Brandmauern, Brandbriefe, Brandstifter... / Fire walls, urgent letters, arsonists...
english below...
„Refugees welcome!“ / „Flüchtlinge willkommen!“ schreibt der erweiterte Familien- und Freundeskreis… Dieses mittlerweile geflügelte Schlagwort aus der Auseinandersetzung um die Aufnahme von Asylbewerbern, das seit den Kriegen in Syrien und der Ukraine geprägt wurde, zielt in diesem Fall auf uns ab. Auf uns, die wir aus der modernen, weltoffenen und regenbogenbunten Hauptstadt Deutschlands in die sachsen-anhaltinische Provinz abgewandert sind.
Wir wollen doch vermutlich eiligst und vor allem reumütig zurückkehren…?!
Warum? Wegen eines selten klaren und eindeutigen Wahlergebnisses vor zwei Wochen. Die Landtagswahl in unserer Region hat eine überwältigende Mehrheit an Stimmen für die AfD ausgewiesen (bei im übrigen rekordverdächtig hoher Wahlbeteiligung).
Tja. Da muß man doch wohl einfach weg wollen??
Nun, wir sehen das ein wenig anders. Im Gegensatz zu Parteien, Organisationen, den meisten Berufspolitikern und Medienvertretern, die dieses Wahlergebnis wahlweise überrascht, erschüttert, fassungslos macht oder entsetzt, haben wir seit langem keinen anderen möglichen Wahlausgang gesehen.
Das tut weh in dem Moment, wo ich es schreibe. Ich persönlich halte die AfD für nicht wählbar, habe und würde mein Kreuz nie bei ihren Kandidaten setzen. Allerdings auch bei keinem anderen der Pappnasenvereine, die sich da auf den ewig geduldigen Listen einen Platz beanspruchen.
Momentan (und das nicht erst seit heute) gibt es aus meiner Sicht keine Partei, die sinnvolle, volksnahe und moralisch einwandfreie Politik macht. Nicht, daß wir uns falsch verstehen: in allen Parteien gibt es gute Leute und weniger gute. Alle Parteien haben Punkte im Programm, die ich ansprechend finden kann und viel mehr, bei denen ich schreiend weglaufen muß.
Es ist längst ein miteinander verflochtenes und sich selbst erhaltenes System geworden, das am Ende nicht zu politischer Erneuerung fähig ist – und ohne Erneuerung geht es weiter bergab.
Was mich erschreckt hat, ist die Unverfrorenheit, mit der ehrbare und selbstredend zutiefst demokratische Politiker mit den Kandidaten der AfD umgegangen sind, wie der Wahlkampf geführt wurde…:
Da veröffentlicht ein grüner Stadtrat in den Sozialen Medien ein Poster mit dem Konterfei des AfD-Spitzenkandidaten, der seinen Wählern dringendst empfiehlt, den Wahlzettel zu unterschreiben, um Betrug zuungunsten der AfD zu verhindern… So billig wie das ist, so manipulativ ist das; wie viele Wähler wissen sicher, daß es den Wahlzettel ungültig machen würde…?
https://dpa-factchecking.com/germany/260824-99-425284/
Da stellt sich ein amtierender CDU-Ministerpräsident hin und sagt kackfrech: „Es wird keinen neuen Ministerpräsidenten geben, wenn die AfD die Wahl gewinnt, ich regiere einfach die nachsten fünf Jahre durch.“ Er begründet seine leicht wahnwitzige Ankündigung mit einer Lücke, die es in der Landesverfassung seit der letzten Änderung gibt – es ist gar keine Ministerpräsidentenwahl mehr gesetzlich vorgeschrieben. Ups…
https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2026/sven-schulze-es-wird-keine-wahl-geben/?
Und da wird ohnehin pauschal alles und jeder zum Nazi erklärt, der ein Parteiverbotsverfahren für blödsinnig hält, der Verständnis für das in vielen Umfragen und Studien angekündigte Wahlverhalten einer großen Mehrheit äußert oder auch nur sagt, daß man mit den „Altparteien“ so rein gar nichts mehr anfangen kann…
Kein Grund also aus meiner Sicht, jetzt fassungslos oder entsetzt zu sein. Aber he: die Herrschaften CDU-ler und SPD-ler erklären jetzt, daß sie wohl mit ihrer jüngsten Politik das Volk nicht mehr recht erreichen konnten und sich neu orientieren müßten…!? Jetzt?? Wo das Kind in den Brunnen gefallen ist? Wie dumm oder ignorant kann man sein…?
Es wird keinen Weltuntergang geben, wenn die AfD hier Regierungseinfluß bekommt. Es wird kein Viertes Reich heraufbeschworen und all die schlimmen Dinge, die propagandistisch vorhergesagt werden, passieren natürlich auch nicht. Weil die ganzen prallen Programmpunkte der alternativen Partei haltlos und unrealistisch sind. Zum großen Teil betreffen die angekündigten Veränderungen und Maßnahmen Bereiche, in denen eine Landesregierung schlicht keine Zuständigkeit hat und gar nichts verändern kann. Nichtsdestotrotz kann an einigen Stellen echter Schaden angerichtet werden.
Ob sich die anderen Parteien, die haushohen Verlierer der Wahl, endlich wieder auf den Bürger und ihrern Wählerauftrag besinnen und aufhören, Ideologie über Demokratie zu stellen? Einzelne Politiker haben diese Brücke bereits überschritten und angefangen, nach pragmatischen Lösungen und Kompromissen zu suchen. Danke dafür! Wenn jemand noch eine vernünftige Neuausrichtung bewirken kann, dann Ihr!
Dem vernagelten Rest sei ein letztes Mal geraten: bringt die Menschen nicht noch mehr gegen Euch auf! Wenn sich irgendwann einmal die große Schuldfrage stellt, wird es nicht ein ehemaliger Raumduft-Verkäufer aus Sachsen-Anhalt sein, der alles vermasselt hat, sondern die relativ geschlossene Gruppe derer, die aus Borniertheit zugelassen haben, daß eine hilflose Mehrheit der Wähler keine andere Chance mehr gesehen hat, sich die (vergebliche) Hoffnung auf Gehör zu verschaffen…
Nein, wir flüchten nicht aus diesem Landstrich, dessen Menschen sich kein bißchen verändert haben mit dem Kreuz auf dem Wahlzettel vor 14 Tagen. Danke für das Angebot, aber nein danke!
english version:
“Refugees welcome!” / “Flüchtlinge willkommen!” write our extended circle of family and friends… This now-ubiquitous catchphrase from the debate over the reception of asylum seekers – a debate that has taken shape since the wars in Syria and Ukraine – is aimed at us in this instance. At us, who have moved from Germany’s modern, cosmopolitan and rainbow-coloured capital to the Saxony-Anhalt countryside.
Surely we must be eager – and, above all, remorseful – to return as soon as possible…?!
Why? Because of a rarely seen clear and unambiguous election result two weeks ago. The state election in our region saw an overwhelming majority of votes go to the AfD (amidst a record-breaking turnout, incidentally).
Well. Surely that must make one want to leave, mustn’t it??
Well, we see it a little differently. Unlike parties, organisations, most professional politicians and media representatives – who find this election result, depending on their perspective, surprising, shocking, baffling or appalling – we have long seen no other possible outcome.
That hurts as I write it. Personally, I do not consider the AfD a viable option; I have never voted for their candidates and never would. Nor, for that matter, would I vote for any of the other clownish parties claiming a place on those endlessly patient electoral lists.
At the moment (and this isn’t just a recent development), I don’t believe there is a single party that pursues effective, people-centred and morally sound policies. Let’s not get the wrong idea: there are good people and less good people in all parties. All parties have points in their manifestos that I find appealing, and many more that make me want to run away screaming.
It has long since become an intertwined and self-perpetuating system that is ultimately incapable of political renewal – and without renewal, things will continue to go downhill.
What has alarmed me is the brazenness with which respectable and, needless to say, deeply democratic politicians have treated the AfD candidates, and the way the election campaign was conducted…:
A Green city councillor posts a poster on social media featuring the face of the AfD’s lead candidate, who urgently advises his voters to sign the ballot paper to prevent fraud to the detriment of the AfD… As cheap as that is, it is just as manipulative; how many voters are actually aware that this would render the ballot paper invalid…?
https://dpa-factchecking.com/germany/260824-99-425284/
There stands a current CDU Minister-President, saying with utter cheek: “There won’t be a new Minister-President if the AfD wins the election; I’ll simply carry on governing for the next five years.” He justifies his slightly mad announcement by pointing to a loophole in the state constitution that has existed since the last amendment – the law no longer requires an election for Minister-President at all. Oops…
https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2026/sven-schulze-es-wird-keine-wahl-geben/?
In any case, anyone and everyone is being labelled a Nazi across the board simply for thinking that proceedings to ban a party are nonsense, for expressing understanding for the voting behaviour of a large majority as indicated in many polls and studies, or even just for saying that the ‘established parties’ are no longer of any use whatsoever…
So, in my view, there’s no reason to be stunned or horrified now. But hang on: the folks in the CDU and SPD are now declaring that their recent policies apparently haven’t really resonated with the public and that they need to reorient themselves…!? Now?? When the damage has already been done? How stupid or ignorant can they be…??
It won’t be the end of the world if the AfD gains influence in government here. A Fourth Reich won’t be conjured up, and all the terrible things predicted by the propaganda will, of course, not happen either. Because all those grandiose points in the alternative party’s manifesto are baseless and unrealistic. For the most part, the announced changes and measures concern areas in which a state government simply has no jurisdiction and cannot change a single thing. Nevertheless, real damage can be done in some areas.
Will the other parties – the resounding losers of the election – finally refocus on the public and their electoral mandate, and stop prioritising ideology over democracy? Some politicians have already crossed that bridge and started looking for pragmatic solutions and compromises. Thank you for that! If anyone can still bring about a sensible reorientation, it’s you!
To the rest, who remain stubbornly closed-minded, let this be my final piece of advice: don’t turn people even more against you! If, at some point, the question of who is to blame arises, it will not be a former home fragrance salesman from Saxony-Anhalt who has ruined everything, but rather the relatively closed group of those who, out of narrow-mindedness, allowed a helpless majority of voters to see no other way of voicing their (futile) hope of being heard…
No, we’re not fleeing this part of the country, whose people haven’t changed one bit since they ticked the box on the ballot paper 14 days ago. Thanks for the offer, but no thanks!
