Vonne Endlichkait - ein super grasser Abend

in Deutsch Unplugged17 hours ago (edited)

Anlässlich des gestrigen 11. Todestages des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass veranstaltete das Günter-Grass-Haus Lübeck eine Lesung mit Jazzmusik von Günter Baby Sommer im Kolosseum Lübeck. Im Mittelpunkt standen Rezitate aus dem letzten Buch "Vonne Endlichkait" von Günter Grass, welches dieser mit in seiner letzten Lebenszeit - bereits von recht hohem Alter und Krankheit gezeichnet - entstandenen Gedichten, Kurzprosatexten und Illustrationen noch selbst zusammenstellte, das aber erst kurz nach seinem Tod im Jahre 2015 veröffentlicht wurde. Musikalisch umspielt abgerundet werden sollte die von Thomas Brückner vorgetragene Lesung durch Improvisationen der Jazz-Ikone Günter Baby Sommer, einem Freund und langjährigen Wegbegleiter Grass' - dessen "ewiger Blechtrommler" als Tongeber seiner Texte an den Percussions, dem Gitarristen Uwe Kropinski sowie dem (Blech)bläser Michael Winkler, der mit einer mannsgroßen Tuba, einer Posaune und anderen Blasinstrumenten aufwartete.

Den Veranstaltungshinweis in der hiesigen Tagespresse wahrgenommen, herrschte zu Hause (fast) Einigkeit, gingen doch die Fragen "Begleitest du mich zu einer Günter-Grass-Lesung?" sowie "Kommst du mit mir zu einer Baby-Sommer-Session?" Hand in Hand. "Hmm, okay...", sagten beide - sehr wohl in der Gewissheit, das eine ohne das andere eben nicht zu bekommen - und schon wurden die Karten für das Event rechtzeitig vor Ausverkauf erworben.

Der Ausrichter eröffnete den Abend mit einer sehr kurzen Laudatio zum Gedenken an den vor 11 Jahren verstorbenen Künstler, großen Dank an den "Freundeskreis Günter-Grass-Haus", durch den die alljährlichen Veranstaltungen zu Ehren Günter Grass' in dessen Wahlheimat Lübeck erst ermöglicht würden, sowie der Information, dass Günter Baby Sommer leider erkrankt sei. Ein Raunen ging daraufhin durchs Publikum, in den Gesichtern ziemlich vieler älterer und alternder Herren war deutliche Enttäuschung zu erkennen. Ja, mindestens ein Viertel der Kulturgenießenden war offensichtlich wegen der lebenden Legende am Schlagzeug im Kolosseum erschienen. Sollte ich erwähnen, dass auch die Mundwinkel des Herren neben mir deutlich herunterfielen? Baby Sommer - einer der Pioniere des Free-Jazz, der Schlagzeuger, der auf seinem Instrument liegt, mit diesem verwächst, der, der mit allen denkbaren Jazz-Größen gespielt hat, der, dessen Schallplatten (einige Originale auf dem DDR-Label Amiga) sich auch in unseren Regalen befinden - ist krank und tritt nicht auf? Man habe kurzfristig den jungen, talentierten Jazz-Drummer Philipp Scholz als Ersatz für Sommer gewinnen können.
Scholz sorgte für eine erste Gänsehaut als er betonte, er könne Baby Sommer natürlich nicht ersetzen, aber er gäbe sich Mühe für Baby Sommer zu spielen - "Ja, Baby, wir spielen heute für dich und deine Genesung." Im weiteren Verlauf des Abends versöhnte er mit recht beeindruckenden Schlagzeugarrangements die zunächst etwas bedröppelten Sommer-Fans.

Thomas Brückner las die Texte dieser Lesung nicht - er rezitierte frei. Mit sonorer Stimme und hervorragender Betonung nahm er die Zuhörer souverän mit in die späte Gedankenwelt des Günter Grass, die dieser bis zuletzt mit Humor und selbstironischer Distanz, oft auch mit politischen Spitzen (teilweise heute aktueller denn je, denn vor etwa einem Jahrzehnt) gespickt auf seiner Olivetti zu literarischen Meisterwerken formte. Die Texte handeln ausschließlich von der Vergänglichkeit, von der Endlichkeit des Lebens. Von den unliebsamen Mitbringseln des Alterns, von Ängsten vorm Wie, Wann und dem Danach. Aber auch von der Hoffnung, dass es nach Herbst und Winter vielleicht doch noch mal einen ergrünenden Frühling geben wird, in dem Schlaf als Zeitvergeudung gilt, weil man von dieser nur noch viel zu wenig hat.

Die Musik... soll sich für Free-Jazz-Liebhaber sehr gelohnt haben. Ich konnte die künstlerische Leistung durchaus anerkennen (wow, das Didgeridoo-Solo von Michael Winkler ging einem Totengesang ähnelnd unter die Haut), kann zugegebenermaßen mit Free Jazz und „wilden“ Klangelementen aber wenig anfangen. Teilweise hinderte mich die akustische Untermalung sogar daran, mich voll auf die Grass'schen Texte zu konzentrieren.

Der Abend war insgesamt toll und sehr rund. Dazu steuerte auch die Einladung zu einem Getränk in Verknüpfung mit Gesprächen rund um die Künstler, besonders natürlich Günter Grass, in der Pause bei. Die Veranstalter ließen sich wirklich nicht lumpen: Zum Abschluss wurde mit einem spendierten Schnaps - selbstredend Danziger Goldwasser - auf Günter und Günter angestoßen.

Günter Grass, 2006 (Wikimedia Commons) Günter Sommer, 2020 (Wikimedia Commons)

Vonne Endlichkait
Nu war schon jewäsen.
Nu hat sech jenuch jehabt.
Nu is futsch un vorbai.
Nu riehrt sech nuscht nech.
Nu will kain Furz nech.
Nu mecht kain Ärger mähr
un baldich bässer
un nuscht nech ibrich
un ieberall Endlichkait sain.

Günter Grass, Vonne Endlichkait. dtv, München 2017, S. 173 (Steidl, Göttingen 2015)

Bereits während der Vorstellung wurde ich sehr nachdenklich. Zum einen natürlich inspiriert durch die tiefgründigen Texte. Zum anderen fragte ich mich, weshalb ich meinen ausgesprochenen Lieblingsschriftsteller (schon während meiner Schulzeit, was auf Unverständnis der meisten - zum Lesen und Analysieren der Blechtrommel "gezwungenen" - Mitschüler stieß) und sein Werk ehrlich gesagt schon vor 2015, spätestens aber nach seinem Tod so sehr aus den Augen verlor.
Ich kaufte mir noch vor Ort "Vonne Endlichkait" und trat in den "Freundeskreis Günter-Grass-Haus" ein, um ja keine Veranstaltung mehr zu verpassen. Nächstes Jahr wird es nicht nur am 12. Todestag des Nobelpreisträgers ein besonderes Event geben: 2027 wird das Grass-Jahr! Denn 2027 würde der Weltliterat 100 Jahre alt geworden sein.

Noch in der Nacht begann ich in "Vonne Endlichkait" zu schmökern, was ich heute den Tag über intensiviert fortsetzte. Ich reflektierte meine Abiturprüfung zu Günter Grass sowie mein Staatsexamen zu dessen Danziger Trilogie. Irgendwie prägend, oder? Irgendwie bedeutsam. Wie auch eine der nachhaltigsten persönlichen Begegnungen meines Lebens (kurz wohl, dennoch eine, die man nie vergisst), von der ich dann mal berichte, solange ich mich noch im Grass-Fieber befinde... ;-)


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14.04.2026