Über das Leben mit einer Sozialphobie / About living with social phobia

in Deutsch Unplugged5 years ago (edited)

english below...

Ich bin, wie ich bin - und das ist gut so! Vorzugsweise nämlich alleine. Im Ernst - ich kann keine Menschen um mich herum ertragen. Das ist nicht behindernd und schlimm, sondern voll okay. Ich weiß bis heute nicht, ob ich durch meine spezielle Art aufzuwachsen so geworden bin oder ob ich so aufgewachsen bin, weil ich schon immer so war... Soll mir auch egal sein! Auf meine Art bin ich der zufriedenste Mensch, den ich kenne. Mein Leben habe ich genauso eingerichtet, wie ich es brauche. Trotzdem ist das manchmal echt schwer zu vermitteln, gerade Menschen, die einem etwas bedeuten. Früher hatte ich durchaus die Idee einer eigenen Familie. Nach den ersten Versuchen mit Beziehungen war mir aber schnell klar, daß ich damit nicht gut leben kann. Ich betone: es waren nicht die anderen Menschen an meiner Seite, die mich eingeengt haben. Nein, ich fühle mich durch die Anwesenheit anderer, durch Stimmen, Gerüche, allein durch das Wissen darum bereits gestört. Ich habe meinen Beruf so gewählt, daß ich alleine arbeite und nicht im Umfeld von Menschen, Städten, Siedlungsstruktur. Ich gehe nicht einkaufen - ich erzeuge selbst oder lasse mich beliefern. Ich fahre nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich gehe nicht in Gaststätten und übernachte nicht in Hotels. Ich gehe nicht auf Parties. Zu Hause und wohl fühle ich mich ohne Straße vor der Tür, mit einem Ausblick, der nichts von anderen existierenden Menschen erahnen läßt. Und dabei bin ich weder unkommunikativ noch hasse ich Menschen. Aber: ich ziehe schriftliche Kontakte den persönlichen vor. Wenn es direkte Begegnungen gibt, dann genau mit einer Person, alles andere würde mich überfordern. Und ich habe viele Stunden Verhaltenstherapie investiert, um in ganz seltenen Ausnahmefällen z.B. eine Lesung meiner Bücher veranstalten zu können oder ein Seminar zu halten.

Es gibt eine große Ausnahme bei all dem: Live-Musik. Ich liebe und brauche Musik und ich mag sie am liebsten ursprünglich und live. So Konzerte sind nun allgemein alles andere als menschenleer. Stört mich nicht. Ist ein bekanntes Phänomen, habe ich gelernt: sobald die Musik losgeht, versinke ich darin und nehme keinen Menschen mehr wahr. Bin dann nicht mehr ansprechbar, aber total gelöst und befreit. Entsprechend gut vorbereitet müssen also Konzertbesuche sein: gut instruierte Begleitung, die mich "behütet", während ich Musik lebe - und mich anschließend aus dem Hexenkessel herausbringt, dann breche ich nämlich zusammen...

Zurück zum Alltag. Partnerschaft - wollte ich nie. Hatte ich nicht. Fehlte mir nicht. Ich konnte zu jeder Zeit meinen Spaß haben, lernte immer gute Leute kennen, wenn mir danach war. Und ich habe Kinder bekommen mit Vätern, die meine Art zu denken respektieren und unterstützen konnten. Jeder hat seine Vaterrolle genau nach seinen Möglichkeiten ausgestaltet, wir waren und sind eine harmonische floating family; jeder hat mit allen Kindern Urlaubsreisen gemacht, die Männer kennen und schätzen sich untereinander und haben heute gute und funktionierende Beziehungen am Start. Mit mir - ging das nicht. Noch einmal: es sind tolle Männer. Die ich nicht aushalten konnte. Es gab skurrile und ungesunde Effekte: wenn ich auf dem Heimweg wußte, der betreffende Mann wäre schon dort oder käme gleich, bin ich nicht nach Hause gefahren. Bin einfach immer weiter gefahren, manchmal 500km. Dann habe ich angerufen und erklärt, ich kann erst zurückkommen, wenn das Haus leer ist... Das klingt bitter. War es für mich auch in den jeweils akuten Situationen. Ich konnte nichts essen, wenn der Freund anwesend war, nicht lachen, ich war gehemmt. Mit der Einsicht und der Akzeptanz meiner Besonderheit hat sich dann alles etwas besser händeln lassen.

Die Kinder: waren gewünscht und werden innig geliebt. Und ich habe so wenig Zeit wie möglich mit ihnen verbracht. Die war dann aber prima! Im Beruf war ich immer engagiert, also gab es KITA, Tagesmutter, AuPairs. Es gab früh Musikschulen, Sportvereine, Freunde zum Spielen und dort übernachten... Das Netzwerken, um uns allen gerecht zu werden und Freiräume für Jeden einzelnen zu schaffen, fand ich immer spannend, anregend - und einfach. Darüber wird es gesonderte Posts geben ;-))

Schnitt: wir schreiben August im Jahr 2017. Am verranzten Küchentisch eines alten Herrn, Schauspieler, aus dem Bekanntenkreis sitzt ein Mann. Der mir sofort irgendwie sympathisch ist, ohne daß ich Gründe konkret benennen könnte. Es ist einfach eine bestimmte Ausstrahlung. Abends meldet sich besagter alter Herr bei mir und übermittelt die Telefonnummer des Unbekannten. Alles weitere fing dann mit einer SMS an, die ich daraufhin an diese Nummer schrieb... Wir sind bis heute zusammen. Wir lieben uns. Ich habe den einzigen Menschen an meiner Seite, der mich "nicht stört", der mich nicht aus der Ruhe bringt. Im Gegenteil. Er baut mich auf, untermauert mich. Er kommt damit klar, daß ich ständig unterwegs bin, ohne mich zu vermissen. Er "braucht" mich nicht im Wortsinn. Wir ergänzen uns eher. Und (oder eher aber): er lebt in Berlin. Kann sich auch nichts anderes vorstellen; da spielen Routinen und Gewohntes eine große Rolle. Das Abtauchen in der anonymen Masse ist für ihn genauso zwingend wie für mich das Alleine sein. Das führt seit fast vier Jahren zu einem inneren Konflikt bei mir. Ich bin das erste Mal in meinem Leben sehr glücklich. Aber nicht mehr zufrieden. Ich leide unter dem Umfeld, daß ich ertragen muß, wenn ich die Zweisamkeit will. Die Krückstöcke, die ich mir gesucht habe, helfen. Ein Pflegepferd, ein Dachgarten... Aber ich merke, wie ich immer abgenervter und launischer werde. Noch habe ich keine Idee, wie ich den Status Quo befriedigend ändern kann...

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english version:

I am the way I am - and that's good! Preferably alone. Seriously - I can't stand people around me. That's not disabling and bad, it's totally okay. To this day I don't know whether I grew up this way because of my special way of growing up or whether I grew up this way because I have always been this way.... I don't care! In my own way, I am the most content person I know. I have arranged my life exactly the way I need it. Still, sometimes it's really hard to communicate that, especially to people who mean something to you. I used to have the idea of having my own family. But after my first attempts at relationships, it quickly became clear to me that I couldn't live well with that. I emphasise: it was not the other people at my side who constricted me. No, I feel disturbed by the presence of others, by voices, smells, just the knowledge of it. I have chosen my profession in such a way that I work alone and not in the environment of people, cities, settlement structure. I don't go shopping - I produce my own food or have it delivered. I do not use public transport. I do not go to restaurants and do not stay in hotels. I do not go to parties. I feel at home and comfortable without a street in front of my door, with a view that gives no hint of other existing people. And I am neither uncommunicative nor do I hate people. But: I prefer written contacts to personal ones. If there are direct encounters, then exactly with one person, anything else would overwhelm me. And I have invested many hours of behavioural therapy in order to be able, in very rare exceptional cases, to organise a reading of my books, for example, or to hold a seminar.

There is one big exception to all this: Live music. I love and need music and I like it best originally and live. So concerts are now generally anything but deserted. Doesn't bother me. It's a well-known phenomenon, I've learned: as soon as the music starts, I sink into it and don't notice any more people. I'm no longer responsive, but totally relaxed and liberated. So concert visits have to be prepared accordingly: well-instructed accompaniment that "protects" me while I live the music - and then takes me out of the witch's cauldron, because then I collapse...

Back to everyday life. Partnership - I never wanted it. I didn't have one. I didn't miss it. I could have fun at any time, always met good people when I felt like it. And I had children with fathers who respected and supported my way of thinking. We were and are a harmonious floating family; everyone went on holiday with all the children, the men know and appreciate each other and today have good and functioning relationships. With me - that didn't work. Once again: they are great men. That I can't stand. There were bizarre and unhealthy effects: if I knew on the way home that the man in question was already there or about to come, I didn't drive home. I just drove on and on, sometimes 500km. Then I called and explained I couldn't come back until the house was empty.... That sounds bitter. It was for me in the most acute situations. I couldn't eat when the boyfriend was present, I couldn't laugh, I was inhibited. With the insight and acceptance of my specialness, everything became a little easier to handle.

The children: were wanted and are dearly loved. And I spent as little time as possible with them. But then it was great! I was always involved in my job, so there were daycare centres, childminders, au pairs. There were music schools early on, sports clubs, friends to play with and stay over.... I have always found networking to suit all of us and to create free spaces for each individual exciting, stimulating - and easy. There will be separate posts about that ;-))

Cut: it's August 2017 and there is a man sitting at the wizened kitchen table of an old man, an actor, from my circle of acquaintances. I immediately like him somehow, without being able to name any specific reasons. It is simply a certain aura. In the evening, the old man contacted me and gave me the unknown man's telephone number. Everything else started with a text message which I then wrote to this number... We are still together today. We love each other. I have the only person by my side who "doesn't bother" me, who doesn't upset me. On the contrary. He builds me up, underpins me. He can do that because he is Asperger's (autism spectrum). He can cope with the fact that I am constantly on the move without missing me. He does not "need" me in the literal sense. We rather complement each other. And (or rather): he lives in Berlin. He can't imagine anything else either; routines and familiar things play a big role. For him, disappearing into the anonymous masses is just as compelling as being alone is for me. This has led to an inner conflict for me for almost four years. For the first time in my life, I am very happy. But not satisfied. I suffer from the environment that I have to endure if I want to be together. The canes I have been looking for help. A foster horse, a roof garden... But I notice how I am becoming more and more irritated and moody. I still have no idea how to change the status quo satisfactorily....

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 5 years ago (edited)

Ah, geht doch... ;-)
Vielen Dank für dein phantastisches Debüt in Deutsch Unplugged!
Gelesen habe ich den Beitrag bereits (wir lesen vor dem Voten alles), komme nachher nochmal "privat" vorbei... :-)
LG @chriddi

P.S.: Würdest du bitte noch den Hashtag #steemexclusive nacheditieren. #introduceyourself kann weg, denn den hast du bereits benutzt und sollte nur Vorstellungsbeiträgen vorbehalten sein. LG

 5 years ago 

Herzlich gerne ;-))

 5 years ago (edited)

Schöne Beiträge de du veröffentlichst - und schön das ich dich über Facebook für Steem gewinnen konnte. Wenn du möchtest das auch Beiträge die du über eine Community veröffentlichst auf deiner Pinwand zu sehen sind dann klicke auf das Häkchen - aber Achtung das kann man nicht mehr Rückgängig machen !
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Den TAG #introduceyourself benutzt man eigentlich nur einmal für seinen Vorstellungspost. Mir und vielen Anderen ist das Schnuppe aber es gibt auch welche denen das .... :)

Wie man die Bildgröße anpasst das auch das Bild in der Übersicht aller Beiträge in voller Auflösung zu sehen ist werde ich in einen Beitrag irgendwann einmal schreiben.

 5 years ago 

Oy. Danke Dir für beide Tipps.

 5 years ago 

Ich finde das sehr interessant.
Erstaunlich finde ich, daß du Kinder hast.
LG

 5 years ago 

Ja, ich selber habe das auch dauernd und ständig hinterfragt. Aber es fühlt sich gut an, ich schätze die wenige und intensiv miteinander verbrachte Zeit - und meine Kinder geben mir recht... Klar - sind alle verschieden und mein mittlerer hätte sich mehr Regeln und Routinen gewünscht. Die anderen sind froh, daß sie frei und selbsterziehend groß werden konnten.

 5 years ago 
Du hast ein kleines Upvote von unserem Curation – Support – Reblog Account (German Steem Bootcamp) erhalten. Dieser wurde nanuell erteilt und nicht von einem Bot. Mit freundlichen Grüßen @cultus-forex
Du findest uns im Discord unter https://discord.gg/Uee9wDB

Toller Erfahrungsbericht über dich.

 5 years ago 

sehr interessant und mir kommt das ein oder andere bekannt vor in meinem leben.....

 5 years ago 

Ich hoffe, daß sind nicht nur negative Faktoren. Du hast bestimmt auch alles für Dich im Griff!

 5 years ago 

für mich gibt es keine negativen faktoren nur bewusst gewollte stuationen.....alles was ich mache,will ich auch so,ich tanze gerne meinen feuertanz nicht den von anderen :-)
bin gerne mit ausgewählten personen zusammen-mein sohn und meine mama kann ich ständig um mch herum haben,wir ticken halt gleich-
einkaufen geh ch in klene dorfläden,alles andere wäre mir zu anstrengend,muss ich nicht haben.....
doch auf festivals,wenn ch denn mal dort bin,kennt spätestens nach 3 stunden,jeder meinen namen und gesicht dazu :-) dann bin ich mit bier bewaffnet,eine rampensau.......
und danch mach ich hinter mr die tür zu und bin wieder eremit mit meinen tieren.......

 5 years ago 

Vielen Dank für deinen so offenen, hochinteressanten Bericht.

Da ich beruflich auch mit Jugendlichen mit Autismus arbeite, ist mir diese Nichtertragenkönnen menschlicher Kontakte, Geräusche und vor allem Berührungen durchaus bekannt, ich habe aber noch nie jemenden kennengelernt, der explizit erklären kann, wie es sich für ihn selbst anfühlt. Spannend, danke! Besonders freut es mich zu lesen, dass du mit deinem Leben sehr zufrieden bist und dich kaum beeinträchtigt fühlst, denn du hast ja Wege für dich gefunden, gut durch den "Sozialdschungel" zu kommen.

Die Beziehung zu deinem Freund scheint perfekt, da ihr beide eure unterschiedlichen Wahrnehmungen respektiert und akzeptiert, dabei bereit seid, füreinander auch kleine Kompromisse einzugehen.
Weiter alles Gute!

 5 years ago 

Genau so empfinde ich es: schwer erklärbar - außer das Gegenüber ist bereit, sich voll darauf einzulassen, daß es eben noch eine andere Weltsicht gibt als die gewöhnliche. Und ja: mir ist bewußt, wie viel Einsamkeit es gibt, wie viele Leute unter mangelnden Berührungen und Kontakten leiden. Ich bin teils sehr froh, daß mir diese Probleme abgehen und ich einfach leben kann! Danke Dir für den professionellen und doch nahen Zuspruch!

Wow - Dein Post hat mich unglaublich berührt. Ich selbst habe durch eine Gewaltbeziehung mit einem Narzisten eine soziale Phobie entwickelt. Ich fühle mich damit aber nicht wohl - ich brauche Menschen, die mit mir sind. Nicht viele - habe ich auch nie gehabt- aber ein paar. Und denen halte ich teilweise schon über 30 Jahre die Treue und sie mir durch alledunkelen Zeiten und auch in den tollen Zeiten, die ich in meinem Leben hatte. Was mich gerade unglaublich mit Dir verbunden hat, war de Abschnitt über die Musik. Ich habe gedacht, Du schreibst über mich. Es scheint doch noch andere Menschen zu geben, die in der Musik leben...... Selbst in meinen schwärzesten Löchern - da konnte ich teilweise nur aus dem bett aufstehen, um aufs Töpfchen zu gehen - bin ich tanzen und zu Konzerten gegangen. Ich wage zu behaupten: Music saved my life. Ich danke Dir für diesen Post

 5 years ago 

Fühl' Dich gedrückt! Ich werde mehr darüber scheiben - mir hilft das in erster Linie, mit Dingen abzuschließen (weil ich sie klarer sehen und einordnen kann). Und he - wenn nicht, dann eben wieder Mucke ;-))

Du Dich auch - ja schreiben hilft mir auch sehr - schon immer, ich habe mit 12 das "Tagebuch der Anne Frank" gelesen und seitdem schreibe ich Tagebuch.....

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