Das wirkt auf mich weder verlockend noch anziehend. Stattdessen erinnert mich diese empfundene Hilflosigkeit der anderen an meine eigene, an diesen verdammten Lungenkrebs. Ein ekelhaftes, unangenehmes Gefühl.
Ich will nicht mehr dieses dumpfe Empfinden, diesen komischen Geschmack im Mund, die Müdigkeit oder die halb peinlichen Erinnerungen daran, wie eine Gruppe Endvierziger zwischen Studenten an alte Trinkgewohnheiten anknüpfen will. Zum Glück habe ich rechtzeitig den Fuß vom Gas genommen. Zwar bin ich etwas müde, weil der Schlaf darunter leidet, aber ich frage mich: Was spielt in mir – neben den genannten Faktoren – noch mit? Irgendetwas in meinem Unterbewusstsein scheint solche Erlebnisse vermeiden zu wollen. Ich wünschte, ich könnte sagen, was ich stattdessen will. Außer schmerzfrei zu leben, versteht sich.
Hallo Lao, ich kann dich sogar sehr gut verstehen. Es werden im Leben irgendwann andere Dinge wichtig. Mein einziger Besuch auf dem Ulmer Weihnachtsmarkt dieses Jahr waren 3 Minuten: Ich bin rein und gezielt zum nächsten Süssegkeitenstand gelaufen, hab eine Tüte gebrannte Mandeln gekauft, dann wieder raus zur Bushaltestelle und den Bus Richtung des Altenheims genommen in das ich sowieso wollte. Ich wollte eine blinde Bewohnerin besuchen mit der ich auch nach meiner Arbeit dort eine Freundschaft aufgebaut habe. Sie freute sich sehr über die Mandeln. Natürlich habe ich oft Appetit auf eine Feuerwurst in Baguette mit Tzatziki und Zwiebeln aber ich finde es schon eine Frechheit wie teuer alles geworden ist. Ich habe gar kein Verlangen mich mit irgendwelchen Verwandten/Bekannten zu treffen um sich dort durchzuschlemmen. Ich habe an einem Bein ein Lymphödem was mir bei längeren Wegen Probleme macht. Ich finde es toll von dir dass du nach den anderen geschaut hast und mit einem Spaziergang Richtung Bahnhof den Abend beendet hast.
Liebe Grüsse nach Esslingen
(Ich war oft in Stuttgart, da ist der Weihnachtsmarkt ja riesig und weit verteilt, habe aber gehört dass der in Esslingen auch einiges zu bieten hat - sonst würden ja auch alle Besucher das kleine Stück weiter nach Stuttgart fahren..) 😄