RE: Was Schamanismus für mich bedeutet
Spannend zu lesen – danke, dass du so offen darüber schreibst.
Ich möchte etwas anmerken, das skeptisch klingt, aber keinerlei Angriff ist – ich analysiere einfach gern Phänomene und meine Kritik zielt nie auf Personen, sondern auf Begriffe und Logiken.
Mir ist beim Lesen ein innerer Widerspruch aufgefallen:
Du kritisierst Christentum und Aufklärung als zerstörerisch – gleichzeitig benutzt du Begriffe wie Unterbewusstsein, Trauma, Psychologie, Energie, Ahnenarbeit oder Trance, die erst durch eben diese westliche Aufklärungs- und Wissenschaftstradition entstanden sind. Ohne sie gäbe es weder Freud, noch Traumatherapie, noch die moderne Vorstellung von Trance.
Auch die Aussage, dass die Wissenschaft „schamanischen Phänomenen irgendwann auf die Schliche kommen wird“, setzt ja voraus, dass du wissenschaftliche Objektivierung grundsätzlich akzeptierst – also genau die Methode, die du zuvor als „neue Religion“ kritisierst.
Deine Beschreibungen (Reisen, Seelenflug, Hellsinne) wirken für mich eher wie sehr kraftvolle innere Prozesse. Das hat mich auch an sogenannte „Out-of-Body Experiences“ erinnert — ein starkes, sehr reales Gefühlserleben, das in der Parapsychologie beschrieben ist. Gleichzeitig ähneln sich erstaunlicherweise auch die Erfahrungsberichte über Entitäten bei DMT, und selbst die CIA hat Remote Viewing untersucht. Ich bin also alles andere als komplett skeptisch — da ist etwas dran. Nur: Das läuft fachlich meist nicht unter „Schamanismus“, sondern unter Bewusstseinsforschung, Parapsychologie und Neurophänomenologie.
Aber genau deshalb wollte ich den Widerspruch ansprechen: nicht um dich persönlich anzugreifen, sondern um zu verstehen, wie du das für dich selbst einordnest. Denn du sagst ja selbst, dass du früher Angst hattest, darüber zu sprechen — und ich kann absolut nachvollziehen, wie schnell man sich erklären oder verteidigen muss, sobald man über innere Erfahrungsräume spricht, die schwer in Worte zu fassen sind.
Vielleicht ist genau das ja dein Punkt: dass du keine indigene, historische Form meinst, sondern eine moderne, freie, westliche Innenweltpraxis. Wenn das so ist, wäre „Schamanismus“ eher eine Hülle für etwas, das du für dich mit Bedeutung füllst. Und das ist völlig legitim.
Mich interessiert tatsächlich, wie du persönlich diesen Spannungsbogen siehst – zwischen innerer Erfahrung, wissenschaftlicher Begrifflichkeit und spirituellem Rahmen.
Liebe Jan-Philipp,
für mich steckt eigentlich in deiner Frage schon ein Teil der Antwort 🙃 Ich kritisiere so einiges und lehne es dennoch nicht ab - so wie du mich hoffentlich (wie du schreibst, als Person ebenfalls nicht), obwohl du Kritik äußerst. Das schließt sich für mich nicht aus.
Weder hätte ich das Fass von mir aus auf gemacht, noch denke ich, alles gut einordnen zu können. Der Begriff Schamanismus kann sicherlich für sehr viele Praktiken genutzt werden, darauf wollte ich mit den „vielen Gesichtern“ hinaus.
Ich halte inzwischen (diese) vermeintlichen Gegensätze und Unklarheiten (für den Verstand) gut aus, solange ich mich gut damit fühle. Wer was wie einordnet oder benennt ist für mich nicht relevant, wenn ich dadurch Lebensqualität erfahre. Ich integriere auch alles, wie in ein Puzzle, es muss sich nicht im Weg stehen. Ich nehme, was mir taugt und lasse weg, was mir nichts nutzt.
Alles hat immer 2 Seiten und am Ende bin ich dankbar für alle Aspekte. Auch die Zerstörung der Kirche beispielsweise, ermöglicht uns ja nun gerade diese freie, westliche Praxis - da eben nicht in Xter Generation eine Ziege für Ritual Y dran glauben muss, weil dies eben „immer so gemacht wurde“ Am Ende dürfen wir vielleicht gerade deshalb somit essenzieller und ganz neu in diese Arbeit eintauchen. Die Gesetzmäßigkeiten dahinter, scheinen mir jedoch immer eine ähnliche Basis zu haben ( wie auch die Bibel z.B.).
Vielleicht liest sich meine, humorvoll gemeinte, Kritik an Kirche und Co auch strenger, als sie gemeint war - das geschriebene Wort stellt für solche Themen, für mich persönlich, auch kein attraktives Medium da. Genau diese persönlichen Subtexte wären vielleicht in diesem Zusammenhang hilfreich gewesen. Naja, es war ein Versuch 🤣
Dennoch war es für mich auch spannend, es mal in Schrift zu kleiden und auch den Austausch darüber finde ich sehr interessant. Also stell gern weiterhin deine Fragen. Ich denke, wir brauchen entspannten Austausch, der auch aushält, wenn Personen andere Standpunkte vertreten. Denn am Ende können die meisten Meinungen friedlich Co existieren 😊 solange wir uns eben nicht persönlich daran aufhängen oder uns davon abgewertet fühlen.
Liebe Grüße
Nein, ich mag dich deswegen nicht weniger – eher mehr. 😊
Ich finde es gerade sympathisch, dass du Dinge kritisch beleuchten kannst, ohne Menschen abzuwerten. Genau so versuche ich auch zu sein: offen, neugierig, nicht vorschnell verurteilend, sondern erst einmal verstehen wollend. Auch wenn ich Dinge beurteile oder einordne – ich möchte wissen, wie sie für die andere Person gemeint sind. Deshalb habe ich dich ja gefragt, was Schamanismus für dich bedeutet.
Für mich ist das ein bisschen wie bei Gesprächen über „Gott“:
Bevor man überhaupt diskutieren kann, muss man klären, welchen Gott man meint.
Den, der überall und in jedem ist – ein Bewusstseinsprinzip – oder die personale Figur aus der Bibel?
Gefühl vs. Person.
Sonst redet man zwangsläufig aneinander vorbei.
In der Parapsychologie kenne ich mich ein Stück weit aus, und Schamanismus kann je nach Mensch wirklich ganz Verschiedenes bedeuten. Für mich war es immer eher die Ableitung vom klassischen Schamanen – also etwas in Richtung Medizinmann, Heiler, Vermittler zwischen Welten. Geistheilung ist so vielfältig, dass man es kaum in einen Begriff pressen kann.
Und ja: Ich glaube an Gott, den Teufel, Engel und auch an Dämonen – für mich hängt das alles zusammen, wie verschiedene Ebenen derselben Wirklichkeit. Das heißt aber auch: Ich bin niemand, der solche Themen lächerlich macht oder sofort in Schubladen stopft. Ich höre zu, frage nach und versuche zu verstehen, wie es für den anderen Sinn ergibt.
Ich freue mich also wirklich über den Austausch mit dir. 🙏✨
Das freut mich sehr 🤗 Diese Art des Austauschs braucht es dringend wieder mehr - ich darf mir da auch an die eigene Nase fassen: sicher habe ich früher oft vorschnell den „Verteidigungsmodus“ eingeschaltet, weil ich getriggert war.
Die Funktionen von Medizinfrau, Vermittlerin usw. Sehe ich bei „meinem“ Schamanismus schon auch - gerade in Deutschland kommt man hier allerdings schnell in gefährliches Fahrwasser. Der Begriff Heilung ist ja schon total rechtlich eingekesselt, soweit ich weiß… Die Anbindung liefert hier dann die Anleitung, welche sehr individuell ist. Aber das sprengt hier den Rahmen.
Mir kam noch der Gedanke, dass mein Verstand deutlich ruhiger geworden ist, seit ich erfahren und erleben darf, wie durch diese Praxis verschiedene Ebenen in Heilung gehen können. Seit ich erlebe, dass es möglich ist und wie umfangreich Selbstheilung (auch körperlich) möglich ist, hat mein Verstand den Thron verwirrt verlassen und in den hinteren Reihen Platz genommen. 😂 Dennoch verstehe ich deinen Wunsch total, die Zusammenhänge und Hintergründe verstehen zu wollen - wir leben ja in einer sehr verstandeslastigen Kultur. Es gibt jedoch, meiner Erfahrung nach, viel weitere und tiefere Bewusstseinsebenen und Heilung und echte Wahrhaftigkeit entspringt, für mich, nie aus dem Verstand - er ist ein Tool und wir dürfen ihn mit Freude nutzen und ihm sagen, wohin die Reise geht 😊 Sobald er dirigiert erzeugt er mehr Abtrennung und wiederholt immer wieder die alten Muster. So mein aktueller Stand.
Sollte dich also mal eine Form der Bewusstseinserweiterung, fernab von Substanzen, ansprechen, die dir begegnet, kann ich dir nur ermunternd anraten, ins Erfahren zu gehen 🍀