𝗗𝗲𝗿 𝗚𝗲𝗿𝘂𝗰𝗵 𝘃𝗼𝗻 𝗕𝗼𝗵𝗻𝗲𝗿𝘄𝗮𝗰𝗵𝘀 🧹

in Steem Germany13 days ago

Es gibt Gerüche, die gehören zu einem Tag. Montag roch nach Schulbrot in der Brottasche. Mittwoch nach Kohlsuppe aus der Schulspeisung. Und Samstag? Samstag roch nach Bohnerwachs.

Wer diesen Geruch nicht kennt, dem kann ich ihn nicht erklären. Wer ihn kennt, der riecht ihn gerade. Genau jetzt. Dieses leicht süßliche, wachsige, ein bisschen strenge Etwas, das sich mit dem Holz verbunden hat und den ganzen Tag in der Wohnung hing.

Bei uns war Samstag der Tag, an dem die Wohnung auf Hochglanz gebracht wurde. Nicht dass es unter der Woche unordentlich gewesen wäre. Mutti hat die Küche ohnehin immer sauber gehalten, und wir haben abends unseren Kram weggeräumt. Das war keine Bitte, das war Gesetz. Aber Samstag war Samstag. Da wurde nochmal richtig durchgewischt, Staub gewedelt, die Böden gemacht.

Und dann war da die Treppe.

Wir wohnten ganz oben in der alten Villa in der 18. Märzstraße. Unter uns Familie Hoppe. Und ganz unten die Büroräume der LDPD. Das ganze Haus hatte Holztreppen. Schöne, alte Holztreppen, die knarrten wenn man drauftrat und die man behandeln musste wie ein Möbelstück. Denn das waren sie im Grunde auch.

Jede Partei war für ihren eigenen Treppenabschnitt zuständig. Von unserer Wohnung runter bis zu Frau Hoppe – das war unser Bereich. Und der hatte zu glänzen.

Also: Bohnerwachs raus. Lappen raus. Und dann auf die Knie.

Ich weiß noch, wie Mutti auf den Stufen kniete und mit dem Lappen das Wachs einrieb. Stufe für Stufe. Gleichmäßig, gründlich, ohne Hast. Und danach wurde poliert. Mit einem trockenen Tuch, bis das Holz glänzte. Bis man sich fast drin spiegeln konnte.

Wer jemals eine frisch gebohnerte Holztreppe runtergelaufen ist, in Socken, der weiß: Das ist kein Laufen. Das ist Eiskunstlauf. Nur ohne Eis. Und ohne Kunst. Und meistens ohne auf den Füßen zu bleiben.

Ich bin da mehr als einmal auf dem Hintern gelandet. Mutti hat dann geschimpft und gleichzeitig gelacht, was sie nicht zugegeben hätte. Aber ich hab's gesehen.

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Was das Aufräumen anging, hatte ich es gut. Mein Zimmer war winzig. So winzig, dass es eigentlich gar kein richtiges Zimmer war. Bis ich zwölf oder dreizehn war, stand dort ein kleines Kinderbett. Das war schon fast die Hälfte vom Raum.

Und dann habe ich mir was gebaut.

Ich hatte einen alten Schrank, der genau von Wand zu Wand passte. Die Rückwand habe ich rausgenommen. Und ab da musste jeder, der in meinen Bereich wollte, von vorne durch den Schrank durch. Als wäre es eine Geheimtür. Dahinter: mein Reich. Gerade groß genug, dass drei Matratzen längs nebeneinander gepasst hätten. Ich brauchte nur eine. Davor noch ein kleiner Schreibtisch, und das war's.

Aufräumen? Zwei Minuten. Höchstens.

Andreas hatte Opas altes Zimmer mit dem Kanonenofen. Der hatte mehr Platz, aber auch mehr aufzuräumen. Da war ich fein raus.

Muttis Schlafzimmer war fast wie ein zweites Wohnzimmer. Groß, hell, ihr eigenes kleines Reich. Ich kann mich als kleines Kind noch erinnern, da stand ein großes Ehebett drin. Aber als mein Vater dann gegangen war, einige Jahre später, wurde das Bett halbiert. Das Einzelbett blieb, der Rest wurde zu ihrem Platz. Ihrem ganz eigenen.

In der Ecke stand eine alte Nähmaschine. So ein Ding mit einem Fußpedal, auf das man treten musste, damit die Nadel sich bewegte. Später hat sie irgendwann eine elektrische bekommen. Ich weiß gar nicht mehr woher. Geschenkt vielleicht, oder getauscht. So war das damals.

Aber diese Nähmaschine, die lief. Die lief abends, wenn wir schon im Bett lagen. Dieses leise Rattern aus dem Nebenzimmer, gleichmäßig wie ein Herzschlag. Mutti hat sich selbst Kleider genäht. Blusen, Röcke, alles Mögliche. Und für uns Kinder hat sie Sachen angepasst, umgenäht, repariert. Was Andreas zu klein wurde, landete bei mir. Nicht als Lumpen, so war das nicht. Aber solange die Sachen noch ordentlich waren, wurden sie weitergegeben. Und wenn die Ärmel zu lang waren oder die Hose zu weit, dann saß Mutti abends an der Nähmaschine und machte das passend.

Die Nachbarn kamen auch. Brachten Sachen, die geändert oder geflickt werden mussten. Mutti hat das gemacht. Ohne viel Aufhebens, ohne Rechnung. Das war Nachbarschaft.

Wenn man heute bedenkt, wie viel Klamotten jeder im Schrank hat – so war das damals nicht. Man hatte ein paar Shirts. Vielleicht zwei Hosen, eine dritte gute Hose für besondere Anlässe. Zwei Paar Schuhe. Das war's. Selbst gestrickte Pullover waren normal. Handschuhe, Mützen, Socken – alles selbst gemacht. Heute zahlt man ein Vermögen für handgestrickte Socken und nennt es Handwerk. Damals nannte man es: 𝗠𝘂𝘁𝘁𝗶.

Aber zurück zum Samstag. Wenn die Treppe glänzte und die Böden gemacht waren und jeder sein Zimmer aufgeräumt hatte, dann war dieser Moment. Dieser eine Moment, in dem man sich in die Stube setzte und alles roch nach sauber. Nach Bohnerwachs und Holz und frischer Luft, weil Mutti die Fenster kurz aufgerissen hatte, auch im Winter.

Und Mutti stand in der Küche und hat Kaffee gemacht. Nicht den guten, den gab es nur sonntags. Aber Muckefuck reichte völlig. Dazu ein Stück Kuchen, wenn welcher da war. Oder Brot mit Marmelade.

Gelegentlich hat sie die Holzmöbel eingeölt. Den großen runden Tisch in der Stube, die Stühle, den Schrank. Das war so ein stiller Nachmittag, an dem alles langsam ging und trotzdem alles erledigt wurde. Manchmal wurden die Fenster geputzt. Aber das war eher die Ausnahme. Das Normale reichte.

Und das war vielleicht das Schönste daran: Es war normal. Es war kein Stress. Es war einfach Samstag.

Wenn ich heute hier in meiner Holzhütte in Finsterbergen den Boden wische, dann denke ich manchmal an die Treppe. An das Bohnerwachs. An Mutti auf den Knien. An das Glänzen des Holzes, wenn man fertig war. An das Rutschen in Socken und Muttis Gesicht, halb schimpfend, halb lachend.

Und an diesen Geruch, den man nicht kaufen kann. Weil er nicht nur nach Wachs riecht. Sondern nach Samstag. Nach Zuhause. Nach einer Zeit, in der wenig viel war.

𝘐𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯, 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘦𝘳𝘻 𝘸𝘢𝘳 𝘳𝘦𝘪𝘯. ❤️

𝘔𝘢𝘯𝘤𝘩𝘮𝘢𝘭 𝘴𝘪𝘯𝘥 𝘦𝘴 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘥𝘪𝘦 𝘨𝘳𝘰ß𝘦𝘯 𝘋𝘪𝘯𝘨𝘦, 𝘥𝘪𝘦 𝘣𝘭𝘦𝘪𝘣𝘦𝘯. 𝘚𝘰𝘯𝘥𝘦𝘳𝘯 𝘦𝘪𝘯 𝘎𝘦𝘳𝘶𝘤𝘩. 𝘌𝘪𝘯𝘦 𝘛𝘳𝘦𝘱𝘱𝘦. 𝘌𝘪𝘯 𝘓𝘢𝘱𝘱𝘦𝘯 𝘪𝘯 𝘔𝘶𝘵𝘵𝘪𝘴 𝘏𝘢𝘯𝘥. 𝘜𝘯𝘥 𝘥𝘢𝘴 𝘎𝘦𝘧ü𝘩𝘭, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘢𝘭𝘭𝘦𝘴 𝘢𝘯 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘗𝘭𝘢𝘵𝘻 𝘪𝘴𝘵.

Wer von euch kennt das noch – Bohnerwachs auf der Treppe und dann in Socken drüber rutschen? Oder hat eure Mutti auch abends an der Nähmaschine gesessen? 💬

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ich konnte deinen post gleich riechen
bohnerwachs,ein tückisch geiles zeug
wie der junge in deinem bild,sind wir auch auf socken die treppe hinunter gerutscht,dann auf dem hosenboden ( der danach glänzte )
dann auf matten durchs ganze treppenhaus
was für ein spass das war

macht das heute eigentlich noch jemans,seine treppe,bohnern

danke für den kleinen rückblick auch in meine kindheit

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