𝗞𝗮𝗿𝘁𝗼𝗳𝗳𝗲𝗹𝗻 🥔
Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als Mutti mich zum ersten Mal ein Messer in die Hand nehmen ließ. Sechs vielleicht. Oder sieben. Auf jeden Fall klein genug, dass ich auf einem Stuhl knien musste, um an den Küchentisch zu kommen.
𝗛𝗶𝗲𝗿. 𝗦𝗰𝗵ä𝗹. 𝗔𝗯𝗲𝗿 𝗱ü𝗻𝗻. 𝗡𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗱𝗶𝗲 𝗵𝗮𝗹𝗯𝗲 𝗞𝗮𝗿𝘁𝗼𝗳𝗳𝗲𝗹 𝗺𝗶𝘁 𝘄𝗲𝗴𝘀𝗰𝗵𝗻𝗲𝗶𝗱𝗲𝗻.
Das war Muttis Art, mir etwas beizubringen. Keine langen Erklärungen. Kein Vortrag über Schnitttechnik. Einfach: Hier, mach mal. Und dann gucken, ob ich es hinkriege.
Die ersten Kartoffeln sahen aus, als hätte jemand mit einer Axt draufgeschlagen. Mutti hat nichts gesagt. Sie hat die Schalen genommen, die ich zu dick abgeschnitten hatte, und sie in den Eimer geworfen. Ohne Kommentar. Ohne Kopfschütteln. Und mir die nächste Kartoffel hingelegt.
So hat man das gelernt. Nicht durch Reden. Durch Machen.
Die Küche war Muttis Reich. Nicht groß, nicht modern, nicht besonders hübsch. Aber es war der Raum, in dem alles zusammenkam. In der Ecke stand der Kohleherd. Nicht nur zum Heizen, der wurde auch zum Kochen benutzt. Im Winter lief der sowieso, und Mutti hat die Hitze genutzt. Kartoffeln im Topf auf der Herdplatte, das Ofenrohr warm, die ganze Küche dampfig und gemütlich.
Wenn Mutti kochte, beschlugen die Fenster. Dieses Bild habe ich noch ganz genau vor Augen. Die Scheiben von oben bis unten mit Dampf bedeckt, und ich habe mit dem Finger Gesichter reingemalt, während Mutti am Herd stand und umrührte. Draußen wurde es dunkel, drinnen roch es nach Essen, und die Welt war in Ordnung.
Ich habe immer gerne zugeschaut. Wie sie die Zwiebeln schnitt, ohne eine Miene zu verziehen. Wie sie den Teig knetete, immer mit den gleichen Bewegungen, immer im gleichen Rhythmus. Wie sie abschmeckte – einmal probieren, Salz dran, nochmal probieren, fertig. Mutti hat nie nach Rezept gekocht. Sie hatte alles im Kopf. Oder besser gesagt: in den Händen.
Und irgendwann war Zugucken nicht mehr genug. Irgendwann wollte ich mitmachen. Nicht weil mich jemand dazu aufgefordert hätte. Sondern weil es sich richtig anfühlte, neben Mutti zu stehen und etwas zu tun.
Für einen Jungen war das damals eher ungewöhnlich. Jungs spielten draußen, schraubten am Fahrrad rum, holten Kohlen aus dem Keller. In der Küche stehen und Kartoffeln schälen? Das war eigentlich Mädchensache. Jedenfalls hätten das manche gesagt.
Mir war das egal. Und Mutti hat es nie komisch gefunden. Sie hat mir einfach das nächste Messer in die Hand gedrückt.
Mit zwölf habe ich angefangen, selbst zu kochen. Kleinigkeiten. Meine Tomatensoße mit Würstchengulasch – das war mein erstes Highlight. Klingt nicht nach viel, aber wenn man zwölf ist und zum ersten Mal allein am Herd steht und etwas kocht, das tatsächlich schmeckt, dann ist das ein Moment. Ein richtiger Moment.
Mutti hat probiert. Hat genickt. Hat nichts weiter gesagt. Aber dieses Nicken – das war mehr wert als jedes Lob.
Mit fünfzehn, sechzehn konnte ich richtig kochen. Nicht nur Kleinigkeiten, sondern richtige Gerichte. Dinge, die Zeit brauchen und Geduld und Handgriffe, die man nur kennt, wenn man sie hundertmal gesehen hat. Ich hatte sie gesehen. Bei Mutti. Am Küchentisch. Am Kohleherd. Und sie waren irgendwann in meine eigenen Hände gewandert, ohne dass ich es gemerkt hätte.
Und dann waren da die Thüringer Klöße.
Die echten. Nicht diese Fertigpackungen, die man heute im Supermarkt kaufen kann und die schmecken wie nasse Pappe mit Kartoffelgeschmack. Nein. Die richtigen. Aus rohen und gekochten Kartoffeln, von Hand gemacht, jeder einzelne.
Das war eine Produktion. Dafür brauchte man den halben Samstag.
Erst die Kartoffeln reiben. Berge von Kartoffeln, auf einer Reibe, bis die Finger wehtaten. Dann die geriebenen rohen Kartoffeln fest in einen Leinensack einwickeln, und ab damit in unsere Trockenschleuder.
Wer jemals eine DDR-Trockenschleuder gesehen hat, weiß, wovon ich rede. Das war kein elegantes Küchengerät. Das war ein totales Monster. Man klappte den Deckel zu, und dann fing das Ding an zu schleudern. Und zu hüpfen. Und zu wandern. Quer durchs Badezimmer, weil es in der Küche keinen Platz dafür gab.
Man musste sich draufsetzen, damit es stehen blieb. Oder sich mit dem ganzen Körpergewicht dagegenstemmen. Und selbst dann hat es noch gezittert und gerattert, als wollte es durch die Wand. Mutti und ich, wir haben uns manchmal vor Lachen kaum halten können, wenn das Ding wieder sein Eigenleben entwickelte.
Aber am Ende kam das raus, was rauskommen musste: trockene Kartoffelmasse auf der einen Seite, Kartoffelstärke auf der anderen. Und daraus hat Mutti dann Klöße geformt, die so geschmeckt haben, wie Klöße schmecken sollen. Wie Thüringen schmeckt. Wie Zuhause.
Die mehrschichtigen Torten habe ich auch von Mutti gelernt. Böden backen, Cremes anrühren, Schicht für Schicht aufbauen, die Glasur gleichmäßig verteilen. Das klingt einfach. Ist es nicht. Da muss jeder Handgriff sitzen. Und Mutti hat es so aussehen lassen, als wäre es nichts. Als würde sich die Torte von allein zusammenbauen. Aber ich weiß, wie viel Arbeit dahintersteckte. Weil ich daneben stand. Weil ich zugeschaut habe. Weil ich irgendwann selbst die Schüssel in der Hand hatte.
Heute sitze ich in meiner Holzhütte in Finsterbergen und mache Dinge, von denen ich als Kind nicht gedacht hätte, dass ich sie jemals tun würde.
Ich backe mein eigenes Sauerteigbrot. Ich mache Torten und Kuchen. Ich setze Wein an. Ich pökele Fleisch und räuchere es dann. Ich mache Wurst selber. Butter sowieso. Im Grunde die ganze Palette rund um Lebensmittelverarbeitung.
Und in der Küche steht ein Kohleherd. Genau wie bei Mutti damals. Im Winter läuft er, und ich koche darauf, und die Fenster beschlagen, und manchmal male ich mit dem Finger Gesichter in den Dampf.
Weil manche Dinge sich nicht ändern. Weil manche Dinge in einem drin sind, ohne dass man weiß woher. Und dann, irgendwann, wenn man alt genug ist und die Erinnerungen von ganz früher wieder gegenwärtig werden, dann wird einem vieles klar. Dann versteht man plötzlich, warum man bestimmte Dinge so gerne macht. Warum einem das Kneten von Teig so vertraut vorkommt. Warum man den Geruch von kochendem Wasser und Dampf an den Fenstern braucht wie andere Leute ihren Morgenkaffee.
Es war Mutti. Es war immer Mutti. Die Küche, der Kohleherd, die Kartoffeln, die Trockenschleuder die durchs Badezimmer hüpfte. Sie hat mir das alles mitgegeben. Nicht absichtlich. Nicht als Unterricht. Einfach dadurch, dass sie mich hat mitmachen lassen.
Und das ist vielleicht das größte Geschenk, das man einem Kind machen kann. Nicht die Antwort auf die Frage: Was willst du mal werden? Sondern die Gelegenheit herauszufinden: Was liegt mir? Was macht mich glücklich? Was fühlt sich richtig an?
Bei mir war es eine Kartoffel. Und ein Messer. Und Mutti, die sagte: 𝗛𝗶𝗲𝗿. 𝗦𝗰𝗵ä𝗹. 𝗔𝗯𝗲𝗿 𝗱ü𝗻𝗻.
𝘐𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯, 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘦𝘳𝘻 𝘸𝘢𝘳 𝘳𝘦𝘪𝘯. ❤️
𝘔𝘢𝘯𝘤𝘩𝘮𝘢𝘭 𝘸𝘦𝘪ß 𝘮𝘢𝘯 𝘦𝘳𝘴𝘵 𝘑𝘢𝘩𝘳𝘻𝘦𝘩𝘯𝘵𝘦 𝘴𝘱ä𝘵𝘦𝘳, 𝘸𝘢𝘴 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘫𝘦𝘮𝘢𝘯𝘥 𝘮𝘪𝘵𝘨𝘦𝘨𝘦𝘣𝘦𝘯 𝘩𝘢𝘵. 𝘕𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘮𝘪𝘵 𝘞𝘰𝘳𝘵𝘦𝘯. 𝘚𝘰𝘯𝘥𝘦𝘳𝘯 𝘮𝘪𝘵 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘔𝘦𝘴𝘴𝘦𝘳 𝘪𝘯 𝘥𝘦𝘳 𝘏𝘢𝘯𝘥 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘦𝘯 𝘞𝘰𝘳𝘵𝘦𝘯: 𝘏𝘪𝘦𝘳, 𝘮𝘢𝘤𝘩 𝘮𝘢𝘭.
Wer von euch stand auch als Kind neben Mutti in der Küche? Wer hat Kartoffeln geschält, Teig geknetet, oder die Trockenschleuder festgehalten die durchs Bad gehüpft ist? Und wer macht heute noch Sachen genauso wie Mutti damals – ohne es gemerkt zu haben, wann man es eigentlich gelernt hat? 💬
